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Rausgehen für die Gesundheit

Sonnige Laune: Die Heilkraft von Vitamin D

Der Frühling steht in den Startlöchern! Die Tage werden länger, die Sonne scheint wieder häufiger und hilft, Vitamin D zu bilden.

Wissenschaftliche Arbeiten belegen, wie viel das Vitamin D zu besserer Gesundheit beitragen kann. Es schützt Herz und Gefäße, verhindert und bekämpft die Krebsentstehung. Es hilft beim Schutz gegen Diabetes, Infektions- und Autoimmunerkrankungen, Hirn- und Muskelschwund. Kurz: Es ist ein Schlüssel für unsere Gesundheit.

Immer mehr Menschen verbannen die Sonne aus ihrem Leben

Büroarbeit, neonbeleuchtete Fitnesscenter, lange Autofahrten und Sonnencremes mit hohem Lichtschutzfaktor geben den Vitamin-D-bildenden Strahlen auf der Haut keine Chance. Freiwillig nimmt man so eine massive Vitamin-D-Unterversorgung in Kauf – mit gravierenden Folgen. Jeder kennt diese Erfahrung: Sonniges Wetter lässt die Stimmung steigen, trübes Herbstlicht macht depressiv. Je nach Lichteinfall sorgen Hormone für Euphorie oder Niedergeschlagenheit für Hellwachsein oder Müdigkeit. Die Erkenntnis "niedriger Vitamin- D-Spiegel bei depressiven Menschen" macht Hoffnung, diese negativen Gemütslagen durch Sonne und Supplemente überwinden zu können. Kann man den Morgen schöner beginnen, als mit einer Tasse Kaffee vor die Tür zu treten, sich auf der Terrasse niederzulassen und das Gesicht in die ersten wärmenden Sonnenstrahlen zu recken? Man glaubt es kaum, welchen Unterschied es für das Lebensgefühl macht, ob man in Südfrankreich Morgen für Morgen mit verschlafenen Augen als erstes goldene Strahlen und blauen Himmel erblickt oder trübes Grau am Regenhimmel über München.

O sole mio!

Den Sonnenkult gibt es seit Urzeiten. Früh erkannten die Menschen: ohne Sonne kein Leben! Die Inka haben Sonnentempel hinterlassen, die alten Ägypter dokumentierten ihre Verehrung des Sonnengottes mit der weltberühmten Sphinx vor der Cheopspyramide. Die Griechen der Antike sind für die Heliotherapie verantwortlich, und die Römer wussten mit ihren Bädern und Solarien auch schon sehr genau, was gut für sie war. Im Norden war der Kult vermutlich noch größer: man denke an das auch nach der Sonnenwende ausgerichtete Steinmonument Stonehenge. Sonnenstrahlen zur Energiegewinnung in Zellen von Lebewesen und in Kollektoren sind als Thema aktueller denn je. Langsam lüftet sich aber auch das Geheimnis, warum Sonne auch für die andere Art von Lebensenergie zuständig ist: Für die lebensbejahende Grundstimmung. Wie entsteht die? Die Hirnzellen werden einmal mehr mit Hormonen beschossen – von unzähligen Botenstoffen! Dann beginnen die Nervenzellen ein paar bestimmte chemische Verbindungen zu produzieren, woraufhin die Synapsen glühen – und plötzlich geht es einem blendend.

Etwas nüchterner ausgedrückt: die Augen nehmen das Sonnenlicht auf, und dieser Sinneseindruck wird über spezielle Rezeptoren und eine Abzweigung des Sehnervs als elektrischer Impuls ins Gehirn weitergeleitet. Im Bereich des Hypothalamus, dem Steuerzentrum des Körpers, befinden sich spezielle Nervenzellen, die daraufhin Serotonin ausschütten. Diese als Gute-Laune-Hormon bekannte Verbindung sorgt anschließend für Wohlbefinden. Im Winter ist es genau umgekehrt: Die ewige Dunkelheit drückt aufs Gemüt. Man wird müde, lustlos, gereizt, manchmal sogar depressiv. Im Winter bringen sich mehr Menschen um als im Sommer, in Helsinki wesentlich mehr als in Rom. Warum Wien hier mit rekordverdächtigen Selbstmordraten aus der Reihe tanzt, können nur die Österreicher erklären. Dass man in den Nordländern zum besinnungslosen Trinken neigt, während in den Sonnenländern der moderate (Wein-)Genuss verbreitet ist, soll auch eine Folge des Lichtmangels sein.

Wenn es dunkel ist, schüttet der Körper verstärkt das Hormon Melatonin aus. Das sorgt nachts dafür, dass man müde wird und einschläft. Wenn man früh aufsteht und es noch dunkel ist, fühlen sich die meisten Menschen immer noch müde und ohne Antrieb. Das könnte vor allem daran liegen, dass immer noch zu viel Melatonin im Hirn seine Wirkung tut. Wenn es im Winter gar nicht richtig hell werden will, möchte man am liebsten gleich wieder ins Bett gehen und weiterschlummern. Winterdepression und Frühjahrsmüdigkeit – ja, es könnte am Melatonin liegen. Kaum scheint die Sonne intensiver im März oder noch steiler im April, kommen Frühlingsgefühle auf. Weniger Melatonin – mehr Sexualhormone – so die gängige Theorie. In der Tat gibt es aber zu diesen Fragen mehr Annahmen als klare Belege. Tatsache ist jedenfalls, dass die Winterdepression inzwischen als eigenes Krankheitsbild anerkannt und beschrieben ist. Man nennt sie offiziell Saisonale Affektive Störung (oder sinnigerweise "SAD" für Seasonal Affective Disorder). SAD-Patienten zeigen die klassischen Symptome der Depression wie Antriebslosigkeit, Konzentrationsschwächen, Müdigkeit, schlechte Stimmung und so weiter. Zudem haben sie häufig ein erhöhtes Schlafbedürfnis, einen gesteigerten Appetit – vor allem auf Kohlenhydrate und Süßes – was die oft zu beobachtende Gewichtszunahme im Winter erklären hilft.

Laut Lehrbuch wurde die SAD erstmals 1984 beschrieben. Sie wird dadurch charakterisiert, dass es sich um wiederkehrende Episoden schwerer Depression handelt, die im Herbst beginnen und im Frühjahr nachlassen. Während der hellsten Jahreszeit, also von Mai bis August, kommt es sogar zum vollständigen Rückgang der Symptome. Außerdem gibt es viele Fälle von nicht saisonaler Depression, bei denen sich die Symptome während der Herbst-und Wintermonate immer deutlich verschlechtern.

Was ist aber mit dem anderen bekannten Botenstoff, dem Serotonin?

Tatsächlich konnte bei Depressiven ein chronisch niedriger Serotoninspiegel festgestellt werden. Bei Gesunden folgt Serotonin einem saisonalen Muster: Die niedrigsten Werte im Herbst und im Winter und die höchsten während des Frühlings und des Sommers. Patienten mit Winterdepression weisen Regulationsstörungen an speziellen Serotoninrezeptoren an den Nervenzellen auf. Dass sich bei der Winterdepression die Lichttherapie bewährt hat, spricht ebenso für diese Zusammenhänge. Viele haben es schon probiert: Einige Stunden unter einer Kunstlichtlampe helfen, während der Wintermonate die Symptome zu vertreiben. Auch das Solarium kann hier Gutes tun.

Vitamin D

Wenn Sonne und Licht so deutlich auf unsere Gefühlswelt einwirken, liegt die Überlegung nahe, inwieweit das auch etwas mit dem Sonnenvitamin D zu tun haben kann. Obwohl sich diese Fragestellung förmlich aufdrängt, gibt es erstaunlich wenige systematische wissenschaftliche Untersuchungen dazu. Vieles spricht für einen ursächlichen Zusammenhang. Zunächst findet man die berühmten Vitamin-D-Rezeptoren gerade in besagten Hirnregionen, die über ein Netzwerk von Hormonen und Signalstoffen unsere Stimmung beeinflussen, vor allem im sogenannten Hypothalamus. Diese Andockstellen sind dort ja nicht ohne Sinn angebracht. Erste epidemiologische Studien zeigen die erwarteten Ergebnisse. So erbrachten Querschnittstudien immer wieder einen statistischen Zusammenhang zwischen 25D-Spiegeln und depressiver Stimmungslage: Je schlechter der Vitamin-D-Status, desto depressiver. Die neueste, größte und methodisch beste Studie kommt aus Holland. Man hatte hier bei Senioren im Alter von 65 bis 95 Jahren den 25D-Spiegel bestimmt und den Gemütszustand mit objektiven psychologischen Testverfahren ermittelt. Die Patienten mit milden bis ausgeprägten depressiven Symptomen hatten einen um 14 Prozent signifikant niedrigeren 25D-Spiegel als jene ohne Befund. Selbstverständlich hatte man unterschiedliches Alter und Gewicht, diverse Lebensstilfaktoren wie auch die Verwendung von Antidepressiva in der Auswertung berücksichtigt.

Doch Vorsicht!

Querschnittstudien sind jedoch Momentaufnahmen. Sie können nicht unterscheiden, ob Depressive wegen der schlechten Vitamin-D-Versorgung depressiv sind oder ob sie wegen ihrer Depressivität selten ans Tageslicht gehen und deshalb einen niedrigen Vitamin-D-Status haben. Dies ist ein altes methodisches Problem in der Epidemiologie. Um die Frage nach der Ursächlichkeit besser beantworten zu können, muss man Längsschnittstudien durchführen. Dazu bezieht man gesunde Menschen ein und verfolgt ihre Entwicklung über viele Jahre. Wenn genügend Fälle aufgetreten sind, überprüft man, ob bei ihnen im Vergleich zu den gesund Gebliebenen der verdächtige Faktor gehäuft auftritt. Bedauerlicherweise wurde bei der Literaturrecherche nicht einen einziger solcher Studienansätze gefunden. Deshalb sollte man gleich zu den Studien mit der theoretisch höchsten Aussagekraft kommen: Placebokontrollierte, möglichst doppelblind durchgeführte Experimente mit dem zu untersuchenden Wirkstoff. Allerdings hängt leider deren Ergebnis auch noch von "Kleinigkeiten" wie der richtigen Dosierung und der Bereitschaft der Teilnehmer ab, die Pillen überhaupt wie verordnet zu schlucken. Enttäuschenderweise sind einige solcher placebokontrollierter Studien mit Vitamin D negativ ausgegangen. Kein Effekt. Allerdings waren die gewählten Dosen mit 200 oder 400 I. E. viel zu niedrig, um einen schlechten Vitamin-D-Status merklich zu verbessern. Sinnvoller konzipiert war da schon eine Studie der Universität von Toronto (Kanada). Dort hatte man Senioren mit niedrigem 25D-Spiegel sechs Monate lang entweder 600 I. E. oder 4.000 I. E. pro Tag oder aber Placebo gegeben. Damit wurde im Laufe der Monate mit den echten Präparaten ein 25D-Spiegel von 32 ng/ml beziehungsweise 45 ng/ml erreicht. Aber nur unter der höheren Dosis fand man einen nachweisbaren günstigen Einfluss auf die Gemütsverfassung.

Universität von Tromsø

Die bislang aussagefähigste Studie ist im Jahr 2008 veröffentlicht worden. Sie stammt aus der Universität von Tromsø (Norwegen). Dort hatte man übergewichtige Männer und Frauen in der Altersgruppe von 21 bis 70 Jahren in die Untersuchung einbezogen. Warum ausgerechnet nur Übergewichtige? Weil diese Menschen üblicherweise einen noch schlechteren Vitamin-D-Status haben als vergleichbare Schlanke. Zur Studie: Man fand zunächst, dass die Teilnehmer mit einem 25D-Spiegel unter 16 ng/ml eine statistisch auffällige Häufung von Depressionen hatten. Dann wurden alle Teilnehmer durch ein Losverfahren in drei Gruppen aufgeteilt. In einer erhielten die Probanden eine Kapsel mit 20.000 I. E. pro Woche, in der zweiten Gruppe gab es zwei Kapseln, also 40.000 I. E. pro Woche und in der dritten Gruppe gab es Placebo. Mit dieser Supplementation erreichte die erste Gruppe im Laufe der Monate einen durchschnittlichen 25D-Spiegel von 35 ng/ml. Die Gruppe mit doppelter Dosis kam auf 45 ng/ml, während die Placebogruppe auf ihren 77 Sonnige Laune niedrigen Werten um 21 ng/ml sitzen blieb. Zwar sind einige Teilnehmer im Laufe der sechs Monate aus der Studie ausgestiegen, aber bei denen, die bis zum Ende ihre Kapseln schluckten, zeigte sich im Vergleich zu Placebo eine signifikante Besserung der Depression.

Eine weitere Studie ist bemerkenswert

Sie wurde nicht mit direkter Vitamin-D-Zufuhr durchgeführt, sondern mit einer Solariumsbestrahlung. Tatsächlich kann man im Solarium auch etwas für seinen Vitamin-D-Status tun, sofern Lampen mit UVB-Anteil eingesetzt werden. Später davon mehr. Man hatte für dieses Experiment zwei Solarien vorbereitet, die sich durch nichts unterschieden außer durch die Lampenart. Eine lieferte UVB-Anteile, die andere nicht. Dann wurden zwölf Personen, die gewohnheitsmäßige Solariengänger waren, sechs Wochen lang angeleitet. Sie sollten abwechselnd beide Sonnenbänke benutzen. Nach Ablauf des Experimentes wurden sie befragt, welches Gerät sie bevorzugen würden, in welchem sie sich wohler fühlten, welches sie eher in gute Stimmung versetzte. Verblüffend – von den zwölf Teilnehmern entschieden sich elf für das UVB-Gerät! Es ist zu hoffen, dass das Thema bald ernster genommen und besser erforscht wird. Ein Problem ist dabei, dass Vitamin D kostengünstig herzustellen ist und an den entsprechend billig abgegebenen Präparaten nicht viel Geld verdient werden kann. Da die Pharmaindustrie ihre erstaunlichen Umsätze mit Psychopharmaka wohl kaum beschneiden will, wird deren Forschungsbereitschaft vermutlich dürftig sein. So kann man nur auf staatliche Forschungsunterstützung oder auf Stiftungsgelder hoffen, um größere und besser kontrollierte Studien mit unterschiedlichen Dosen durchzuführen. Es könnte sein, dass man vielen Millionen Menschen ganz einfach eine Linderung ihrer Depression vermitteln könnte.

Von Trainingsworld-Experte Prof. Dr. oec. troph. Nicolai Worm

Prof. Dr. oec. troph. Nicolai Worm ist einer der führenden Ernährungswissenschaftler Deutschlands. Seit 2008 ist er Professor an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (DHPG) in Saarbrücken. Nicolai Worm fasst in seinem Ratgeber Die Heilkraft von Vitamin D den Stand der Erkenntnisse zusammen und zeigt, wie Sie sich vor Vitamin-D-Mangel und seinen dramatischen Folgen schützen können. In seinem neuesten Werk Flexi-Carb spricht er sich für eine kohlenhydratangepasste mediterrane Low-Carb-Küche als gesündeste Ernährung für unseren modernen Lebensstil aus.

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