+
Ein schöner Blick auf den Tegernsee bietet sich vom Gipfel der Rinnerspitz aus, den kein Kreuz, aber ein Steinmanderl schmückt.

Einsame Spätherbst-Wanderung zwischen Tegern- und Schliersee

Auf der Spur des Wilderers

Strahlend blauer Himmel und dank klarer Luft eine traumhafte Fernsicht – ja, so wünscht sich der Wanderer den Bergherbst. Für diese Spritztour würde es aber auch gut passen, wenn Nebelfetzen die Hänge emporjagen und die Bäume am Grat umspielen. Warum?

Weil wir uns quasi auf historischen Pfaden bewegen. In einem Terrain, wo es einst galt, besser nicht gesehen zu werden. Zumindest für Georg Jennerwein, den „Girgl von Schliers“, die oberbayerische Wilderer-Legende. In den Bergen und Wäldern zwischen Tegern- und Schliersee war er zu Hause, ging dort unerlaubt auf die Jagd. Bis ihn am 6. November 1877 eine Kugel tödlich traf.

Eine Gedenktafel in der Senke zwischen den Gipfeln von Wasser- und Rinnerspitz erinnert an den Wildschütz, dessen mysteriöse Todesumstände ihn vom Gesetzesbrecher zum Volkshelden machten. „Ein stolzer Schütz in seinen schönsten Jahren, er wurde weggeputzt von dieser Erd“: So beginnt das aus dem 19. Jh. stammende Jennerwein-Lied. „Seine Getreuen“ haben 1977 eine Gedenktafel an einem Baum angebracht – die Stelle, wo der Wilderer sein trauriges Ende fand. „Hier wurde am 6. November 1877 der bayrische Wildschütz Georg Jennerwein von feiger Jägershand hinterrücks niedergestreckt“, heißt es da.

Was damals genau passiert ist, ließ sich nie zweifelsfrei rekonstruieren. Jennerweins Leiche ist erst acht Tage später gefunden worden – den Gerichtsakten zufolge steckte die rechte große Zehe im Abzug seines Gewehres und der Unterkiefer war zerschmettert, eine zusätzliche – nicht tödliche – Schussverletzung befand sich im Rücken. Sein früherer Freund Johann Josef Pföderl, an jenem Tag als königlicher Jagdgehilfe im Einsatz, soll den Wilderer erschossen haben. Der Pföderl wurde zu acht Monaten Gefängnis verurteilt, obwohl er seine Unschuld beteuerte und auch der Jäger Simon Lechenauer verdächtigt wurde.

Dass die Tourdaten zum Jennerwein-Marterl manch einen verwirren, hat mit dem Lied zu tun. Dort ist vom „Peißenberg“ die Rede, was manch einen an den Gipfel im Pfaffenwinkel denken lässt. Doch „Jennerweins Peißenberg“ liegt in den Schlierseer Bergen, von Einheimischen als solcher bezeichnet.

Kartographisch korrekt heißen die Gipfel aber Wasserspitz (1552 m) und Rinnerspitz (1611 m), zwei über unmarkierte Steige erreichbare Gipfel nördlich der touristisch eher erschlossenen Bodenschneid (1667 m). Ausgangspunkt für die Tour ist die sowohl von Tegern-, Schlier- und Spitzingsee aus erreichbare Raineralm unweit des Bodenscheidhauses. Genau gegenüber der Alm führt ein unmarkierter, aber kaum zu übersehender Pfad auf die Wasserspitz. Richtung Norden ist nun die Rinnerspitz zu erkennen – der Übergang erfordert Trittsicherheit, ab und zu müssen im Fels auch mal die Hände zu Hilfe genommen werden. Eine urwüchsige Gegend eben, in der sich schon der Wildschütz Jennerwein zu Hause gefühlt hat...

MARTIN BECKER

Wasserspitz (1552 m) und Rinnerspitz (1611 m)

Anfahrt – Variante 1: A 8 München – Salzburg, Ausfahrt Holzkirchen. B 318 bis Gmund, dann weiter nach Rott-ach-Egern, dort re. Enterrottach bis Kühzagl. Varianten 2/3: A 8 München – Salzburg, Ausfahrt Weyarn. Über Miesbach zum Schliersee bzw. zum Spitzingsee.

Startpunkt – Die eigentliche Überschreitung der beiden Gipfel beginnt bei der Rainer-Alm (1257 m), rund 800 Meter nordöstlich vom Bodenscheidhaus gelegen. Um dorthin zu gelangen, gibt es drei Möglichkeiten. Variante 1: Vom Tegernsee aus – Start ist an der kleinen Kapelle bei Kühzagl (zwischen Rottach-Egern und Enterrott-ach); der breite, beschilderte und manchmal etwas steilere Wanderweg wird im Winter auch als Rodelbahn genutzt.

Variante 2: Schliersee, ab Neuhaus durchs Dürnbachtal.

Variante 3: Spitzingsee, über die Obere Firstalm.

Tour (ab der Rainer-Alm) – Aufstieg: Gegenüber der Alm auf einem ausgeprägten Fußpfad in genau westlicher Richtung über Wiesenhänge in die Senke zwischen Rainerkopf und Wasserspitz. Auf den Gipfel von letzterer nun nach links am Kamm entlang (bis hierhin unschwierige Bergwanderung). Der Übergang zur südlich gelegenen Rinnerspitz erfordert ein deutlich höheres Maß an Trittsicherheit, im Abstieg zum Jennerwein-Marterl ist urplötzlich eine kurze, aber ausgesetzte Stelle zu überwinden. Der Aufstieg zur Rinnerspitz verläuft ab dem Marterl logisch an Kamm und Grat entlang (teils existieren verblasste Markierungen). An mehreren einfachen Kletterstellen kommen die Hände zum Einsatz, bis man auf dem Gipfel ohne Kreuz (aber mit Steinmanderl sowie Blick zum Tegernsee) steht. Abstieg: Vom Rinnerspitz auf Pfad Richtung Bodenschneid und in der Senke nach links hinunter zum Bodenschneidhaus. Von dort in einer Viertelstunde zurück zur Rainer-Alm.

Charakter / Schwierigkeit – Bis zur Rainer-Alm meist breite Almfahrstraßen (Mountainbikeeinsatz am Tegernsee oder Schliersee möglich), auch der Übergang vom Spitzingsee ist einfach. Die Orientierung bei der Überschreitung von Wasser- zu Rinnerspitz ist trotz fehlender Beschilderung unzweifelhaft, absolut trittsicher sollte man auf diesen Steigen aber sein. Gehzeit: 2 Std. bis Rainer-Alm, 1 weitere Std. Rinnerspitz.

Einkehr: Bodenscheidhaus (T.: 08026/4692), im Nov. Betriebsferien, Mo/Di Ruhetage; Rainer-Alm während Bewirtschaftung im Sommer (Getränke, eigene Milchprodukte).

Karte – Kompass-Karte 8, Tegernsee, Schliersee.

Auch interessant

Kommentare