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„Wenn du Glück hast, duldet dich der Berg“: Roger Schäli (34) zählt zu den besten Allround-Alpinisten der Welt – die Aufnahme zeigt den Schweizer auf einer Klettertour in Südafrika. Sein Credo: „Wenn du Angst hast, musst du umkehren.“

Sturz ist oft reine Nervensache

Experte erklärt die Psychologie beim Klettern

Die letzte Sicherung, durch die das Kletterseil läuft, liegt schon einige Meter tiefer. Und der nächste Haken ist noch nicht in Sicht. Wenn plötzlich Angst entsteht...

...die Knie weich werden, kommt es möglicherweise zum Sturz. Den zu vermeiden: Oft ist das reine Nervensache.

Beim Einhängen des Seils in eine Zwischensicherung gilt immer die Drei-Punkte-Regel: Drei der vier Gliedmaßen müssen Felskontakt haben und den Körper im Gleichgewicht halten, damit mit der freien Hand sicher hantiert werden kann. Das Foto zeigt den Extrembergsteiger Michi Wärthl (42) aus Neubiberg in der Kletterroute „Mi puo fare accendere“ auf Sizilien.

Einer geht immer voraus: So lautete das unerschrockene Motto des legendären Südtiroler Extrembergsteigers Friedl Mutschlechner, der 1991 am Manaslu – einem Achttausender im Himalaya – vom Blitz getroffen und mitten aus dem Leben gerissen wurde. Vorn zu sein, der Erste, das hat ein bisschen Pioniercharakter. Und gerade beim Klettern ist es eine große mentale Herausforderung. Während der Nachsteiger (also derjenige am hinteren Seilende) bei einem Sturz direkt aufgefangen wird, muss der Vorsteiger am „scharfen Ende des Seils“, wie es in der Kletterszene heißt, mit allerlei Risiken rechnen: Stürzt der Seilerste, kann er sich je nach Fallhöhe und Wandneigung böse Verletzungen zuziehen, oder aber die letzte Zwischensicherung hält nicht, was Länge und Wucht eines Sturzes verlängern. Im Vergleich zu Klettern im Nachstieg oder Toprope ist im Vorstieg also wesentlich stärker die Psyche gefordert. Stefan Winter, Ressortleiter für Breitenbergsport, Sportentwicklung und Sicherheitsforschung beim Deutschen Alpenverein kennt die Herausforderungen:

Wie unterscheidet sich die mentale Vorbereitung vom Klettern im Vorstieg gegenüber Nachstieg oder Toprope?

Stefan Winter: Klettern im Toprope ermöglicht es, sich beim Routenstudium am Boden ausschließlich auf die Kletterbewegungen zu konzentrieren. Sicherheitsaspekte spielen für den Kletterer eine untergeordnete Rolle. Ein Vorstiegskletterer hingegen muss sich vor dem Einsteigen intensiv mit Fragen der Absicherung und auch mit dem Stürzen beschäftigen. Insofern wird man beim Topropen eine viel geringere nervöse Vorspannung – man spricht von Mitinnervation – haben als beim Vorsteigen.

Das kleine ABC des Kletterns

Das kleine ABC des Kletterns

Wie weit sollte ein Kletterer als Sicherheitsreserve unter seinem persönlichen Limit bleiben bzw. wie definiert er dieses?

Wer das Stürzen nicht gelernt hat, der sollte mindestens einen Schwierigkeitsgrad unter seinem maximalen Leistungsvermögen klettern. Abhängig ist das auch von der Hakendichte, von der Felsqualität und von der Erfahrung des Sichernden.

Wie lässt sich auf Klettertour etwaige Nervosität – wenn es zum Beispiel unplanmäßig läuft oder man die Route nicht wie im Topo findet – in den Griff bekommen?

Wer sich beim Klettern in eine brenzlige Situation manövriert hat, sollte den Tiefblick vermeiden, den Puls kontrollieren und die nächste sichere Basis wie Haken oder einen Felsvorsprung, auf dem er sicher ausruhen kann, ansteuern. Gegebenenfalls kann es auch besser sein, kontrolliert zu stürzen als irgendwann total verkrampft abzurutschen.

Wie klickt man in kritischen Momenten – zum Beispiel an der Leistungsgrenze, bei psychischem Blackout oder einem Kraftproblem – an der nächsten Zwischensicherung das Seil oder die Expressschlinge richtig ein: mit gestrecktem Arm oder in Hüfthöhe?

Das Clippen sollte in der Regel auf Hüfthöhe erfolgen, da so am wenigsten Schlappseil eingezogen wird. Dies ist allerdings abhängig davon, ob es einen geeigneten Haltegriff gibt.

Was macht man, wenn einen vor der nächsten Zwischensicherung Kraft oder Nerven verlassen?

Unter Umständen ist das Zurückklettern eine Option. Eventuell kann man auch eine mobile Zwischensicherung (Schlinge, Klemmgeräte) anbringen. Die Mutigen nehmen einfach das Herz in die Hand und klettern doch noch weiter zum nächsten Haken oder großen Griff.

Was sollte man tun bei einem „wackligen“ Standplatz?

Ein unsicherer Standplatz sollte unbedingt mit mobilen Sicherungsmitteln verbessert werden. Eventuell kann noch der bereits in Sichtweite liegende nächste Zwischensicherungshaken genutzt werden. Unbedingt ist zu kommunizieren, dass der Nachsteiger keinen Hänger, also ein Ausruhen am gespannten Seil, riskieren soll. Im Endeffekt ist höchste Konzentration gefordert – und lieber einmal die Haken zum Halten beim Klettern mitbenutzen, auch wenn das verpönt ist.

Welche Sicherungsmethode ist zu empfehlen? Halbmastwurfsicherung (HMS) oder eins der modernen Sicherungsgeräte?

Beim Alpinklettern ist die HMS nach wie vor eine empfehlenswerte Sicherungsmethode. Für das Sportklettern gibt es mittlerweile eine Vielzahl an Sicherungsgeräten. Man unterscheidet dynamische Geräte (HMS, Tube, Achter) und halbautomatische Geräte (Grigri, Smart, Click up u.a.). Die persönliche Wahl muss den eigenen Vorlieben und Rahmenbedingungen angepasst werden. Egal wofür man sich entscheidet, jedes Gerät muss intensiv erlernt und trainiert werden.

Welche Seilkommandos (die natürlich zuvor gut abgesprochen sein müssen) sind Usus? Der DAV propagiert seit einigen Jahren ja „Ab“ und „Zu“.

Im Klettergarten- und Indoorkletterbereich genügen „ZU“, wenn man das Seil in die Umlenkung gehängt hat, und „AB“, wenn man abgelassen werden will. Ganz anders verhält es sich in Mehrseillängenrouten: „STAND“, wenn man selbstgesichert ist, „SEIL EIN“, wenn das Restseil nach oben gezogen werden kann, „SEIL AUS“, wenn es zu Ende ist, „NACHKOMMEN“, wenn der Nachsteiger in der Sicherung ist und losklettern kann, „ICH KOMME“, wenn der Nachsteiger seine Sicherung ausgehängt hat und losklettert. Achtung: Trotzdem geschehen nicht selten bei den Seilkommandos Missverständnisse, zum Beispiel bei starken Windgeräuschen. Im Zweifelsfall also Kommandos wiederholen oder nachfragen.

Von Martin Becker

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