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Während des Aufstieges genießt man immer wieder reizende Ausblicke auf die Lechtaler Alpen. Im Hintergrund der Rote Stein (2366 Meter).

Aussichtsberg in den Ammergauer Alpen

Spitzen-Spuk

„80 Gämsen waren es letztes Mal“, erzählt ein Bergsteiger aus Murnau, während er am Gipfelkreuz durch sein Fernglas ins weiße Nichts starrt. „Und heute keine einzige.“

Kein Wunder, denn wir sitzen fröstelnd in einer Nebelsuppe auf der Kohlbergspitze, einem grandiosen Aussichtsberg in den westlichen Ammergauern. Berge sind eben manchmal unberechenbar: Wo jetzt Tristesse herrscht, war noch vor ein, zwei Stunden rundum klare Sicht. Und beim Start am Morgen drunten in Bichlbach, dem traditionsreichen Ort zwischen Lermoos und Reutte im Außerfern, blitzte der blaue Himmel über sattem Sommer-Grün.

Jungfern in den Sumpf treiben

In der Region gab es einst ein großes Moor, vor dem sich ältliche Damen, die nie verheiratet waren, sehr fürchteten. Denn nach einem Brauch zogen einmal im Jahr die Bichlbacher Burschen zu den Häusern, wo alte Jungfern wohnten. Und hätten die sich nicht mit einem Fass Bier loskaufen können, wären sie von der Burschenschaft in den Sumpf getrieben worden. Das Moor und der Brauch sind verschwunden, aber es gibt einen kurzweiligen Weg hinauf zur Kohlbergspitze. Der schmale steinige Bergweg windet sich mal flacher, mal steiler um die südseitige Flanke. Im lichten Bergwald wandert man im Halbschatten, verwöhnt mit traumhaften Aussichten in die Lechtaler Alpen. Immer wieder fällt der Blick hinab nach Bichlbach, wo Österreichs einzige Zunftkirche steht: Im 17. Jahrhundert werden zwischen der Pleis-Spitze und der Gartner- Wand große Mengen Blei abgebaut, zum finanziellen Segen der Einwohner. Als das Bleivorkommen erschöpft ist, müssen viele Einheimische umsatteln und als wandernde Handwerker – Maurer, Zimmermann, Steinmetz oder Stuckateur – in Schwaben ihr Geld verdienen. 1694 verbrüdern sich in Bichlbach die Bauhandwerker zu einer Zunft, die von Kaiser Leopold I. durch eine Handwerksordnung besiegelt wird. Die Zugehörigkeit zu der Bruderschaft bringt Vorteile, sie regelt u. a. Preise, Qualität und Ausbildung. Bevor die Handwerker auf ihre alljährliche Wanderung gehen, treffen sie sich in der heute noch künstlerisch bedeutenden Zunftkirche zum Hl. Josef.

Während unserer Wanderung kommt man an eine Wegkreuzung auf einer Lichtung. Versierte Bergsteiger, die trittsicher durch Schrofengelände klettern und schwindelfrei sind, könnten hier die Route mit dem schwarzen Punkt über den Zingerstein nehmen und von dort aus zur Kohlbergspitze weitersteigen.

Auf der Normalroute mit dem roten Punkt entdeckt man hinter Latschen die majestätische Zugspitze und die zerklüfteten Mieminger Berge. Mehr und mehr umhüllen jetzt Nebelfetzen das Gebirge. Kurz vor dem Gipfel nimmt man wie durch ein Milchglas den breiten Grasrücken mit den unzähligen gelben Blumen wahr. Plötzlich stößt eine Schar kreischender Dohlen gespenstisch aus dem Nebelmeer und lässt sich neben dem Gipfelkreuz nieder. „Bei guter Sicht“, weiß der Murnauer Bergsteiger, „sieht man die Allgäuer Alpen, die Tannheimer und tief unten den Plansee.“

Doch alles Warten nützt nichts, die Wolken hängen fest. Später blickt man noch einmal vom Tal hinauf. Und siehe da! Der Spuk ist vorbei: das Gipfelkreuz ragt in den blauen Himmel empor!

KOHLBERGSPITZE (2202 M)

ANFAHRT

Auto:

A 95 München-GAP bis Autobahnende. Über die B 2 Richtung GAP. Nach Tunnel rechts auf die B 23 Richtung Fernpass, Reutte. Nach dem Bahn-Viadukt Ehrwald rechts bis Bichlbach. Nicht in den Ort abbiegen, sondern auf der Hauptstraße bleiben und nach 300 m rechts (Schild: Tierpark). Hier vor den Bahngleisen beim Tierpark (Sämerhof) parken (Ausgangshöhe 1079 m).

Bahn:

Bhf Bichlbach-Berwang; www.reiseauskunft.bahn.de

TOUR

Charakter:

schmale, leichte Bergwege, gut ausgeschildert, 1170 Höhenmeter, Aufstieg ca. 3 Stunden, Abstieg ca. 2,5 Stunden, insgesamt 10,2 Kilometer.

Verlauf:

Vom Parkplatz Gleise überqueren, dann rechts. Nach einem Gatter an eine Verzweigung. Hier links und im leichten Auf und Ab zu einer Infotafel mit Schilderbaum (Ww. Kohlbergspitze). Rechts auf steinigem Bergweg in den Wald hinein. Der Weg zieht in Serpentinen mehrspurig bergan. Dann knickt er nach rechts (Ww. Plattisteig, Kohlbergspitze). Vorbei an Bänken erreicht man die ersten Latschen und später einen Brunnen. Auf einer Lichtung kommt man an eine beschilderte Verzweigung (Ww. Kohlbergspitze, roter Punkt). Nun nach rechts (schwindelfreie und absolut trittsichere Bergsteiger, die sich im steilen Schrofengelände wohlfühlen, können die Kohlbergspitze auch über den Zingerstein erklettern, UIAA I, schwarzer Punkt). Jetzt also über die Normalroute, rot, nach rechts zu einer Waldwiese. Einen hier mündenden Forstweg ignoriert man und steigt weiter auf dem Weg bergan. Durch einen Latschenkessel zunächst weit nach Nordosten. Am nächsten Abzweig nach links (Ww. Kohlbergspitze). Am Schluss über einen weiten Wiesenrücken nordwestwärts zum Gipfel.

TIPPS

1. Zunftkirche Hl. Josef, tägl. 9 – 18 Uhr.

2. Zunftmuseum Bichlbach – Zunft der Bauhandwerker im Außerfern (Entwicklung, Werkzeuge, Leistungen), Sonderausstellung: „unterwegs 2010 – Handel und Wandel“, Mo- Fr 9-12, Mi 16.30-18 Uhr, Tel.: 0043 / 5674 / 5205, www.zunftmuseum.at

3. Streichelzoo Bichlbach mit Spiel- und Märchenwelt. Öffnungszeiten Mai-Okt., tägl. 10-18 Uhr. Tel.: 0043 / 5674/ 5209; www.streichelzoo.com; Sämerhof 47.

INFORMATION

Tourismusbüro und Zunftmuseum sind im gleichen Haus. Tel.: 0043 / 5673 / 20000-500; www.bichlbach.at

KARTE

Kompass 4, Füssen, Außerfern; 1: 50 000; AV-Karte Wetterstein- u. Mieminger Gebirge, Blatt 4/1; 1:25 000.

VON DORIS NEUMAYR

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