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Extreme Herausforderung: Stefan Glowacz mit Holger Heuber am Mount Roraima in Venezuela.

Interview mit Stefan Glowacz

Die 10 Glowacz-Gebote um Abstürze zu vermeiden

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Er ist Pionier des Wettkampfkletterns, Abenteurer, Familienvater, Unternehmer, Buchautor, Filmemacher, Vortragsredner und kritischer Visionär: Stefan Glowacz.

Kaum ein Alpinist hat es geschafft, so wie er sich über Jahrzehnte hinweg als Eigenmarke zu etablieren. Nächste Woche, am 22. März, wird Stefan Glowacz 50 Jahre alt.

Das Vorurteil, er zeige sich nirgendwo ohne das Logo von Sponsor Red Bull, widerlegt Stefan Glowacz beim Interviewtermin mit unserer Zeitung. Grauer Pulli, ganz ohne Werbung. Mitgebracht hat der Oberbayer bloß eine Tüte vom Bäcker mit Brezn, Semmeln und Croissants.

„Aufbruch ist eine Konstante in meinem Leben“: So beginnst du das Vorwort des neuartigen Alpinsport-Magazins Allmountain, dessen Herausgeber du neuerdings bist. Du brauchst immer neue Ziele?

Meine Triebfeder als kletternder Abenteurer ist immer die Neugier: Es sind die unbekannten Gebiete, die mich faszinieren – über Tellerrand und Horizont hinauszuschauen, ob es da tatsächlich noch die Wände gibt, die man vermutet. Dieser Antrieb ist ungebrochen, das war schon immer meine große Leidenschaft. Eine Zeit lang hat mich zwar mehr die pure Fokussierung aufs Sport- und Wettkampfklettern fasziniert, aber nach dieser Phase, nach 1993, habe ich bei meinen Expeditionen wieder die Abenteuersehnsucht mit dem Hochleistungsaspekt verbunden.

Wann hast du gemerkt: Aha, ich kann vom Klettern leben?

Rückblickend betrachtet war ich immer zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Wenn ich nicht am Beginn dieser Wettkampfära gestanden und Frontmann dieser Generation geworden wäre, wenn ich nicht von Anfang an die Wettbewerbe hätte gewinnen können, dann wäre ich nie Profi geworden. Letztlich war es Zufall. Außer Reinhold Messner gab es damals ja kaum jemanden, der davon leben konnte. Ich habe es einfach mal probiert, mein Leben über Preisgelder zu finanzieren, quasi von der Hand in den Mund. Irgendwann wurden die Zeitfenster länger, ich wurde Frontmann der Szene nach Kurt Albert und Wolfgang Güllich, auch das erste Buch „Rocks around the World“ war ein großer Erfolg. So kam eins zum anderen.

Das Besondere ist ja: Du bist auch 22 Jahre nach dem Gewinn der Vizeweltmeisterschaft immer noch als Eigenmarke omnipräsent – das schaffen nur wenige.

Dafür musste ich relativ viel tun. Deshalb habe ich mit Uwe Hofstädter ja auch vor fast 16 Jahren die Kletterschuhfirma Red Chili – die Idee kam uns beim Abstieg vom Gipfelplateau des El Capitans im Yosemite Valley - gegründet. Wir wollten unser Wissen bündeln, doch dahinter steckte auch der Gedanke: Ich wollte nie abhängig davon sein, klettern oder Expeditionen machen zu müssen, um meine Familie zu ernähren. So ging mir nie die Leidenschaft verloren, die Sehnsucht nach dem Aufbrechen ist unverändert geblieben. Weil ich im Kopf unabhängig war. Ich bin nie in eine Wand eingestiegen, weil sie vielleicht gut vermarktbar wäre, das spielte nullkommanull eine Rolle – primär habe ich das gemacht, was mich begeistert: Wir sind zu Bergen aufgebrochen, die nicht mal einen Namen hatten wie in Baffin Island. Diese Authentizität ist spürbar, und deshalb konnte sich die Marke Glowacz so lange halten. Genauso wie die Marke Messner, die Marke Huber-Buam authentisch sind. Und danach kommt halt auch nichts mehr. Das Geheimnis ist, sich nicht zu verbiegen.

Inwieweit hat dein Sturz 1993 in Kochel, als dir beim Freesoloklettern ein Griff ausgebrochen ist und du schwer verletzt wurdest, deine Karriere beeinflusst?

Du wirst zum ersten Mal damit konfrontiert, dass du nicht unsterblich bist und ich den Schutzengel nicht unendlich strapazieren kann. Das war eine sehr wesentliche Erkenntnis. Ich bildete mir ein, dass das Risiko hundertprozentig kalkulierbar war – mir wurde zum Verhängnis, dass ich nicht in den Fels hineinsehen konnte. Beinahe-tödliche-Unfälle hat jeder mal in seiner Kletterkarriere, grundsätzlich bin ich aber ein sehr vorsichtiger Mensch.

Du bist in zweiter Ehe mit Tanja Valérien-Glowacz verheiratet, Vater von Drillingen aus erster Ehe. Und in deinem neuen Buch bezeichnest du dich selbst als „Paradebeispiel für einen Helikopter-Vater“. Wie kommt das?

Meine Kinder, mittlerweile 19 Jahre alt, sind großartig, ich bin ein totaler Fan von ihnen. Aber als meine erste Frau sich von mir getrennt hatte, waren sie drei Jahre alt – da habe ich viel auffangen wollen und bin in dieser Vaterrolle absolut aufgegangen. Du schlüpfst in eine Rolle, die sonst vielleicht der andere Part in der Familie übernimmt, und so bin ich ein sehr behütender Vater geworden. Du versuchst, die Leitplanken zu bilden – jetzt gebe ich ihnen zwar mehr Raum, doch ich falle immer wieder in meine Behüterrolle zurück. Es ist ein ständiger Prozess, wie eine Expedition. Es gibt diesen sehr schönen Satz von Goethe: „Eltern müssen ihren Kindern Wurzeln und auch Flügel geben“. Da sind wir gerade dabei: dass wir ihnen Flügel geben.

Welche Parallelen nimmst du aus den Bergen mit in den Firmenalltag oder ins Privatleben?

Planungsphasen, die Auswahl von Mitarbeitern – es gibt viele Beispiele, die Mechanismen sind gleich. Wenn ich bei einer Expedition die Leute nur nach ihren sportlichen Fähigkeiten auswähle und nicht nach der Sozialkompetenz, fährt das Projekt bei der ersten Hürde an die Wand, weil zwei Bergsteiger nicht miteinander harmonieren. Bei einer Expedition wird dir das sofort und unverblümt aufgezeigt, in einem Unternehmen ist das subtiler: Jeder kann irgendwie flüchten, sich verstecken – in einer Wand geht das nicht. Es geht um den Teamgedanken, gemeinsam Ziele zu erreichen, auch im Familienverbund. Man muss versuchen, Kinder entsprechend zu fördern und zu beobachten, wo ihre Talente verankert sind, um sie genau dort zu unterstützen. Ebenso ist eine Expedition ein ständiges Abwägen, ein Miteinander; mal zurückstecken, mal wieder nach vorn gehen in eine Führungsposition. Es ist wie ein Organismus, der sich zusammenzieht und wieder ausdehnt, eben wie die Situation es erfordert – das lässt sich auf viele Lebensbereiche übertragen.

Wohin wird sich das Klettern und Bergsteigen entwickeln, wo liegen künftige Herausforderungen des Alpinismus?

Aufbruch ins Unbekannte: Stefan Glowacz im Jahr 2003 zusammen mit Robert Jasper auf dem Weg zur Murallón-Nordwand in Patagonien.

Die Zukunft liegt vielleicht darin, dass sich Allrounder herauskristallisieren, die mehrere Disziplinen betreiben wie zum Beispiel ein David Lama. Es wird immer wieder Leistungen geben, die keiner für möglich gehalten hätte, doch die Möglichkeiten draußen werden definitiv weniger, weil immer mehr einigermaßen leicht erreichbare Ziele schon erschlossen sind. Das heißt, meine und nachfolgende Generationen müssen wieder zu Entdeckern werden – und das ist extrem mühsam. Das wird künftig mehr werden: zu entlegenen Wänden aufzubrechen und zu schauen, ob man ein Juwel entdeckt oder resigniert wieder den Rückzug antritt. Im Sportklettern gibt es noch Potenzial, der 13. Schwierigkeitsgrad kommt garantiert, es wird immer Ausnahmekönner geben, die die Spirale noch ein bisschen weiterdrehen – man muss nur Wände finden, um diese Schwierigkeiten aneinanderzureihen. Das sind aber Nuancen, die nur noch absolute Spezialisten einstufen können. Keiner wird das Bergsteigen neu erfinden, dafür ist es schon zu speziell in den einzelnen Bereichen geworden.

Täuscht der Eindruck, oder stagniert das Wettkampfklettern in Deutschland?

Ja, das ist schade. Das Problem sehe ich beim Alpenverein, die Strukturen sind nicht da, weshalb uns im Spitzensportbereich die Talente wegbrechen. Ich habe vergangenes Jahr dem Alpenverein ein komplett ausgearbeitetes Konzept vorgelegt, das – ähnlich wie beim „Sailing Team Germany“ – den Leistungssport in eine gemeinnützige GmbH ausgliedert. Die Spitzensportförderung darf nicht bei den Schülern aufhören. Das Konzept für ein „Climbing Team Germany“ sieht vor, Klettern an die Deutsche Sporthilfe anzugliedern und mit entsprechenden Strukturen ins Förderprogramm zu kommen, sodass Spitzensport parallel zu Ausbildung oder Studium möglich wäre. Die Österreicher machen es uns ja vor, aber der Deutsche Alpenverein hat das abgelehnt, weil er dann seine Kompetenz komplett abgeben müsste. Da bekomme ich einen Zorn, denn der Alpenverein ist so borniert und arrogant! Der Alpenverein müsste eigentlich das Wettkampfklettern mit neuen Ideen befeuern. Auch die Boulder-WM in München reißt das nicht heraus, denn die lebte von ihrer Eigendynamik, hätte noch viel besser präsentiert werden können. Der Alpenverein macht in allen Bereichen, was den Spitzensport angeht, eine ganz erbärmliche Figur.

Zurück zum Aufbrechen – was ist dein nächstes alpinistisches Ziel?

Ich will dieses Jahr ein altes Projekt im Wetterstein unbedingt fertigstellen; es geht um eine traumhaft schöne Route an der Schwarzen Wand im Höllental, die wir schon vor zwölf Jahren eingerichtet, aber bis auf zaghafte Versuche ein bisschen aus den Augen verloren haben. Das ist oft das Problem, wenn etwas vor der Haustür liegt – jetzt wollen wir die Tour aus ihrem Dornröschenschlaf wecken. Das ist ein richtiges Brett, eine Kletterei im elften Schwierigkeitsgrad!

Martin Becker

Zehn Gebote, um Abstürze zu vermeiden

Zu seinem 50. Geburtstag hat Stefan Glowacz zusammen mit der Autorin Mila Hanke ein Buch geschrieben: „10 Gebote, um Abstürze zu vermeiden“ (19,90 Euro, Verlag Delius-Klasing, ab 12. März im Buchhandel erhältlich). Im Untertitel verweist der Extremkletterer und Unternehmer auf „Erfolgsstrategien für Beruf und Alltag“. Stefan Glowacz als Lebensratgeber?

„10 Gebote, um Abstürze zu vermeiden“

Nein, das mag er sich „keineswegs“ anmaßen, betont der demnächst 50-Jährige. Es gehe ihm darum, Situationen und Erkenntnisse aus dem Extremsport und von seinen Expeditionen auf den Alltag und das Leben allgemein zu übertragen. „Denn im Grunde“, glaubt Glowacz, „sind viele Herausforderungen, Hürden und Erkenntnisse sehr ähnlich.“ So habe er gelernt, wie man ein Team richtig zusammenstellt; wie wichtig gründliche und detaillierte Planung ist, die trotzdem Raum für Flexibilität lässt; wie man mit Rückschlägen, Verletzungen und Misserfolgen umgehen kann; wie sehr Kommunikation den Erfolg eines Teams beeinflusst. „Viele dieser Leitsätze lassen sich auf den Alltag übertragen, auf Prozesse in Unternehmen und auf Jobsituationen, aber auch auf private Beziehungen und zwischenmenschliche Konflikte“, sagt Glowacz, dem es beim Erreichen seiner Ziele vor allem auf das Wie ankommt. Zugleich ist das Buch eine faszinierende und spannende Reise in die abenteuerliche Welt eines Extremsportlers.

Die zehn Glowacz-Gebote

  • Du sollst deinen Überzeugungen folgen.
  • Du sollst dich nicht vom Weg abbringen lassen.
  • Du darfst stürzen, aber sollst nicht liegen bleiben.
  • Du sollst flexibel bleiben.
  • Du sollst professionell planen.
  • Du sollst nicht überheblich werden.
  • Du sollst deine Fähigkeiten richtig einschätzen.
  • Du sollst dein Team überlegt wählen und führen.
  • Du sollst respektvoll kommunizieren.
  • Du sollst Fehler zulassen und Erfolge feiern.

mbe

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