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Extreme Bedingungen im Hochgebirge erfordern perfekte Ausrüstung der Bergsteiger. Allerdings: Unter der Herstellung hochwertiger Funktionsbekleidung leidet teilweise die Umwelt.

Sympatex klagt gegen Goretex

Wie umweltfeindlich sind Outdoorjacken?

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Die Funktionalität moderner Bergsport- und Outdoorbekleidung hat ihren Preis. Auch den der Umweltfreundlichkeit. Darüber streiten aktuell zwei Hightech-Spezialfirmen.

Heuer im Februar, bei der Sportartikelmesse ISPO in München, schien zwischen den beiden konkurrierenden Unternehmen die Welt noch in Ordnung zu sein. Damals verkündete Gore ambitionierte Ziele für sein Umweltund Chemikalienmanagement. Die Kernaussage: Man wolle künftig auf per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC), die als ökologisch höchst bedenklich gelten, verzichten; dies solle in zwei Stufen bis 2020 und 2023 geschehen.

Eine prima Sache, fand auch Mitbewerber Sympatex. Dessen CEO Rüdiger Fox kommentierte die Gore-Pläne so: „Wir beglückwünschen unseren Wettbewerber zu diesem Schritt, der aus unserer Sicht längst überfällig war.“ Jetzt, nur wenige Monate später, wählt der Sympatex- Chef weniger freundliche Worte. Gore verniedliche das Umweltproblem und argumentiere „mit alternativen Fakten“, sagt Fox im Gespräch mit dem Münchner Merkur und skizziert einen griffigen Vergleich: „Wenn eine Ampel ein bisschen weniger rot ist, ist sie deshalb noch längst nicht grün.“

Während Sympatex das PFC-Problem nicht hat, weil es seine Membranen aus dem unbedenklichen und komplett recycelbaren Polyetherester produziert, tut sich Gore damit deutlich schwerer. Olaf Perwitzschky, Redakteur und Materialexperte beim Fachmagazin Alpin, glaubt: „Gore ist in einer schwierigen Situation, denn wenn die Jacken aussortiert werden müssen, sind sie letztlich Sondermüll. Also versucht Gore, mit längerer Haltbarkeit seiner Produkte zu argumentieren – doch deshalb sind sie noch längst nicht umweltfreundlich. Insofern kann ich den Unmut von Sympatex gut nachvollziehen.“

Bernhard Kiehl, bei Gore Fabrics Leiter des Nachhaltigkeitsprogramms, sagt gegenüber dem Münchner Merkur: „Jeder glaubwürdige Umweltvergleich bewertet alle wichtigen Öko-Effekte. Das geht nur mit anerkannt wissenschaftlicher Methodik, etwa der heute genormten Ökobilanz. Das bedeutendste Ergebnis, im Einklang mit anderen unabhängigen Studien: Wer die Umwelt entlasten will, sollte haltbare Bekleidung kaufen und diese möglichst lange nutzen. Das ist nicht nur gut für die Umwelt, es schont auf lange Sicht auch den Geldbeutel.“

Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit kein Widerspruch

Genau diese Rechnung zielt nach Auffassung von Sympatex am Thema vorbei. In der Herstellung, so Fox, werde für eine Gore-Jacke 50 Mal mehr CO2 verbraucht als für eine von Sympatex. „Das heißt, um auf ein vergleichbares Umweltlevel zu kommen, müsste eine Gore-Jacke 50 Mal länger getragen werden als eine von Sympatex. Dass das realistisch ist, bezweifle ich“, sagt Fox. „Ich wünsche mir mehr Ehrlichkeit in der Branche und reagiere allergisch, wenn versucht wird, das Problem wegzudiskutieren.“

Der Sympatex-CEO warnt vor „Kollateralschäden“, beispielsweise bei Erderwärmung und Wasserverbrauch, und fordert Gore zum Dialog auf: „Unsere Tür ist offen für gemeinsame Forschungsprojekte. Es wäre ein gutes Signal für die ganze Outdoor-Branche, wenn wir zusammen eine Agenda für die Zukunft zimmern. Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit müssen sich nicht widersprechen.“

Bei Gore heißt es, man nehme zur laufenden rechtlichen Auseinandersetzung nicht öffentlich Stellung. Grundsätzlich signalisiert Kiehl aber Gesprächsbereitschaft: „Wir sind alle noch nicht am Ziel und müssen uns als Industrie insgesamt den Herausforderungen stellen.“

Die Presseerklärung von Sympatex im Wortlaut – und die Reaktion von Gore

Die Zivilkammer 12 des Landgerichts Hamburg hat einer Unterlassungsklage der Sympatex Technologies GmbH gegen W.L. Gore & Associates GmbH mit Wirkung zum 12. April 2017 stattgegeben. Demnach darf Gore nicht länger behaupten, dass das ökologisch umstrittene PTFE – das Grundprodukt von Gore – umweltfreundlich sei, sofern es ohne bedenkliche PFC hergestellt werde – eine Umstellung, die Gore jüngst zumindest für Outdoor-Bekleidung für die kommenden Jahre angekündigt hat. Die inkorrekte Aussage des Unternehmens, dass dies angeblich sogar wissenschaftlicher Konsens sei, ist ebenfalls Teil der stattgegebenen Unterlassungsklage.

„Wir haben uns zu diesem Schritt entschlossen, nachdem mehrere Aufforderungen, diese wahrheitsverzerrende Aussage zu korrigieren, über Wochen fruchtlos blieben“, erklärt Dr. Rüdiger Fox, CEO Sympatex Technologies, den Schritt des Unternehmens. „Wenn wir als Zivilgesellschaft zulassen, dass die inzwischen weltweit unübersehbaren ökologischen Kollateralschäden industriellen Handelns in dieser Form verniedlicht werden, gelten wir irgendwann als die Generation, die wissentlich sich nicht ihrer Verantwortung gestellt hat.“

Die Argumentation von Sympatex stützt sich unter anderem auf den bei der Herstellung von PTFE-Membranen gegenüber der eigenen Technologie 50-fach höheren Ausstoß von Klimagasen, die zur globalen Erwärmung beitragen – laut der Einschätzung des World Economic Forums (WEF The Global Risks Report 2016) das größte und gleichzeitig wahrscheinlichste Risiko für die Menschheit. Auch gibt es bisher keinerlei industriell etablierten Wege einer umfassend werterhaltenden Rohstoffnutzung der Funktionstextilien am Ende des Lebenszyklus durch Recycling – während die unkontrollierte Verbrennung, immer noch einer der häufigsten Entsorgungswege insbesondere von gesammelten Alttextilien in Drittländern, bei PTFE bekanntermaßen zu unmittelbaren Gesundheitsrisiken wie „Teflon- Fieber“ führen kann.

„Selbst wenn es Gore schaffen sollte, wie zur ISPO versprochen, bis 2020 seine Membran ohne ökologisch bedenkliche PFC herzustellen, bleiben immer noch eine ganze Reihe entscheidender ökologischer Fragen ungelöst“, fasst Fox zusammen. „Angesichts von jährlich ca. 1,4 Millionen Tonnen Alttextilien allein in Deutschland haben wir alle noch eine ganze Reihe an Hausaufgaben in der Textilindustrie, bis wir den Nutzungskreislauf so geschlossen haben, dass die kommenden Generationen nicht unsere Altlasten ausbaden müssen. Zu versuchen, den Endverbraucher durch ,alternative Fakten’ zu täuschen, um von der Problematik abzulenken, setzt die Glaubwürdigkeit unserer gesamten Branche auf’s Spiel.“

Inzwischen hat Gore beim Landgericht München I eine Einstweilige Verfügung erwirkt; diese untersagt Sympatex, Dritte über das einstweilige Verfügungsverfahren vor dem Landgericht Hamburg zu informieren und informieren zu lassen, wenn dies geschieht wie in der Sympatex-Pressemitteilung vom 21. April 2017.

Die Technologien: Poren und Molekülkette

Winddicht, wasserdicht, atmungsaktiv: Diesen Anspruch haben sowohl Gore als auch Sympatex, doch hinter den Materialien stecken zwei völlig unterschiedliche Technologien. Gore basiert auf einer mikroporösen Membran, die pro Quadratzentimeter 1,3 Milliarden Poren hat – Wasser (ein Tropfen ist 20 000 Mal so groß wie eine Pore) bleibt außen vor, Wasserdampf indes kann entweichen.

Die hydrophile Membran von Sympatex dagegen funktioniert ohne Poren: Wasseranziehende Molekülbausteine nehmen Feuchtigkeit auf und geben sie durch Verdunstung nach außen ab. Anders als bei Gore ist die Sympatex-Membran komplett recycelbar.

Mehr zum Thema: Das sagen Sympatex-CEO Rüdiger Fox und Nachhaltigkeitschef Bernhard Kiehl von Gore Fabrics im Interview.

Von Martin Becker

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