+
Was für ein Panorama! Am Gipfelkreuz der Ammergauer Hochplatte auf 2082 Meter.

Spannende Tour für konditionsstarke Skibergsteiger

Auf zum Wilden Freithof

Man wird lange suchen müssen, um eine Skitour in den Voralpen zu finden, die so abwechslungsreich ist wie die auf die Ammergauer Hochplatte (2082 Meter).

Es ist eine Route mit den unterschiedlichsten landschaftlichen Eindrücken und sich ständig abwechselnden Geländeformationen, die im Schlussanstieg gar mit einem alpinen Anwunderstrich erfreut. Auch wenn die Passage über den schmalen Grat für Geübte nichts Furchteinflößendes aufweist, erhält die Tour dadurch doch eine ganz besondere Note.

Aber der Reihe nach: Los geht’s in aller Früh am Parkplatz Sägertal nahe Schloss Linderhof im Graswangtal. Obwohl die Tour aufgrund der nötigen Kondition alles andere als überlaufen ist, wird man dort auf viele andere Skibergsteiger treffen, denn von hier geht’s auch auf die beliebte Scheinbergspitze. Doch nach wenigen Schritten trennen sich die Wege und es wird beschaulich. Auf einer breiten Forststraße wandert man drei Kilometer ins flache Sägertal neben dem munter dahinplätschernden Bach. Nach einer brückenlosen Bachüberquerung wird’s mit jedem Schritt spannender. Erstmals zur Sache geht es im Hasentalgraben, durch den eine steile Traverse führt, die einen sicheren Tritt erfordert.

Bei Hartschnee oder gar Vereisung kann diese Passage unangenehm sein: Wer möchte schon in den steilen Graben rutschen? Harscheisen sind zumindest bei schlechten Verhältnissen alles andere als Luxus und die Lawinengefahr darf in den steilen Hangquerungen auch nicht unterschätzt werden. Zur Belohnung folgt ein entspannter Abschnitt durch den sanften Boden des Lösertalmösl und über eine wunderschöne breite Mulde hinauf zum Lösertaljoch. Nach zwei Stunden Anstieg darf man hier verschnaufen.

Was nun folgt, ist großartig: wildes, ursprüngliches, freies Gelände mit Gräben, Rippen, Rücken, Senken, Mulden, Gipfeln und Flanken – und darüber ein noch weit entfernter kecker Spitz, die Ammergauer Hochplatte. Um Zeit zu sparen, rutscht man also in der Regel gleich mit Fellen ein paar Höhenmeter auf der Rückseite vom Joch hinunter, um dann gleich wieder den Anstieg fortzusetzen.

Die folgenden Abschnitte haben alle einen skurrilen Namen: Beinlandl, Schlössel und der Wilde Freithof, ein Karstgelände. Über den Steilhang geht’s zum drahtseilversicherten Grat, dann durch eine wunderschöne Karmulde (Gamsangerl) zum Gipfelaufbau. Steht man endlich am Gipfelkreuz und blickt zurück, weiß man, was man getan hat: 10 Kilometer Aufstieg hat man in den Beinen. Zudem eröffnet sich ein großartiges Panorama.

Nachdem man die herrliche Mulde vom Lösertaljoch hinuntergewedelt ist, steigt man erneut auf Richtung Scheinberg- Route. Das kostet zwar ein paar Schweißtropfen extra, dafür spart man sich die Quererei im Hasentalgraben und am Ende das flache Sägertal. So braust man am Ende der einsamen Tour zusammen mit den vielen Scheinberg-Eroberern zurück ins Tal.

AMMERGAUER HOCHPLATTE

ANFAHRT – A 95 München – GAP, weiter B 2 Oberau. Hier rechts B 23 Richtung Linderhof / Reutte. Kurz nach Ettal links. 1,5 km hinter Linderhof rechts großer Parkplatz am Eingang des Sägertales (ca. 950 m).

TOUR – Aufstieg: Forststraße ins Sägertal; nach 200 m Gabelung, hier rechts und geradeaus weiter (links ginge es zur Scheinbergspitze). Nach 3 km mündet der bis hierher meist geräumte Weg in einen Wanderweg. Er führt kurz in den Hasentalgraben, weicht aber gleich rechts aus und führt an der Rückseite eines Geländerückens in Serpentinen zum Rand der Bäckenalmwiese. Hier beschilderter Abzweig und schmaler Steig links (Süden) zur Hochplatte. Dabei sind die ersten steilen Lawinenstriche im Wald zu traversieren. Der Steig quert durch den steilen Hang, vollzieht eine Kehre und quert auf der anderen Seite ziemlich steile Flanken aus dem Hasentalgraben heraus. In einem weiten Rechtsbogen um einen Rücken herum dreht die Route gen West; man verlässt den Wald und landet im flachen Boden des Lösertalmösl. Ungefähr dem Sommerweg folgend, am Waldrand entlang nach Westen; durch die breite Mulde empor zum Lösertaljoch (1682 m). Hier 50 Hm nach Westen hinunter. Dann quert man nach Süden, später in einem sanften Bogen nach Westen drehend, durchs Beinlandl in einen Sattel. Nun direkt nach Nordwesten über den Steilhang hinauf; oben quert man unter dem Schlössel nach Südwesten in einen Sattel zwischen Punkt 1843 und dem Schlössel. Auf 1820 m dreht man wieder auf Nordwesten ein und steigt flach durch latschenübersätes Karstgelände, den sog. Wilden Freithof (Achtung, bei schlechter Sicht: Dolinen- artige Löcher!). Dann gen Westen und über auffallenden Steilhang nach Nordwesten zum Grat. Über eine drahtseilgesicherte Passage nach Südwest in die herrliche Wanne (Gamsangerl) unterm Gipfel. Durch die Wanne und dann wenige Meter über steilen Gipfelhang links zum Kreuz.

Abfahrt: 1. Wie Aufstieg. 2. Um sich die Querung des Hasentalgrabens zu sparen, steigt man aus der Ebene des Lösertalmösl zur Standard-Abfahrt des Scheinbergs auf. Dazu fellt man unterm Scheinberg-Gipfel wieder an und wandert nach Ost zum Waldrand der Ebene. Durch eine Schneise und durch lichten Wald steigt man 150 Hm nach Ostsüdost in einen bewaldeten Sattel hinauf. Dahinter findet man eine Lichtung und den Weg durch den Hundsfällgraben – es ist die Scheinbergroute. Entlang des Grabens talauswärts bis zu einer Forststraße. Auf ihr links und zügig hinunter zum Ausgangspunkt. (Ca. 15 Min. für den Gegenanstieg.)

LAWINENGEFAHR – Hoch; nicht nur die erwähnte Waldpassage und der Hasentalgraben selbst erfordern sichere Verhältnisse, auch die Steilpassage beim Schlössel sowie der Steilhang (Südosthang) zum Grat sind kritisch zu begutachten! Aufstiegszeit: 4-5 Stunden. Gut 1400 Hm mit Gegenanstieg beim Rückweg; wer Abfahrtsvariante 2 wählt, muss zudem einen Gegenanstieg von 150 Hm bewältigen.

BERNHARD ZIEGLER

Auch interessant

Kommentare