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Der spektakuläre Zapfen im Kletterzentrum Gilching: Stürzt der Kletterer hier, muss er sich darauf verlassen können, dass sein Partner ihn aufmerksam sichert und einen Bodensturz verhindert.

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Unsicherheitsfaktor Mensch: Richtig sichern beim Sportklettern

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Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit genug, und flutsch: Schon stürzt der Kletterer bis zum Boden statt am Seil zu baumeln. Meist liegt der Fehler dann beim Sichernden.

Um derlei Unfälle, die leider immer wieder vorkommen, zu minimieren, hat der Deutsche Alpenverein eine neue Empfehlung für Sicherungsgeräte beim Sportklettern herausgegeben.

Ein dicker Lkw-Reifen, mit Sandsäcken beschwert, baumelt am Seil. Und kracht plötzlich in die Tiefe. Eine Simulation: In mehreren Kletterhallen hat die DAV-Sicherheitsforschung in den vergangenen Wochen ein aufwändiges Training durchgeführt. Kletterer sollten einen Stürzenden, im Versuchsmodell den schweren Reifen, halten. Zwei Parameter kamen hinzu: Die Sichernden durften nicht sehen, wann der Sturz erfolgt. Und per Kopfhörer wurden sie mit Musik beschallt.

Die typische Unfallsituation also. Der Sichernde ist doppelt unaufmerksam – wegen der Geräuschkulisse in einer gut gefüllten Kletterhalle und weil er woanders hinschaut als zu seinem Kletterpartner.

Im Test der DAV-Sicherheitsforschung rauschte der Lkw-Reifen, je nach Sicherungsgerät und Reaktionsvermögen, in einigen Fällen recht weit in die Tiefe oder berührte sogar den Boden. Der Reifen hielt das aus. Aber ein Mensch?

Darum geht es: um mehr Sicherheit beim Sportklettern. Deshalb empfiehlt der Alpenverein ab sofort sogenannte Halbautomaten zum Sichern. Im Gegensatz zu dynamischen Sicherungsgeräten (HMS, Tube) verfügen sie über eine Blockierfunktion. Das heißt, der Sturz wird gebremst, selbst wenn der Sichernde den entscheidenden Moment verschläft.

„Durch die Blockierfunktion erhöhen Halbautomaten die Chance, dass trotz Sicherungsfehler ein Bodensturz verhindert wird“, erläutert Florian Hellberg von der DAV-Sicherheitsforschung. Speziell an künstlichen Kletterwänden verläuft das Sicherungsseil oft geradlinig und ohne viel Reibung nach oben, sodass bei einem Sturz des Kletterers ein Großteil der Sturzenergie beim Sicherungsgerät ankommt. Dünne und glatte Seile verschärfen diese Problematik. Insofern bietet das Sichern mit Halbautomaten Vorteile gerade für Kletterneulinge, Sichernde mit geringem Körpergewicht und Sichernde mit wenig Erfahrung im Halten von Stürzen. Denn während dynamische Sicherungsgeräte viel Handkraft und Bewegungsroutine für das Halten von Stürzen erfordern, bietet die Blockierfunktion der Halbautomaten (dazu zählen beispielsweise Ergo Belay, Grigri, Klick-up, Smart, Megajul, Jul und Matik) den Vorteil, dass die Blockierfunktion nicht von der Handkraft abhängt.

Explizit von der Empfehlung ausgenommen ist das Sichern in Mehrseillängenrouten, also im alpinen Gelände. Dort ist wegen des oft nicht strichförmigen Routenverlaufs nämlich wesentlich mehr Seilreibung zu erwarten. In komplexem Sturzgelände, zum Beispiel an Dachkanten oder Absätzen, können per HMS oder Tube zudem ein Sturz gezielt verlängert werden, um ein hartes Anschlagen zu verhindern. Szenarien, in die Kletterhallen und -gärten so kaum vorkommen.

Es kann ja nun nichts passieren? Nein, ein Freibrief für Nachlässigkeit sind auch Halbautomaten nicht. „Sichern bedeutet mehr als die Wahl des Sicherungsgerätes“, betont Hellberg und zählt auf: Ein guter Sicherer ist stets aufmerksam, positioniert sich optimal, vermeidet unnötiges Schlappseil und kann angemessen dynamisch sichern (beim Halbautomaten funktioniert das über die richtige Körperpositionierung vor der Wand). Ganz wichtig: Das Bremshandprinzip (die Bremshand umschließt immer das Seil unterhalb des Sicherungsgeräts) darf nie verletzt werden!

Fazit der DAV-Sicherheitsforschung: Das schwächste Glied der Sicherungskette ist der Sichernde. Die Unfallanalyse zeigt: Ursache Nummer eins ist menschliches Fehlverhalten und nicht das Sicherungsgerät. Manchem Kletterer dürfte das spürbar bewusst geworden sein, als er bei den Tests vom Ruck des Reifens in die Höhe gerissen und gegen eine eigens montierte Weichbodenmatte geschleudert wurde.

Von Martin Becker

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