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Tom Leitner ist einer der besten deutschen Freerider.

Einer der Besten

Tom Leitner: "Skifahren ist mein Leben"

Grabenstätt - Er ist einer der besten deutschen Freerider und hat trotzdem nie an Bodenhaftung verloren: Ski-Ass Tom Leitner. Bei einem Hausbesuch erzählt er, wie es mit dem Sport weitergehen kann.

Tom Leitner ist einer der besten deutschen Freerider. Wir trafen den 31-Jährigen, der mit seiner Lebensgefährtin und der gemeinsamen Tochter in Traunstein lebt, im kuscheligen Grabenstätt am Chiemsee. Dort sprachen wir mit einem Sportler, der Skifahren „mein Leben“ nennt – und trotzdem weit über den Tellerrand hinaus blickt.

Tom, Du bist im Chiemgau geboren und aufgewachsen, also direkt an den Alpen. Deine skifahrerische Wiege stand vermutlich auf dem Hochfelln bei Bergen? 

(lacht) Ja, stimmt genau. Das war schon sehr praktisch, so fast vor der Haustür. Selbst auf der nahegelegenen Kampenwand war ich nicht so oft. 

Du hast wie viele Deiner Freeride-Kollegen mit dem Rennlauf begonnen. Das war aber nicht ganz so Dein Ding, oder? 

Ich war schon sehr fanatisch, und es hat auch wahnsinnig Spaß gemacht. Aber eigentlich war ich nie so richtig schnell, auch wenn ich recht schön gefahren bin. Ich war ein wenig zu klein und zu leicht. Immerhin habe ich bei Bayerischen und Deutschen Meisterschaften mitgemacht.

War Skiprofi Dein Berufswunsch?

Skifahren war das, was mich wirklich interessiert hat. Zwischendurch auch mal Mountainbiken oder BMX. Aber mein Traum war, das Skifahren zu meinem Beruf zu machen – eigentlich seit ich denken kann.

Wie hat Deine Freerider-Karriere begonnen? So viel wir wissen, hast Du mal bei der Freeride World Tour (FWT) in Fieberbrunn alle überrascht. 

2009 hatte ich eigentlich schon fast abgeschlossen mit der Profikarriere. Ich war Mitte 20 und hatte nicht mal einen Sponsor. Dann habe ich mich überreden lassen, bei der FWT in Fieberbrunn mitzufahren. Das war der Qualifier damals. Und tatsächlich habe ich den gewonnen. Mit einem Mal kamen Sponsoren auf mich zu. Vor Fieberbrunn hatte ich ein Jahr in Whistler gelebt. Die Zeit dort hat mich skitechnisch unheimlich weitergebracht. 

Erkläre uns das bitte näher. 

Hier im Südosten war ich recht isoliert als Freerider und nur mit Snowboardern unterwegs. Ich war auch in keiner Szene oder so. Erst in Whistler ging das richtig los. Die Zeit dort war fein, aber auch wahnsinnig anstrengend und aufregend. Ich habe endlich den Traum verwirklicht, so zu leben wie ich mir das immer vorgestellt habe: einfach nur Ski zu fahren. 

Wie hast Du Dir diesen Traum finanziert?  

Offiziell war ich in Kanada wegen meines Englischstudiums, aber ich musste da schon arbeiten. Ich war ein so genannter Nightcleaner, also nachts mit einer Putzkolonne unterwegs. Das ging immer von vier Uhr nachmittags bis zwei Uhr morgens – viermal die Woche. Für Party und diesen Kram blieb da keine Zeit. Ich wollte ja Ski fahren. 

Mittlerweile kannst Du einige Fähnchen in Deinen persönlichen Skiatlas stecken. Wo überall warst Du? 

Für einen Skiprofi geht es so. Ich war oft in Kanada und den USA. Dazu Chile – und in Haines/ Alaska. 

Oh Alaska, der Traum vieler Freerider! Das Wetter dort ist berüchtigt. Hattest Du Glück? 

Wir waren beim Filmen, mit Heli und allem Drum und Dran. Ich war brutal motiviert und versprach mir sehr viel von diesem Trip. Das Wetter war super, aber wir hatten sehr schwere Bedingungen. Der Schnee war schlecht, weil es nicht geschneit hat und dadurch alles furchtbar zerfahren war, sogar die schwierigsten Abfahrten. Ergo war das nicht das beste Ski-Erlebnis meiner Laufbahn – vor allem nach all dem Input und den Erwartungen, die ich hatte. Außerdem habe ich mir gleich am ersten Tag das Knie verdreht. 

Wo würdest Du gerne Ski fahren, wenn Du einen Wunsch frei hättest? 

Ganz ehrlich? Ich bin am liebsten in den Alpen. Umso intensiver ich mich mit unseren Bergen beschäftige, desto mehr merke ich, wie wenig ich sie eigentlich kenne. Es gibt so viele unterschiedliche Sachen hier. Je nach Schnee- und Wetterbedingungen kann ich hier sehr gut reagieren und die betreffenden Gebiete ansteuern. 

Das ist momentan fast ein Trend: In der Heimat zu bleiben und sich dort die Leckerbissen herauszusuchen. 

Stimmt. Ich möchte beispielsweise noch viel in den Berchtesgadener Alpen machen. Ein Trip nach Kanada für zwei Wochen sollte zwar schon mal drin sein, weil man dort mit dem Heli viel produktiver filmen kann. Dort kannst du in einer Woche das fertig machen, wofür du bei uns zwei Monate brauchst. Aber generell ist es mein Ziel, in Europa zu bleiben – auch aus ökologischer Sicht. 

Gutes Stichwort: Nimmst Du bergauf lieber die Gondel und den Hubschrauber, oder plagst Du Dich auf Fellen den Berg hoch? 

Auf Fellen. Es macht mir wahnsinnig Spaß, irgendwo hochzusteigen oder zu klettern. Sicher schauen wir, dass wir die vorhandene Infrastruktur wie Lifte nutzen. Doch allgemein gilt es, Helikopter zu vermeiden. Ins Tourengehen bin ich in letzter Zeit immer mehr reingekommen. 

Welche Ausrüstung nutzt Du dafür? Eher leichtgewichtiges Race-Material oder schwere Freerider? 

Momentan möchte ich keine Kompromisse beim Fahren machen. Also nutze ich eher Freeride- Ausrüstung. Aber der Trend geht zum abfahrtsorientierten Equipment, das sich aufgrund moderner Technologie und neuen Materials auch zum Aufstieg eignet. Mein Skisponsor ist dabei, für diesen Bereich leichtes Material zu entwickeln. Die Hersteller bauen immer leichtere Bindungen, die trotzdem ausreichende Stabilität gewährleisten. Das ist die Zukunft. 

Wie viele Deiner Kollegen arbeitest Du sicher auch als Berater und Tester für die Ski-Industrie? 

Klar, ich werde einbezogen von meinen Sponsoren. Oft bekomme ich die Prototypen. Letzte Saison habe ich extra ein spezielles Setup erhalten, das leicht ist für die Hike-Passagen, aber bei Abfahrten eine tolle Performance erreicht. Generell war es immer meine Philosophie, einen Ski bei allen Gelegenheiten zu fahren. Ich mag das nicht, für jede Bedingung ein anderes Tool herausholen zu müssen. Eins für alle Schneeverhältnisse – und das den ganzen Winter über: So muss es sein. 

Apropos Schneeverhältnisse: Wie trainierst Du? Suchst Du Dir eher schwierige Bedingungen wie Bruchharsch oder zerfahrenen Schnee. Oder müssen es immer schöne Powderhänge sein? 

Ich stehe im Winter fast jeden Tag auf Skiern. Wenn der Schnee fein ist, dann fahr ich das auch (lacht). Schlechter wird er eh schnell genug. Aber auch dann versuche ich, das Beste rauszuholen. 

Wie verteilen sich Deine Skitage über den Winter zwischen Training, Wettkämpfen sowie Foto- und Filmarbeiten? 

In den vergangenen zwei Jahre war ich schon sehr in Wettbewerbe eingespannt. In der Vorsaison bis Januar wird weniger gefilmt. Da kann ich viel frei fahren. Danach geht so die Hälfte der Zeit für Wettkämpfe und Filmen drauf. Insgesamt komme ich auf etwa 120 Skitage.

Und im Sommer? Gehst Du da etwa auch zum Skifahren? 

Davon bin ich ein bisserl weggekommen. Wenn ich fahre, muss es irgendwo auf der Südhalbkugel für ein Projekt sein. Ansonsten finde ich es interessanter, in einer anderen Sportart zu trainieren. Ende September sind die Kicker auf den Gletschern oft so hart, dass man sich leicht verletzen kann. Wenn man älter wird, fällt einem das mehr und mehr auf. Daher fahre ich in dieser Zeit eher mit dem Mountainbike oder laufe den Berg hoch. Das mache ich so gut wie jeden Tag. 

Was hast Du nach Deiner Skikarriere vor? 

Ich habe ein abgeschlossenes Studium als Lehrer. Ob ich das dann mache, kann ich jetzt aber nicht sagen. Wenn sich andere Türen im Skibereich aufmachen, wäre das natürlich ein Thema. Das ist halt mein Leben.

Du hast eine kleine Tochter. Steht sie schon auf den Brettern? 

Nein, Philomena ist noch etwas zu jung. 

Fährst Du als junger Vater anders Ski, jetzt wo Du nicht mehr nur für Dich selbst die Verantwortung trägst? 

Es zieht mich weniger von zu Hause weg. Ich genieße es hier, gerade im Sommer. Da muss ich nicht unbedingt nach Chile zum Skifahren wie früher. Aber auch im Winter möchte ich es so einrichten, dass ich nicht mehr ewig lange weg bin. Dass ich umsichtiger fahre, mehr aufpasse, ist schon seit einigen Jahren ein Prozess – erst aus Rücksicht auf meine Partnerin und jetzt auf mein Kind. Dieser Gedanke fährt stets mit. Es geht mir ja nicht darum, verrückte Sachen zu machen, sondern meine Möglichkeiten und mein Können im Gelände skitechnisch auszunutzen. 

Wie siehst Du die Zukunft des Freeridens? Immer krassere Abfahrten, immer extremere Moves? 

Wir müssen aufpassen, dass es nicht so wird wie einst bei den Freestylern mit ihren immer extremeren Tricks. Meiner Meinung nach sollte Freeriden weniger technisch, dafür eher kreativ sein. Wir sollten Dinge machen, die noch nicht da waren – und nicht Bestehendes noch extremer. Der Style, die persönliche Note, soll im Vordergrund stehen. Ob es eine Drehung mehr oder weniger ist, finde ich nebensächlich. Ich persönlich will selbst im Grenzbereich „smooth“ fahren. Ein wichtiger Teil ist dabei der Spot und die Möglichkeit, wie man die Lines erreicht. 

Freeriden ist populär geworden. Immer mehr Leute zieht es ins Gelände Wo geht die Reise hin? Drohen Verbote? 

Diese Diskussion haben wir oft. Ich habe neulich mit einem Ranger vom Nationalpark Berchtesgaden gesprochen. Der war der Meinung, dass es grundsätzlich eine positive Entwicklung sei, wenn Menschen sich in der Natur bewegen, weil sie sich dann mit ihr beschäftigen und eine Sensibilität entwickeln. Wichtig ist, sich bewusst zu machen, dass man nicht kopflos überall reinfahren kann. Für mich persönlich ist der nachhaltige Gedanke beim Freeriden ganz wichtig.

Franz Faltermaier

Tom Leitner

Wohnort: Grabenstätt
Nationalität: Deutsch
Alter: 31
Beruf: Skifahrer
Erlernter Beruf: Gymnasiallehrer
Sponsoren: Mammut, Black Crows Skis, CEP Sports Socks, Marker Bindings, Scarpa
Homepage: www.tom-leitner.com

 

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