+
TIM heißt das Textilund Industriemuseum in Augsburg, das erst vor wenigen Wochen eröffnet hat (re.). Und schon begeistert wegen seiner vielen Möglichkeiten, selber tätig zu werden: Ob am Webstuhl (li.) oder bei den drei Riesenmodellen (o.), deren Gewand ein jeder mittels Computer und Projektion mit unzähligen Mustern selbst gestalten kann.

Textilmuseum Augburg: Viel Stoff zum Mitmachen

Augsburg - Sie waren immer „Ackermänner“, verheiratet mit der Nähseidenfabrik. Weil sowohl der Schwiegervater wie auch ihr Mann in dem Augsburger Traditionsunternehmen gearbeitet haben, das 1994 von der Amann-Gruppe übernommen worden ist, hat Claudia van Beek das Zusammengehörigkeitsgefühl dort und in der Werkssiedlung hautnah miterlebt.

Auch sie selbst hat’s mit Textilien, ist lange im textilen Verkauf tätig. Klar, dass Claudia van Beek nicht lange zögert, als sich die Chance bietet, im TIM zu arbeiten. Das jugendliche Kürzel, das für Staatliches Textil- und Industriemuseum steht, ist Programm: Denn das TIM ist erfrischend anders als andere Museen, mehr eins zum Mitmachen als nur zum Anschauen.

Selber weben und drucken

Historische Webstühle rattern und die Führungen in der Maschinenhalle sind vor allem eines: Ohrenbetäubend laut. Und da versteht man schnell besser, was so ein 10- Stunden-Tag bedeutet hat und warum so viele der alten Textilarbeiter heute schwerhörig oder taub sind. Im Museum ist aber auch die einzigartige Musterbuchsammlung der Neuen Augsburger Kattunfabrik (NAK) zu Hause – das sind 200 Jahre Design und Mode made in Augsburg!

Bei der Mode gibt’s tiefe Einblicke in die Kultur des Bikinis, man darf einen Edelpunk- Hosenanzug der Fürstin Gloria von Thurn und Taxis bewundern – und sich selbst auf den Arm nehmen: Den Kopf über eine Kleiderpuppe gereckt, mal im Biedermeier- Kleid, mal im 70er-Jahre- Look. Oder soll’s für die Herren ein schicker Cut sein? Ein Museum zum Schmunzeln und Lachen, eben keine leblose Verwahranstalt für Exponate. Und es geht um die Menschen, deren Leben das Industriezeitalter radikal veränderte. An einem Touchscreen- Bildschirm kann man beispielsweise einer gewissen Kreszenzia Grodl zuhören. Die alte Dame, die 40 Jahre lang Spulerin und Weberin bei dem Heimtextilhersteller Dierig war, erzählt von den Wintern, wo sie und ihre Schwester um 3 Uhr in Aichach aufstehen mussten, das Radl durch den Schnee zum Bahnhof schoben und auf den pünktlichen Zug hofften. Vom Augsbuger Bahnhof bis nach Pfersee rannten sie mehr als sie gingen, um die Stechuhr vor 6 Uhr zu betätigen. Viel bewegte Geschichte aus der Geschichte.

Für das Hier und Jetzt ist Claudia van Beek da. Die gebürtige Holländerin ist die gute Seele des TIM, gibt stets gut gelaunt kompetent Auskunft. Wie der Webstuhl funktioniert? Geduldig erklärt sie einem kleinen Besucher die Tricks und Kniffe und schon webt der, als wolle er nie aufhören damit. Auch beim Walzendruck geht’s rund. Der Tipp, dort doch lieber Handschuhe anzuziehen, freut alle Mütter, die schon überall Farbtapser auf der Kleidung befürchtet haben. An sieben Stationen können Kinder (Erwachsene natürlich auch) Arbeitsschritte in der Textilproduktion und im Design selber ausprobieren.

Apropos Design: Mitten im Museum stehen die „Grazien“, Riesinnen, gigantische Damen und die tragen ein schlichtes weißes Gewand, das jeder zum Leben erwecken kann, indem er am Computer Muster auswählt, verändert und auf die Damen projiziert.

Auch der Hightech-Bereich zeigt völlig neue Anwendungsmöglichkeiten: intelligente Kleidung von Schöffel, den künstlichen Muskel, Carbon- Rahmen von Corratec aus Raubling und ein visionärer Trachtenanzug von Loden Frey – da wird vieles präsentiert, was die Zukunftschancen der Branche und des Standortes Bayern betrifft.

Und verhungern muss auch keiner: Das „nuno“ mit seiner feinen euroasiatischen Küche ist allein schon ein Anreiz für den Museumsbesuch. Hinterher kann man ja immer nochmals rein in die Hallen und amüsiert beobachten, wie Claudia van Beek gerade einem kleinen Mädchen eine Strickliesl erklärt...

Nicola Förg

TEXTIL- UND INDUSTRIEMUSEUM

ANFAHRT – Auto: A 8 München-Augsburg. Beschilderung „Zentrum“ folgen, dann blauer Wegweiser „tim“, Parkplätze vor dem Haus. Bahn: Regelmäßige Verbindung München-Augsburg (auch ICE), kurzer Spaziergang vom Hbf. zum Königsplatz, dort Linie 31 Richtung Neuer Ostfriedhof und Linie 36 Richtung Friedberg Ost bis Haltestelle „Textilmuseum“; Fahrtdauer ab Königsplatz 8 Minuten; Taktung alle 15 Minuten.

ADRESSE – Staatliches Textil- und Industriemuseum, Augsburger Kammgarnspinnerei (AKS), Provinostraße 46, 86153 Augsburg. Telefon: 0821 / 81 001; Internet: www. timbayern.de; Öffnungszeiten: Täglich außer Montag 9 bis 18 Uhr; Führungen auf Anfrage! Restaurant nunó: Täglich außer Montag von 9 bis 24 Uhr geöffnet; Telefon: 0821/ 51 22 66; Internet: www.nunoaugsburg. de

TIPP – Sonderausstellung „Bayern-Italien“, das Haus der Bayerischen Geschichte ist ab Mai mit der Landesausstellung u.a. im TIM (vom 21. Mai bis 10. Oktober, täglich 9 bis 17.30 Uhr). Eine lange Geschichte verbindet Bayern und Italien – eine Geschichte von Legionären und Händlern, von Künstlern und Gelehrten, von Sportlern und Touristen. Die Bayerische Landesausstellung zeichnet einmal in Füssen und zweimal in Augsburg (TIM/Maximilianeum, Fuggerplatz 1) ein beeindruckendes Bild dieser vielfältigen Beziehungen.

Im TIM: „Sehnsucht, Strand und Dolce Vita“. Kultur, Sonne und Meer zogen die Reisenden gen Süden. Umgekehrt lockte die Hoffnung auf ein besseres Leben italienische Ziegler, Eiskonditoren und Industrie-Gastarbeiter in den Norden. Im Maximilianeum: „Bayern-Italien: Künstlich auf Welsch und Deutsch“ – Kunstbeziehungen im 15./16. Jahrhundert. In Füssen im Kloster St. Mang (Lechhalde 3, 87629 Füssen) mit dem Schwerpunkt: „Bayern-Italien: Kaiser, Kult und Casanova – von der Antike bis 1800“.

Auch interessant

Kommentare