So können Sie Bergunfälle vermeiden

München - In den vergangenen Wochen gab es eine Reihe von Bergunfällen, insbesondere auf Altschneefeldern, teils mit tödlichem Ausgang. Warum solche Unfälle passieren und wie man sie vermeiden kann, darüber haben wir mit drei Experten gesprochen.

Reinhold Messner (67), Extrembergsteiger aus Südtirol, hat als erster Mensch alle 14 Achttausender bestiegen. Vier der höchsten Gipfel der Erde hat er ein zweites Mal erklommen. 18 Mal Todeszone und zurück – wie hat Reinhold Messner das überlebt? „Dafür musste ich 31 Expeditionen unternehmen“, erläutert der 67-Jährige. „Ich bin also 13 Mal umgekehrt und gescheitert. Ohne dieses Scheitern wäre ich heute nicht mehr am Leben.“ Scheitern, das klingt nach Niederlage, doch genau darin liegt der Denkfehler. „Die Kunst des Bergsteigens“, erklärt Messner, „ist es, am Leben zu bleiben.“ Dazu gehöre es, „dass wir uns der Natur anpassen und nicht umgekehrt“. Im Zweifel also lieber eine Tour abbrechen, statt sie um jeden Preis – den einer Verletzung oder gar des eigenen Lebens – durchzuziehen. Das gilt am Mount Everest genauso wie an der Benediktenwand. „Wir sollten aufhören so zu tun, als seien die Berge sicher“, findet Messner. „Die Gefahren dort lauern nicht, sie sind einfach da.“ Das Bewusstsein dafür fehle oft denjenigen, „die von der sterilen, naturfremden Stadt ins Gebirge fahren. Manche können zwar in der Halle klettern wie Götter, aber kein Schneefeld überqueren.“

Andreas Kubin (61) aus Bad Tölz, der nach 25 Jahren als Chefredakteur beim Fachmagazin Bergsteiger jetzt in den Ruhestand geht, spricht von Risikomanagement und der Komplexität des Gefahrenbegriffs. „Die Sicherheit beginnt im Kopf! Warum haben denn Messner, die Huber-Buam oder ein David Lama (der 21-jährige Österreicher gilt weltweit als derzeit größtes Ausnahmetalent; d. Red.) auch extremste Touren überlebt? Weil sie souverän waren – die haben’s im Griff.“ Altschnee, Steinschlag, Gewitter: „Vielen ist nicht bewusst, dass die Alpen kein Funpark sind“, glaubt Kubin. „Je weiter man sich ins Ödland der Berge begibt, desto größer wird die Gefahr. Doch die dafür nötige Eigenverantwortlichkeit realisieren 90 Prozent der Bergsteiger leider nicht.“

Stefan Winter (44), beim Deutschen Alpenverein in München Ressortleiter für Breitenbergsport und Sicherheitsforschung, hat eine „zunehmende Entfremdung von Mensch und Gebirge“ festgestellt. Die Technisierung (von perfektem Schuhwerk über Allwetterbekleidung bis zur Orientierung per GPS) suggeriere ein falsches Sicherheitsempfinden. „Das ist der Trend der Zeit: Schnelllebigkeit und Technikglauben“, sagt Winter. „Alles scheint heutzutage machbar und viele – auch Erfahrene – wollen alles sofort machen, und das bei grundsätzlich immer enger getakteten Zeitfenstern. Umkehren und Verzicht wären dagegen oftmals die bessere Entscheidung, als unbedingt den Gipfel runterzureißen.“

Risikomanagement im Gebirge bedeutet, sich Gedanken zu machen, vor und während der Tour. „Das A und O ist eine lückenlose und sorgfältige Tourenplanung“, sagt Winter. Der Bergführer rät zum Selbst-Check nach dem „3 x 3-Schema“. Dabei werden drei Aspekte (nämlich aktuelle Verhältnisse, Schwierigkeiten und individuelles Können) überprüft. Und dies jeweils drei Mal: regional (also abends bei der Tourvorbereitung zu Hause), lokal (bei Zwischenstopps im Gelände) sowie zonal (an den Schlüsselstellen der Tour). „Unterwegs empfiehlt sich immer Zurückhaltung vor Leichtsinn“, so Winter. Ganz wichtig: eine kritisch-realistische Selbsteinschätzung der eigenen Fähigkeiten – Fitness und alpines Knowhow sowie Auswahl des Ziels müssen zueinander passen.

Dass die Bedingungen vor Ort nie gleich sind, zeigt dieser Frühsommer. Biergartenwetter im Tal, aber ein Hauch von Restwinter in der Höhe: „Gerade heuer liegt teils noch viel Schnee in den schattseitigen Hochlagen über 2000 Meter Höhe“, warnt der DAV-Experte von den Tücken der Altschneefelder: „Diese sind am Morgen meist hart durchgefroren und es droht Abrutschgefahr.“ Weitere Risiken sind Steinschlag, auch auf Wanderwegen, die unter Felswänden entlang laufen wie zum Beispiel in der Steinernen Rinne im Wilden Kaiser. Außerdem: „Sommerzeit ist Gewitterzeit, vor allem bei schnell aufziehenden Kaltfronten. Nachmittägliche Hitzegewitter können dagegen an den sich langsam aufbauenden Wolkentürmen besser vorhergesagt werden“, so Winter.

Hauptunfallursachen im Gebirge sind mangelnde Kondition und fehlende Trittsicherheit. Die Kombination daraus ist fatal: Geht die Kraft zur Neige, steigt das Risiko, aufgrund eines Koordinationsfehlers zu stolpern und durch einen einzigen Fehltritt abzustürzen. Stefan Winter beschreibt deshalb die Grundlagen alpiner Gehtechnik: „Zunächst braucht man Schuhe mit einer rutschfesten profilierten Spezialsohle. Der Körperschwerpunkt – also etwa die Mitte des Rumpfes – darf niemals zu weit vor oder hinter dem gerade auftretenden Fuß sein, sonst besteht die Gefahr des Wegrutschens. Auf Altschnee gilt das besonders! Hier helfen Stöcke, das Gleichgewicht zu halten. Mit dem Schuhrand kann man auch selbst Trittstufen in den Schnee schlagen bzw. einkerben. Wer fällt, sollte sich sofort in Bauchlage drehen und sich in Liegestützstellung hochdrücken. So bremsen die Schuhspitzen und die Hände. Deswegen ist es wichtig, auf Altschnee Handschuhe anzuziehen. Im Zweifelsfall sollte man Grödel unter die Schuhe schnallen.“ Oder, bei ganz schwierigen Verhältnissen, Pickel und Steigeisen einsetzen.

Diese Fähigkeiten lassen sich allerdings nicht in der Theorie anlesen. „Man muss“, betont Andreas Kubin, „in die Materie hineinwachsen.“ So wie Reinhold Messner, der sich in puncto Altschneefeldern an seine Kindheit erinnert: „Ich war sechs oder sieben Jahre alt, als ich ein steiles Schneefeld hinunterrutschen wollte. Mein Vater warnte mich: ,Wenn du dort runterrutschst, krachst du unten in die Steine‘. Leider hat nicht jeder so einen guten Lehrmeister wie ich meinen Vater.“

Messner spricht insofern von einem „Lernprozess“. Der benötigt – neben kundigen Vermittlern alpiner Techniken und deren Training – vor allem eins: Zeit. Und daran mangelt es heutzutage häufig. Lässige Werbung von Kletterinnen im Bikini-Oberteil lässt steilste Wände als Kinderspiel erscheinen. Speed-Begehungen erwecken den Eindruck, selbst der Mount Everest sei als Tagestour machbar. Ja, für ganz wenige. Aber auch in den bayerischen Voralpen zählt der persönliche Puls: Der eine schafft nur 200 Höhenmeter pro Stunde, der andere 1000. Zeitvorgaben in der Führerliteratur sind insofern individuell umzurechnen (ausgehend von 400 Höhenmeter pro Stunde beim durchschnittlich trainierten Bergsteiger). Gehtechnik und Sturz-Prophylaxe wollen zudem geübt sein, immer wieder. Bergsteigen lernen auf die Schnelle? Das funktioniert nicht.

Wie findet jemand letztlich die zu ihm passende Tour? In Internetportalen wie zum Beispiel www.alpine-auskunft.de, www.roberge.de oder www.tourentipp.de berichten Bergsteiger über aktuelle Bedingungen (Schneelage, Felssturz, Wegbeschaffenheit et cetera), und unter www.alpenverein.de wird immer um 16 Uhr die Bergwetterprognose für den nächsten Tag veröffentlicht. Anhand dieser Parameter geht man in der Vorbereitungsphase das schon erwähnte „3 x 3-Schema“ durch.

Wichtig fürs Risikomanagement: ein durchdachter Zeitplan. Um 5 Uhr starten oder erst um halb zehn? Stefan Winter macht es so: „Ich überlege mir, wann ich wieder zurück am Auto oder auf der Hütte sein will und erstelle mir quasi rückwärts einen Zeitplan. Zusätzlich als Sicherheitsreserve ein Drittel der Gehzeit für Pausen und Unvorhergesehenes einplanen, und schon weiß man, wann man abmarschieren sollte.“ Nebenbei helfe es enorm, Alternativrouten und Notabstiege parat zu haben. Generell, so Winter, tue mehr Muße gut: „Ich kann jedem nur raten, die Berge als Erholungsort zu sehen und nicht als zweiten Arbeitsort im Freien. Hochleistung im Job und in der Freizeit stressen auf Dauer."

Von Martin Becker

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