+
Klippenspringer-Wettbewerbe wie hier in der Schweiz ziehen Zuschauer magisch an.

Tiefer fallen

Die extreme Welt der Klippenspringer

Der Sprung vom 10-Meter-Brett – eine Heldentat? Nun ja, Klippenspringer wie die Oberbayerin Iris Schmidbauer stürzen sich aus 20 bzw. 27 Metern Höhe ins Wasser.

Wem im Schwimmbad die Knie schlottern, wenn er vom Drei-Meter-Brett springen soll, der liest jetzt besser nicht weiter. Auch wer Panik beim Blick vom Fünf-Meter-Turm bekommt, bei dem löst schon der Bericht über Klippenspringer vermutlich Schweißausbrüche aus. Allen anderen beschert der „High Diving“ genannte Sport Nervenktzel pur. Schließlich ist die „Flug-Schau“ spektakulär und verlangt von den Athleten Mut, Kraft und Körperbeherrschung. Eigenschaften, die Iris Schmidbauer von Kindesbeinen an mitbringt.

Iris Schmidbauer: Mit 20 Jahren die deutsche High-Diving-Königin.

An ihr erstes Mal erinnert sich die gebürtige Puchheimerin, die am Ammersee aufgewachsen ist, noch ganz genau. „Es war ein Versehen, denn ich dachte, das Sprungbrett wäre drei Meter hoch, dabei waren es fünf“. Sie lacht: „Ich hab’s überlebt“. Schmidbauer war damals vier Jahre alt und „hupfte“ fortan viel lieber ins Wasser als im Kinderbecken vor sich hin zu plantschen. Dann kamen die Olympischen Spiele 2008. „Da hat es mich richtig gepackt“, erzählt die heute 20-Jährige. „Da flogen Turmspringer mit dem Kopf voraus 10 Meter in die Tiefe. Das wollte ich unbedingt lernen“. Sie fand ein Schwimmbad mit einem alten, hölzernem Sprungturm und übte ihre ersten Salti.

Und heute? Schmidbauer steht auf einem riesigen Stahlturm. 20 Meter hoch. Die Zuschauer können sie kaum erkennen, sie erscheint winzig. Der Blick von oben: gigantisch. Iris sieht die Wolken-Kratzer-Skyline von Abu Dhabi. Unter ihr glitzert das Meer. Dann erkennt sie ein rundes Feld. Da hinein soll sie springen. Es ist winzig klein. Doch Schmidbauer breitet ihre Arme aus und stürzt sich in die Tiefe. Während des Fluges dreht sich ihr Körper blitzschnell: Salto, Schraube, Drehung, dann schießt sie ins Wasser. Es spritzt kaum. Ein perfekter Sprung.

„High Diving“ ist offensichtlich kein Sport für Angsthasen

Iris Schmidbauer liebt hohe Sprünge.

„Ich dachte früher tatsächlich, Sprünge aus mehr als 10 Metern Höhe würde man nicht überleben“, lacht Schmidbauer. Nur zum Vergleich: 20 Meter Höhe, das entspricht etwa dem achten Stock eines Hauses. Die Männer stürzen übrigens aus 27 Metern ins Wasser. Iris gehört zu den zehn besten weiblichen Klippenspringern weltweit. Sie wohnt seit einigen Monaten nicht mehr im heimischen Pähl, sondern ist ins englische Plymouth umgezogen. Die Stadt gilt als Hochburg der Wasserspringer.

„Hier kann ich mein Training gut mit einem Studium verbinden“, erklärt sie. Ihr Trainer, selbst ein erfolgreicher Klippen-Springer, stammt aus Mexiko, dem Mutterland der „Felsen-Flieger“. Dort, in Acapulco, segeln noch heute mutige Männer von den Klippen. Wenn auch nicht mehr wie früher, um sich untereinander zu messen, sondern als weltweit berühmte Touristen-Attraktion. Eine Mutprobe, die es einst sogar bis in die Werbung für Dusch-Gels geschafft hat. Ja, „Cliff“ versprach einen Hauch von Freiheit und Abenteuer im heimischen Bad. Statt malerischer Felsen benutzen moderne „High Diver“ aber meist schnöde Metall-Gestelle mit einer Plattform in luftiger Höhe. Und ihre „Luftnummern“ bestehen aus komplizierten Bewegungen gepaart mit extremer Körperbeherrschung. „Wenn ich da oben stehe, denke ich manchmal: Im nächsten Leben werde ich Schachspielerin“, gesteht Schmidbauer schmunzelnd. „Ich habe großen Respekt vor der Höhe“. Genau da liegt das Problem: Zu viel Angst ist schlecht, zu wenig aber auch. „Dann wird man übermütig“. Es geht um die Balance. Denn: Kleinste Fehler rächen sich bitter. Vom Absprung bis zur Landung dauert es nur zwei bis drei Sekunden. In dieser kurzen Zeit beschleunigt der Körper auf bis zu Tempo 80. Beim Eintritt ins Wasser wird der Körper brachial abgebremst. „Es ist wie ein mittelschwerer Verkehrsunfall“, beschreibt die 20-Jährige das Gefühl. „Impact“ nennen die Athleten das Eintauchen, was soviel wie „Einschlag“ heißt. Überlebenswichtig sind Körperspannung und Gleichgewicht. Eine falsche Armbewegung kann den Körper in Schieflage bringen. Mit fatalen Folgen: gebrochene Gelenke, kaputte Schulter, geplatzte Trommelfelle...

Die Kräfte, die auf den Körper wirken, sind enorm

Schöne Aussichten: Von einem Fenster in 24 Meter Höhe aus sprang der frühere australische Weltmeister im Klippenspringen, Steve Black, auch schon mal in die Spree in Berlin.

Deshalb tauchen Klippenspringer immer kerzengerade mit den Füßen zuerst ein. „Ich bin mal Kopf voraus aufgekommen“, schildert Iris ihre schlimmsten Erfahrungen. „Bei einer Rückenlandung gab es blaue Flecken und Platzwunden, dazu ein Schleudertrauma“. Ach ja, einen Steißbeinbruch gab’s noch. „Zum Glück also keine ernsten Verletzungen“, meint die Sportlerin lapidar. Nur wenige deutsche Athletinnen beherrschen den Sport. Bisher war Anna Bader die bekannteste unter ihnen. „Sie ist mein Vorbild“ schwärmt die Oberbayerin über die siebenmalige Europameisterin und Bronze-Gewinnerin bei den Weltmeisterschaften, die ihre Karriere mit 32 Jahren beendet hat. Jetzt hält Iris als einzige Frau im High-Diving-Kader des Deutschen Schwimmverbands die Stellung. „Manchmal fühle ich mich schon wie eine Einzelkämpferin“, gesteht sie. Russland, Philipinen, Schweiz, Vereinigte Arabische Emirate: Die Wettbewerbe bescheren der Sportlerin jede Menge Flugmeilen und zugleich auch gute Trainingsmöglichkeiten. Denn: 20-Meter- oder gar 27-Meter-Türme gibt es hierzulande in keinem einzigen Schwimmbad. Klippen? Ebenfalls Fehlanzeige. Einzig im tirolerischen Ötztal bietet ein Freizeitpark Sprungmöglichkeiten aus 27 Meter Höhe an. High Diver aus ganz Europa nutzen die Möglichkeit. „Das Interesse an dem Trendsport hat in den letzten Jahren definitiv zugenommen“, weiß Niklas Roth, Referent für High Diving beim Deutschen Schwimmverband. Zumindest was die Zuschauerzahlen betrifft. Bei den Sportlern hält sich der Andrang in Grenzen. „Klar, viele suchen den Adrenalin-Kick, aber High Diving ist eben auch ein gefährlicher Ausnahmesport“, so Noth. „Du bist ja verrückt“. So lautet häufig der Kommentar, wenn Schmidbauer von ihrem Sport erzählt. „Ich muss ein Video zeigen, damit sich die Leute das überhaupt vorstellen können“. Gerne gibt sie dann noch ein paar Tipps fürs Schwimmbad und gegen Höhenangst beim 5-Meter-Brett (S. Bericht links). Sie gehe erst einmal im Kopf die Sprünge durch. Beim Trocken-Training seien außerdem Trampolin oder Schaumstoff-Grube ideal, um einzelne Teile zu üben. Den gesamten Sprung schafft Iris nur aus großer Höhe: Vorwärts-Dreifachsalto mit halber Schraube gehechtet, Rückwärts-Doppelsalto mit halber Schraube oder einfach nur einen fliegenden Salto. „Das ist der schönste Sprung“, sagt sie, „da denke ich, ich fliege“. Und manchmal, gesteht sie, würden ihr die Sprünge nicht nur Flügel verleihen, sondern auch das Gefühl geben, Superkräfte zu haben. Wahnsinn!

von Sabine Schmalhofer 

WAS HIGH-DIVING IST

DER WELTREKORD LIEGT IN 58,80 METERN HÖHE

Geschichte: Bereits im antiken Griechenland betreibt man Wasserspringen. Allerdings eher zur militärischen Ausbildung statt zum sportlichen Wettkampf. Als Geburtsjahr des Klippenspringens gilt 1934: Damals sprang ein 13-jähriger Perlentaucher zum ersten Mal von einer 35 Meter hohen Klippe in eine Schlucht in Acapulco, Mexiko.

Wettkampf: Mit dem modernen „High Diving“ haben die „Mutproben“ vom Felsen aber – außer der Höhe – wenig gemeinsam. Klippenspringen oder High Diving ist eine eigenständige Sportart im Weltschwimmverband FINA. Es gibt Weltmeisterschaften (2013 war die erste in Barcelona, die nächste ist 2017 in Budapest) und einen Weltcup, sowie eine Weltserie von Red Bull. Die Athleten hoffen, dass ihr Sport bis zur Mitte der 2020er-Jahre olympisch wird. Die Herren springen bei Wettkämpfen aus 27 Meter Höhe, die Damen aus 20 Meter. Meist wird nicht von Klippen gesprungen, sondern von künstlichen Plattformen. Der Extremsportler Laso Schaller sprang 2015 in der Schweiz von einem 58,80 Meter hohen Felsen in einen acht Meter tiefen See. Das ist Weltrekord im Wasserfallspringen.

Profi-Tipps von Iris Schmidbauer: Wer High Diving lernen will, sollte klein anfangen und sich steigern. Vom Ein- über das Sieben- zum Zehn-Meter-Brett. Wichtig ist die Körperspannung. Die Arme seitlich halten, um in der Flugphase auszugleichen, dann – bevor man eintaucht – wieder eng an den Körper legen. Ängste überwindet man, in dem man einfach aufs Sprungbrett rennt und springt. Und: Sprünge visualisieren, in Zeitlupe. Den Sprung in Gedanken machen, springt man dann, ist es „wie nach Hause kommen“.

Freizeit: Die bayerische Variante vom Klippenspringen heißt Gumpenspringen. Da fliegen ganz Mutige von Felsen aus in natürliche Bassins von Gebirgsbächen. Beliebt: die Buchenegger Wasserfälle im Allgäu, das Gebiet um den Sylvensteinsee und der Ammerdurchbruch bei Saulgrub.

Informationen: Bayerischer Schwimmverband, Georg-Brauchle-Ring 93, 80992 München. T.: 089/15 70 25 62; www.bayerischer-schwimmverband.de; Deutscher Schwimm-Verband, Tel.: 0561 / 94 08 30; www.dsv.de

Auch interessant

Kommentare