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Wenn jede Sekunde zählt, um ein Lawinenopfer zu retten, sollte Hilfe eine Selbstverständlichkeit sein. Das Bild zeigt Tiroler Einsatzkräfte beim Ausgraben eines Verschütteten in Hochfügen.

Tourengeher zu Hilfeleistung verpflichtet?

Wut über schwarze Schafe

Nach dem tödlichem Lawinenunglück in Tirol diskutieren Alpinisten heftig darüber, ob Skitourengeher im Notfall Hilfe leisten müssen. Sind wirklich immer mehr Egoisten in den Bergen unterwegs? 

Ein Skitourengeher wird in einer Lawine verschüttet, ein Kamerad möchte ihn retten – und zwei andere Alpinisten verweigern angeblich ihre Hilfe: Die im Detail noch nicht geklärten Vorfälle am Zischgeles im Tiroler Sellraintal haben eine lebhafte Diskussion über die Moral beim Bergsteigen ausgelöst.

Es passierte zwei Tage vor Silvester, am 29. Dezember, gegen 14.20 Uhr. Im oberen Teil der beliebten Skitour auf den 3004 Meter hohen Zischgeles lösten Skitourengeher ein Schneebrett aus, das beachtliche Ausmaße erreichte: etwa 100 Meter breit, mehrere hundert Meter lang. Vier Skibergsteiger wurden verschüttet, einer von ihnen – ein 38-jähriger Österreicher – starb tags darauf im Krankenhaus.

Für einen Sturm der Entrüstung sorgte in der Skitourenszene, dass zwei andere Alpinisten am Unglücksort ihre Hilfe verweigert haben sollen. Ein Einheimischer (40) hatte sich mit einer Schussfahrt noch vor der Lawine in Sicherheit bringen können und versuchte nun, die Verschütteten zu orten und auszugraben. Als „absolut unfassbar“ beschreibt Patrick Nairz vom Lawinenwarndienst Tirol, was sich anschließend zugetragen haben soll. Im Blog des Lawinenwarndiensts heißt es dazu, der 40-Jährige habe zunächst einen abfahrenden Skitourengeher um Hilfe gebeten und als Antwort erhalten, das „interessiert mich nicht“. Weiter unten am Lawinenkegel habe der Mann einen aufsteigenden Tourengeher angesprochen – auch der sei nicht zur Hilfeleistung bereit gewesen und habe seinen Aufstieg zum Gipfel unbeirrt fortgesetzt. „Das ist unterlassene Hilfeleistung und moralisch höchst bedenklich“, lautete die erste Reaktion von Patrick Nairz.

Aufgrund des öffentlichen Drucks hat sich mittlerweile ein 40 Jahre alter Mann aus Oberbayern bei der Polizei in Innsbruck gemeldet und eingeräumt, einer der angeblichen Hilfe-Verweigerer zu sein (wir berichteten in Bayern & Region). Der Mann versicherte bei seiner Einvernahme allerdings, er habe sehr wohl Hilfe geleistet und im oberen Bereich der Lawine gesucht. Nichtsdestotrotz ermittelt gegen ihn die Staatsanwaltschaft Innsbruck wegen des Verdachts der unterlassenen Hilfeleistung – es gilt aber erst mal die Unschuldsvermutung.

Was auch immer die Ermittlungen ergeben werden, das Echo in den Alpinsport-Communities ist gewaltig, denn es geht um eine Grundsatzfrage: Wie steht es im Notfall um die oft beschworene Bergkameradschaft? Im Forum von Tourentipp.de schreibt zum Beispiel ein User: „Was diese unterlassenen Hilfeleistungen angeht, so ist das in der normalen Gesellschaft ja gang und gäbe. Dass das nun auch in den Bergen Einzug hält, wundert mich leider nicht mehr – die Berge befinden sich im Ausverkauf – jeder kann und soll, nachdem er sich ausreichend mit dem geeigneten Material eingedeckt hat, rein in die Alpen und rauf auf’m Berg. Wieso sollten die Sportsfreunde anders als im Tagesgeschäft reagieren?“ Im Blog des Lawinenwarndiensts Tirol lautet einer der vielen Kommentare zum Unglück am Zischgeles: „Ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, in der die Freiheit des Einzelnen das Allerwichtigste ist und Egoisten herangezogen werden. Insofern bin ich nicht verwundert.“

Die heile Welt der Berge – sie bröckelt. Und mit ihr die vielleicht etwas verklärte Wunschvorstellung, im Gebirge seien fast ausschließlich Gutmenschen unterwegs, deren Griaßdi- und Servus-Freundlichkeit auf positive Charakterzüge schließen lasse. Das Drama vom Zischgeles (wenn es sich denn so ereignet hat): nur ein Einzelfall? Nein, daran glaubt Patrick Nairz inzwischen nicht mehr. „Aufgrund der zahlreichen Rückmeldungen ist mir bewusst geworden, dass das egoistische Verhalten offensichtlich auch am Berg zunimmt. Allerdings dürften wir derzeit wohl immer noch von nur ein paar ganz wenigen schwarzen Schafen am Berg sprechen“, sagt der stellvertretende Leiter des Tiroler Lawinenwarndiensts.

Beim Deutschen Alpenverein glaubt der Breitensport- und Sicherheitsexperte Stefan Winter immer noch an das Gute in den Bergsteigern: „Das ist ein Einzelfall, der uns so noch nicht zu Ohren gekommen ist. Einen Rückschluss darauf, dass in den Bergen nur noch Egoisten unterwegs sind, sehe ich darin aber nicht.“ Zugleich betont Winter, „dass die Berge kein rechtsfreier Raum sind“.

Wer im Notfall keine Hilfe leistet, verstößt nicht nur gegen die Tirol-Deklaration (siehe unten), sondern macht sich nach Paragraph 323c Strafgesetzbuch strafbar. „Wenn jemand beim Hilfeleisten einen Fehler macht, ist ihm kein Vorwurf anzulasten“, so Winter. „Aber gar nicht zu helfen, das ist nicht tolerierbar.“ Insofern appelliert er, sich anhand der Vorfälle am Zischgeles die Grundzüge der Bergkameradschaft in Erinnerung zu rufen: „Beim Skitourengehen trage ich die Notfallausrüstung nicht für mich, sondern um anderen helfen zu können. Genauso erwarte ich umgekehrt, dass mir im Notfall geholfen wird. Das muss so selbstverständlich sein, wie einem Durstigen etwas zu trinken zu geben oder einem Erschöpften den Rucksack zu entlasten.“

Von Martin Becker

Tirol-Deklaration: Hilfe in Notsituationen ist eine Selbstverständlichkeit

148 namhafte Bergsteiger aus vier Kontinenten haben beim Kongress „Future of Mountain Sports“ im Oktober 2002 in Innsbruck ihre Erfahrungen in die Tirol-Deklaration einfließen lassen. Die Deklaration enthält Richtlinien, in denen die verschiedensten Aspekte des Bergsteigens beleuchtet und die dazu richtigen Verhaltensweisen empfohlen werden. Ein paar Auszüge: - Eigenverantwortung: Bei unseren Unternehmungen am Berg sind wir einem erhöhten Risiko ausgesetzt und sind uns dessen bewusst. Wir sind für unsere Sicherheit selbst zuständig. Weder Mensch noch Natur wollen wir durch unser Handeln gefährden.

  • Teamgeist: Als Teil eines Teams sind wir bereit, Kompromisse einzugehen. Wir nehmen Rücksicht auf alle Mitglieder der Gruppe und unterstützen diese.
  • Die Gemeinschaft der Bergsteiger und Kletterer: Wir bringen allen Menschen, die am Berg unterwegs sind, Respekt entgegen. Wir behandeln andere so, wie wir selbst behandelt werden wollen.
  • Notsituationen, Sterben und Tod: Wir sind uns im Klaren, dass der Bergsport mit Risiken und Gefahren verbunden ist. Wir sind uns unserer Fähigkeiten und Kenntnis bewusst und nehmen die nötige Ausrüstung mit. Anderen in Notsituationen zu helfen, ist eine Selbstverständlichkeit.
  • Zugang und Naturschutz: Den Zugang zu den Berg- und Felsgebieten betrachten wir als ein Grundrecht. Wir üben unsere Aktivitäten naturverträglich aus und respektieren Eigentum. Wir setzen uns aktiv für den Schutz der Natur ein.
  • Guter Stil: Wir bemühen uns, die Bergwelt so zu hinterlassen, wie wir sie vorgefunden haben. Auch der Nächste soll die Möglichkeit haben, seine Abenteuer in einer ursprünglichen Bergwelt zu erleben.

Die komplette Tirol-Deklaration unter www.alpenverein.it/de

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