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Die mächtige Klosteranlage dominiert den in sanften Hügeln eingebetteten Ort Ottobeuren im Allgäu. Die Basilika, deren Ursprünge auf das 8. Jahrhundert zurückgehen, hält für kunstgeschichtlich Interessierte einige Schätze bereit.

Ottobeuren

Spätherbsttour ins Allgäu: Barocke Lebenslust

Ein Würfel gespickt mit Zahlen steht vor der Basilika. Er markiert den Start und Willkommensplatz der Wandertrilogie Allgäu, die aus drei Weitwanderwegen besteht. Die Benediktinerabtei Ottobeuren ist Etappenziel...

...und die Zahlen sprechen für sich: 10 918 Orgelpfeifen, 1200 Engel und Putten, 26 Tierarten in Bildern und Skulpturen, zehn Altäre und drei Äbte – zwei Altäbte und der amtierend Abt. Paulus heißt einer der Altäbte und wenn er durch die Anlage führt, ist geballtes Wissen und jede Menge Humor Garant.

„57 Prozent der Anlage besteht aus Gängen und Stiegen“, lacht Paulus, „drum hab’ ich mit 70 mein Amt auch aufgegeben – immer diese Rennerei...“ Das Kloster lebt. Es beheimatet noch 17 Brüder und zwei Anwärter; zwei lehren, wie das Tradition ist, am Gymnasium. Im Theatersaal der Abtei spielt seit jeher die Theatergruppe der Schule, keiner muss hier still durch die Gänge schleichen.

Pure Lebenslust

„Wir waren Reichsabtei, deshalb ist alles aus Holz und nur wie Marmor bemalt. Kempten war Fürstabtei da gab es echten Marmor“, erklärt Paulus und verweist im Kaisersaal auf die fast alberne barocke Haltung der Habsburger und im Renaissance-Raum auf die modische Ausgestaltung der Gewänder: Christus hat sogar einen hohen Hut auf. „Mode eben“, lacht der Abt und führt in die Basilika. Sie ist dem Hl. Alexander und dem Hl. Theodor geweiht. Ihr Grundriss ist streng, aber ihr Inneres ist pure Lebenslust.

„Man muss sich ja auch überlegen, was für eine Erlösung, was für ein wahnsinnige Freude das Ende der Schwedenkriege bedeutete“, erläutert Paulus die Ausstattung und heißt den Besucher ganz ans Ende des Kirchenschiffes zu gehen. „Man muss sie von hinten betrachten“, sagt er. Die Raumwirkung ist gewaltig, der Lichteinfall pures Kalkül. Da die Seitenaltäre quer liegen, wirkt alles bemerkenswert hell. Und schreitet man nach vorne, weitet sich der Raum. Was er de facto nicht tut, was aber durch die Farbwahl vorgegaukelt wird. Alles ist Zahlensymbolik, nichts Zufall. So tritt aus einem Altarbild in kalten Farben Christus in leuchtendem Rot hervor – in dieser Basilika gibt es vieles zu entdecken! Hinter der Gesamtanlage, die 1250 Jahre alt ist und exakt 480 auf 480 Meter misst, tritt das Dorf zurück, ohne sich aber verstecken zu müssen.

Ottobeuren hat ein Sportzentrum samt Kletterhalle, nach dem sich manche Großstadt die Finger lecken würde. Die Skidamen trainieren hier, hochkarätige Fußballmannschaften auch. Und seit Mai hat Ottobeuren auch das „Museum für zeitgenössische Kunst – Diether Kunerth“ (MZK-DIKU), Schon früh kehrte Kunerth der Großstadthektik den Rücken und fand in Ottobeuren die notwendige Ruhe und Muße für sein Schaffen. Der Bildhauer, Grafiker, Maler, Fotograf und Videokünstler verleiht der ehemaligen Abfüllhalle der Hirsch-Brauerei Farbe und Strahlkraft, auch hier eine ganz eigene Raumwirkung – die der Moderne.

Sebastian Kneipp wurde in der Nähe von Ottobeuern geboren

Das kleine Ottobeuren hat viele Gesichter und viele Helden. Einer davon ist der große Sebastian Kneipp, der am 17. Mai 1821 im kleinen Weiler Stephansried bei Ottobeuren geboren wird. Die Familie ist sehr arm, der Elfjährige arbeitet schon beim Vater am Webstuhl oder als Viehhirte. Das Elternhaus brennt 1841 ab, dennoch lernt der Bub, wo immer es geht. Ab 1848 studiert er in Dillingen Theologie. 1849 erkrankt Kneipp an Tuberkulose und entdeckt ein Buch über die „Heilkraft des frischen Wassers“. Also badet Kneipp mehrfach kurz in der eiskalten Donau – und wird wieder gesund. Das spricht sich herum, er behandelt Kommilitonen, dann andere Menschen, es kommt zu Anzeigen wegen Kurpfuscherei.

Am Ende behandelt er aber sogar Erzherzog Joseph und Papst Leo XIII. Zum Thema Gesundheit weiß auch Abt Paulus noch etwas beizusteuern. „Wenn die Brüder einst jung verstarben, lag es am Blinddarm. Im Alter von 45 bis 60 kam es zum Schlaganfall wegen der fetten fleischlastigen Ernährung. Wer über 70 wurde, der war uralt.“ Kneipp-Kuren gab es da noch nicht...

Von Nicola Förg

RUND UM OTTOBEUREN

ANFAHRT – Autobahn A 96 München – Lindau, Ausfahrt Erkheim. St 2011 über Attenhausen nach Ottobeuren. INFO – Touristikamt, Marktplatz 14, 87724 Ottobeuren, Tel.: 0 83 32 / 92 19 50; www.ottobeuren.de

SPAZIERGÄNGE – a) Im Kneipp Aktiv-Park; Informationen unter: www.aktivpark-kneippland.de;

b) Walderlebnispfad Bannwald: Rund eine Stunde mit diversen Stationen wie Holzklängen und Wurzelbildern. Anfahrt: Westlich der Basilika die Ottostraße Richtung Brüchlins, nach ca. 500 Meter Wanderparkplatz.

c) Tour nach Stephansried: Rund 1,5 Stunden. Verlauf: Die mit der Günz nach Norden gleichlaufende Klosterwaldstraße führt zum nördlichen Ortsrand; über die Bahnlinie und Fußgängerunterführung geht es ins Günztal; weiter nach Eggisried und von dort nach Klosterwald; in Richtung Nordosten überquert man einen Hügel und erreicht Stephansried (Wanderkarte beim Touristikamt).

TIPPS – a) Museum für zeitgenössische Kunst: Diether Kunerth; Info: www.mzk-diku.de; sehr gute Museumspädagogik, der Markt Ottobeuren erstattet allen Schulklassen (auch von auswärts) pro gebuchtem Kurs 50 Prozent der anfallenden Kurs- und Materialkosten.

b) Klostercafe Ottobeuren; Info: www.klostercafe-otto beuren.de; tägl. 9 bis 18 Uhr, tolle Kuchen.

c) Konzerte: Sa., 8. Nov., Ottobeurer Musiknacht; sechs Bands in sechs Gaststätten; Südtiroler Advent: So., 29. Nov., 15 bis 21 Uhr. Mit Bergsteigerchor, Weihnachtsmarkt und Sabine Sauer als Moderatorin.

KARTE – LVG Bayern, Kneippland Unterallgäu, Memmingen, Mindelheim, UK 50-38.

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