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Paddeln vor der Traumkulisse macht Spaß: Mit Wallberg und Bodenschneid im Hintergrund wird der neue Trendsport zum Freizeitvergnügen. Langsam paddle ich als Anfänger über den Tegernsee.

Neuer Trendsport

Stand up – und paddle

Immer mehr Menschen stehen drauf: Beim Stand Up Paddling flanieren sie übers Wasser, mit Paddel und Surfbrett. Aber ist der neue Trendsport auch wirklich so leicht, wie er aussieht? Ein nasskalter Selbstversuch auf dem Tegernsee.

Bad Wiessee – Ich ertrinke. Ich weiß nicht mehr, wo oben und unten ist. Es ist so dunkel, so still, so kalt. Es schnürt mir die Kehle zu. Ich bekomme Panik: Raus hier. Ich blinzle kurz, um mich zu orientieren. Kleine Partikel treiben im trüben Wasser vor mir. Rechts steht einer der dicken Holzpfähle von der Schiffsanlegestelle. Über mir sehe ich schwaches Licht, aber ich sinke nach unten. Ich versuche zu strampeln, aber ich spüre meine Arme und Beine nicht mehr. Dann, endlich, bin ich wieder oben. Aber wo ist mein Brett? Eigentlich sollte ich darauf stehen – und mich mit meinem Paddel über den Tegernsee schieben. Deswegen bin ich ja hier: um das Stand Up Paddling auszuprobieren. SUP’n, wie sie in der Szene sagen. Und die wird immer größer: SUP’n liegt im Trend. Hier, beim Sailing-Center Bad Wiessee, werden sogar Trainer dafür ausgebildet. Stephan Eder, 34, der Geschäftsführer, gibt schon Unterricht. Mir zum Beispiel.

Erstaunlich ruhig schwebt das Brett über den Tegernsee

Eine Stunde vor meinem Kampf gegen das Ertrinken stehe ich auf dem Steg vom Sailing-Center. Unerwartet angenehm fühlt sich das Brett unter meinen nackten Füßen an, wie die Sohle eines weichen Flip-Flops. Ich wippe ein bisschen hin und her. Auf dem festen Holzsteg ist das kein Problem. Beim Blick auf den blau-grünen Tegernsee wird mir allerdings mulmig. Mein Gleichgewichtssinn – na ja. Und das Wasser: acht Grad. Doch für Bedenken bleibt keine Zeit. Schon reicht mir Stephan – athletisch gebaut, gebräuntes Gesicht, kurz geschorene Haare – das Paddel und lächelt mir mit seinen blauen Augen aufmunternd zu. Ich soll es mit der linken Hand in der Mitte halten, mit der rechten von oben den Knauf umschließen. Schon nimmt er es mir wieder weg und stellt es vor mir auf – die Länge muss angepasst werden. Um 20 Zentimeter soll das Paddel die eigene Körpergröße überragen

Nächstes Thema: das Paddel richtig halten. Ich strecke den rechten Arm aus und winkle den linken an. In der Luft führe ich den Karbon-Schlägel möglichst nahe am Brett vorbei. Nach vier, fünf Schlägen wird die Seite gewechselt. „Bereit?“, fragt Stephan. „Ja“, flüstere ich und gehe alles im Kopf noch mal durch. Gleich kommt der Moment, vor dem ich mich die ganze Zeit gefürchtet habe: Auf ein wackeliges Brett steigen, das in unruhigem Wasser treibt – und dann darauf stehen bleiben. Doch ich bekomme Schonfrist: „Wir fangen kniend an“, sagt Stephan. Puh!

Aufgepasst: Trainer Stephan Eder erklärt mir in der Bucht, wie ich das Paddel richtig halten muss.

Ich kralle mich mit der linken Hand am Steg fest, schiebe mein rechtes Knie aufs schwimmende Brett und ziehe das linke hinterher. Stephan reicht mir das Paddel. Jetzt gilt’s. Vorsichtig löse ich meine Hand vom Steg und halte mich am Paddel fest. „Von links vorne nach rechts hinten einstechen“, ruft mir Stephan vom Land aus zu. Klappt sogar: Ich komme vorwärts. Mache drei behutsame Schläge und gleite über den Tegernsee, Stück für Stück vom festen Ufer weg. Vor tausenden von Jahren paddelten polynesische Inselbewohner so von Eiland zu Eiland. In Asien sind sie noch heute mit Ein-Mann-Bambusflößen unterwegs, setzen dabei stehend Stangen und Paddel ein. Im 20. Jahrhundert wurde das Stehpaddeln dann zur komfortablen Fortbewegungsart für Surf-Lehrer auf Hawaii, die so schneller vom Ufer zu den wellenbrechenden Riffen gelangten. Surf-Legende Robby Naish hat sich das in den 1980er-Jahren abgeschaut, seit 2008 stellt er SUP-Boards her und verkauft sie. Die Oberfläche ist anders als bei Surfbrettern abgerundet: Die Folge: mehr Volumen, besserer Stand. Mittlerweile ist die Sportart nicht nur auf Hawaii beliebt, seit drei Jahren boomt sie in den USA. Auch zwischen Nordsee und Mittelmeer sind immer mehr Paddler unterwegs. Die Technik ist an das Kanufahren angelehnt. Surfer oder Kanuten tun sich mit dem SUP’n leicht. Ich bin keines von beiden – und komme trotzdem unerwartet gut zurecht. Ohne großes Wackeln paddle ich durch die Bucht. Erstaunlich ruhig schwebt das Brett über das Wasser, ohne Mühe lässt es sich bewegen. „Seite wechseln“, ruft Stephan nach vier, fünf Schlägen. Ich gehorche. Und dann wird es richtig ernst: Ich muss aufstehen. Stephan, der die ganze Zeit geduldig – und lässig stehend – neben mir her paddelt, gibt mir Tipps: Erst ein Bein anwinkeln, dann das nächste. Sagt sich so einfach. Ich halte das Paddel erst mal wie eine Balancier-Stange. Ganz langsam stehe ich auf – und bleibe stehen. Mittig und breitbeinig, wie Stephan gesagt hat. Geht doch. Langsam tauche ich das Paddel in den See. „Leicht in die Hocke gehen, wie beim Skifahren“, sagt mein Trainer. „Das erhöht die Stabilität.“

Tatsächlich: kein Schwanken, kein Kibbeln, kein Taumeln. Und: ich komme gut voran. Langsam, aber doch anmutig, wie ich finde, gleite ich über den See. Nur die Spaziergänger am Ufer sehen das wohl anders: Belustigt beobachten sie, wie ich mich konzentriere. Nach einer halben Stunde schaltet Stephan einen Gang höher. Von der ruhigen Bucht geht es hinaus auf den offenen See. Dort draußen wird ein Angler in seinem Ruderboot sanft hin und her gewiegt. Auch ich spüre deutlich Wind und Wellen unter meinem Brett. Lenken lässt es sich nun nicht mehr so mühelos. Ich muss einiges an Kraft aufwenden, um zu manövrieren. Um nicht von Bad Wiessee rüber nach Rottach-Egern getrieben zu werden. Meine Oberschenkel zittern so langsam, jetzt geht der Wassersport auch noch in die Arme. Unter meinem Neoprenanzug komme ich ins Schwitzen.

Ein Vorzug mit dem der neue Trend beworben wird: SUP’n sei ein ideales Ganzkörper-Workout. Noch dazu eines, das man fast überall ausüben kann: auf Flüssen, Seen, Meeren. Man kann Rennen fahren oder Wasserpolo spielen. Auch Senioren sup’n. Stephan vergleicht es mit „Nordic Walking auf dem Wasser“. Wenn auch mit deutlich teurerer Ausrüstung. Je nach Marke und Qualität kostet ein gut drei Meter langes und knapp 80 Zentimeter breites Brett zwischen 600 und 1800 Euro. Ein Stechpaddel schlägt mit 80 bis 350 Euro zu Buche.

Langsam werde ich sicherer, paddle schneller. „Du machst das richtig gut“, schmeichelt mir Stephan. Ich strahle übers ganze Gesicht. Der Wind streicht mir durch die Haare, bei angenehmen 14 Grad. Mein Blick schweift vom blauen Wallberg mit seinem schneebedeckten Gipfel zur Bodenschneid bis hinüber zu den gelben Doppeltürmen der Tegernseer Klosterkirche. Hach, mir geht’s gut. So muss das Leben sein. „Sollen wir Slalom fahren?“, fragt Stephan verschmitzt. Das macht er mit seinen Schülern immer zwischen den Pfosten der Schiffsanlegestelle. „Ja klar, logisch“, rufe ich begeistert. Schon bei der ersten Kurve passiert es: Ich bin zu schnell, komme nicht um den Pfahl herum, verliere das Gleichgewicht – und bin weg. Unter Wasser. Irgendwann tauche ich wieder auf, schnappe nach Luft. Aber es klappt nicht. Ich kann nicht atmen. Mein Körper ist wie schockgefroren, trotz Neoprenanzug. Mit aufgerissenem Mund schlage ich wild um mich, um bloß nicht wieder unterzugehen. Stephan, mein Trainer, lacht so heftig, dass er sich den Bauch halten muss. Aufreizend locker steht er in der Sonne auf seinem Brett, hält sein Paddel und schaut zu mir runter, wie ich um mein Leben kämpfe. Der Depp. Als ich irgendwann doch wieder atmen kann, muss ich selber lachen – und gehe beinahe wieder unter. Stephan hat vor drei Jahren zusammen mit Florian Hornsteiner das Sailing-Center gegründet. Davor war er „Kadermäßig im Segeln unterwegs“, wie er sagt, hat Wirtschaftsingenieur studiert und vier Jahre lang einen großen Wassersport- Anbieter am Bodensee geleitet, ehe es ihn wieder zurück an den heimischen Tegernsee zog. Außer Stand Up Paddling unterrichtet er auch Segeln. Ausflüge mit einem Zwei-Mast-Kutter oder einem Drachenboot bietet das Sailing- Center ebenfalls an. Im Winter gibt Stephan Snowboard- Unterricht am Hirschberg und Spitzing. Zum SUP’n kam er vor zwei Jahren übers Surfen. Weil er in Tegernsee gleich neben dem Yachtclub wohnt, paddelt er in der Früh schon mal zu seinem Bootshaus in Bad Wiessee rüber. Oder nachmittags ins Bräustüberl.

Von hinten nach vorne oder von vorne nach hinten einstechen?

Meine erste SUP-Stunde geht nach ein paar weiteren Runden – ohne Zwischenfall – zu Ende. Doch eines steht mir noch bevor: das Anlanden. Noch mal überlegen: von hinten nach vorne auf der linken Brett-Seite einstechen, um nach rechts zu drehen? Nein, genau anders herum. Natürlich. Der Steg ist zwar in Reichweite, aber noch viel näher bin ich einer 90 000 Euro teuren Blue26-Yacht von Stephans Segelschule. „Stephan, Hilfe!“, entfährt es mir. „Du musst rechts von vorne nach hinten einstechen“, ruft der mir vom Ufer aus zu. Zu spät, ich ramme das schneeweiße Heck des Luxus-Bootes. Auweia.

„Nix passiert“, meint mein Trainer. „Die hält schon was aus.“ Tatsächlich: kein Kratzer zu sehen. Und mein Brett ist auch noch ganz. Experiment geglückt. Ich bin immer noch berauscht von der Geschwindigkeit einerseits und dem ruhigen Dahingleiten andererseits. Ich werde bestimmt noch mal sup’n, nehme ich mir vor. Stephan rät mir: „Komm, wenn es wärmer ist. Wenn das Wasser über zwölf Grad hat, ist’s angenehm, wenn man reinfällt.“

Wer Stand Up Paddling ausprobieren möchte, hat dazu bis 30. September jeden Dienstag um 18.30 Uhr Gelegenheit. Am Bootshaus des Sailing-Centers an der Adrian- Stoop-Straße 50 in Bad Wiessee kann man für zehn Euro Brett, Paddel und Schwimmweste ausleihen und bis zum Sonnenuntergang paddeln. Die Pauschale für alle Dienstage von Mai bis September beträgt 80 Euro. Für 19,50 Euro gibt es den einstündigen Schnupperkurs.

Julia Pawlovsky

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