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Tourengeher auf dem Panoramaweg zum Kranzberg oberhalb von Mittenwald (Oberbayern)

Tourengeher auf Pisten weiter unerwünscht 

München - Die einen keuchen mühsam hinauf, die anderen rasen forsch hinunter. Auf der Piste kreuzen sich die Wege von Tourengehern und Pistenfahrern - und das sorgt immer öfter für Streit.

Skifahren wollen sie alle, aber das eint sie nicht. Tourengeher und Pistenfahrer geraten immer öfter in Konkurrenz. Beide Sportarten liegen im Trend, vor allem Tourengehen boomt. Sogar nachts steigen Pistengeher zu Hunderten auf die Berge - und kommen manchmal Pistenraupen in die Quere. Erst Ende Januar wurde ein 18-jähriger Snowboardfahrer am Jenner bei Schönau am Königssee schwer verletzt, als er auf einem gesperrten Hang im Dunkeln in das Seil einer Raupe fuhr.

Während Liftbetreiber den nächtlichen Aufstieg vielerorts als neue Attraktion erkannt haben, an bestimmten Abenden erlauben, teils sogar bewerben, verbieten sie tagsüber zunehmend den Pistenaufstieg - aus Sicherheitsgründen, sagen sie. Die Tourengeher sind sauer. Sie sollen teils unbequeme Aufstiege durch den Wald oder Umwege in Kauf nehmen, um zu ihren Tiefschnee-Hängen zu kommen. Am Sonntag wollen in Garmisch-Partenkirchen Tourengeher aus Protest auf die Piste gehen.

„Es kann nicht sein, dass ein Wirtschaftsunternehmen den freien Zugang zur Natur regelt“, schimpft Robert Herz, Vorsitzender des Verbandes Skitourensportler, der den Protest organisiert hat. Ab 10.00 Uhr hat die Bayerische Zugspitzbahn den Aufstieg auf Pisten außer am Hausberg untersagt. Von dort brauche man aber länger ins Touren-Gebiet an der Alpspitze, sagt Herz. „Wir wollen nicht von der Zugspitzbahn Gnaden in die Berge gehen.“

Der Vorstand der Zugspitzbahn, Peter Huber, rechnet hingegen vor: 2500 Skifahrer pro Stunde mal 300 Tourengeher ergebe bei drei Stunden Aufstieg rechnerisch 750 000 mögliche Begegnungen, das sei gefährlich. „Wir nutzen in den Wintermonaten die Skiabfahren für unser Geschäft“, sagt er. „Da sind wir für die Sicherheit zuständig.“ Binnen drei Jahren habe es zwei Unfälle mit Tourengehern gegeben.

Rechtlich sind Verbote umstritten. Knackpunkt: Sind Pisten freie Natur oder Sportstätten? Gerichtlich wurde das nicht geklärt, zwei Gutachten von Deutschem Alpenverein (DAV) und Liftbetreibern stehen sich gegenüber. Huber, der auch Präsident des Verbandes Deutscher Seilbahnen und Schlepplifte ist, argumentiert: Auch Wiesen und Äcker seien freie Natur, dürften aber in der Vegetationszeit nicht betreten werden. Lifte und Pisten seien behördlich genehmigt, und wenn sie im Winter betrieben würden, seien sie Sportstätten.

Beim Umweltministerium hört sich das anders an. „Loipen und Pisten sind Teil der freien Natur. Nach der Bayerischen Verfassung dürfen sie daher grundsätzlich von allen Erholungssuchenden betreten werden“, erläutert eine Sprecherin. Einschränkungen seien möglich, wenn sonst der sichere Skibetrieb gefährdet würde. „Dies kann aber nur im jeweiligen Einzelfall entschieden werden.“

Sperrungen für eine ganze Saison klingen nicht unbedingt nach Einzelfall. „Pauschalsperrungen, die unbegrenzt gültig sind, lehnen wir ab“, sagt DAV-Sprecher Thomas Bucher. „Wir wollen in allen Skigebieten Ausstiegsmöglichkeiten für Tourengeher.“ Der DAV hatte früher Klagen nicht ausgeschlossen, sucht nun aber Lösungen mit den Liftbetreibern. Gerade in Garmisch sei die Regelung gut: Bis 10.00 Uhr morgens sowie abends seien die Pisten offen, wenn nicht gerade präpariert werde, und es gebe eine ständige Aufstiegsspur. „Wenn viele Menschen mit unterschiedlichen Interessen auf engem Raum zusammentreffen, sind Konflikte zu erwarten. Und wie löst man die? Indem man miteinander redet und Kompromisse findet“, mahnt Ex-Skirennläufer Christian Neureuther in einer DAV-Mitteilung.

Die Tourengeher fühlen sich dennoch übergangen. „Wir sind überhaupt nicht zufrieden“, sagt Herz. „Wir lassen uns von einem Privatunternehmen nicht diktieren, was ein Kompromiss ist.“

Eigentlich verabscheuen „echte“ Tourengeher Pisten. Doch abends nutzen viele die plattgewalzten Hänge ganz gern. „Nachts ist es auf der Piste angenehmer als im wilden Gelände“, sagt Reiner Günther, der sich am Spitzingsee für den Aufstieg zum Taubenstein rüstet. Am Hang tanzen Lichter nach oben: Dutzende steigen mit Stirnlampe bei minus 15 Grad bergauf, oben lockt die warme Hütte. Das Gehverbot auf Pisten tagsüber sei eine „absolute Schweinerei“, beschweren sich einige. Andere fordern Regelungen, die besser für Tourengeher passen. Wieder andere haben sogar Verständnis für die Sperrungen.

Ausgestanden ist der Streit nicht. Für Garmisch-Partenkirchen prüft derzeit das Landratsamt die Pistensperrungen. Man stehe dabei auch in Kontakt mit dem Umweltministerium sowie der örtlichen Sicherheitsbehörde, um die Sach- und Rechtslage zu klären.

dpa

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