+
Auch auf einer Sonnenterrasse kann es eisig sein: Am 6286 Meter hohen Trango Tower in Pakistan biwakieren David Lama und Peter Ortner in einer Schneehöhle an einer Stelle, die „The Sun Terrace“ heißt.

Biwakieren auf der Bergtour

Unterm Sternenzelt

Die Tage werden kürzer, viele Berg- und Alpenvereinshütten schließen in den nächsten Wochen. Trotzdem bleiben auch größere Bergtouren möglich, sogar mit Übernachtung: im Biwak.

Juli 2001, im Wilden Kaiser. Nach der Klettertour auf den Predigtstuhl über die Nordkante leisten wir uns bei der Suche nach der Abseilpiste einen Verhauer, verlieren zuviel Zeit. Und kommen beim Abseilen durch den Botzong-Kamin in die Dunkelheit. 150 Höhenmeter trennen uns noch von der Steinernen Rinne, das Gelände ist senkrecht und nicht mehr kalkulierbar – wir entschließen uns zu einem Notbiwak auf einem Felsvorsprung. Die Füße werden in den Rucksack geschoben, das Seil liegt als Isomatte unterm Po, trotzdem frieren wir fürchterlich. Aber die Atmosphäre mit völliger Geräuschlosigkeit und einem klaren Sternhimmel: einzigartig.

Oktober 2013, im Karwendel. Diesmal erfolgt die Übernachtung gezielt, im Karl-Schuster-Biwak an der Laliderer Spitze. Die futuristisch anmutende Biwakschachtel isoliert prima, innen drin ist es eng, aber gemütlich. Die Gaskocher surren, dazu gibt’s Bier aus der Petflasche und Tütensuppe mit geschmolzenem Schnee. Und durch die Plexiglaskuppel der Biwakschachtel einen traumhaft schönen Blick in den Nachthimmel.

Zwei Biwaks, zwei unterschiedliche Erfahrungen. Und dazwischen: viel Spielraum. Die Bezeichnung Biwak stammt vom französischen Wort „Bivouac“, bedeutet Feld- oder Nachtlager. Im Freien (mit Schlaf- und Biwaksack), aber auch in Zelten oder Biwakschachteln – das können spartanische Blechhütten sein, aber auch vergleichsweise komfortable Unterkünfte.

Egal ob mit oder ohne Dach über dem Kopf, fürs Biwakieren gilt: Alles, was man benötigt, muss selbst heraufgeschleppt werden. „Um für ein Notbiwak gewappnet zu sein, sollte man zumindest immer eine Rettungsdecke dabei haben, bei längeren und anspruchsvolleren Touren auch einen wasser- und winddichten Biwaksack“, sagt Stefan Winter, Ressortleiter Breitenbergsport beim Deutschen Alpenverein. Gezielte Biwaks dagegen ließen sich gut planen, aber auch hier gehe nichts ohne sorgfältigen Vorausblick, betont der Experte: „Man braucht zusätzliche Verpflegung fürs Abendessen und alles für den nächsten Tag. Vor allem ist die Wasserversorgung zu klären! Ebenso die Frage, auf und in was man schläft. Biwakschachteln gibt es mit und ohne Decken, mit und ohne Gaskocher und Geschirr.“ Kerzen oder Taschen bzw. Stirnlampen solle man auf jeden Fall einpacken, außerdem warme Zusatz-Bekleidung wie eine Minidaunenjacke und eine warme Mütze. Darf – beim Biwakieren im Freien – ein Feuer entfacht werden? „In Schutzgebieten und im Wald ist das verboten“, erläutert Winter. „Abgesehen davon wird man in heutiger Zeit ein Feuer weniger zum Wärmen und mehr zur Romantik machen wollen, und da sollte man sich als aufgeklärter Bergsteiger eher verantwortungsbewusst verhalten und verzichten.“

Zudem sei – sowohl beim Feuermachen als auch beim alpinen Biwakieren mit Zelt – die rechtliche Situation zu beachten, die international differiert. „Gegen ein Notbiwak gibt es grundsätzlich keine Einwände“, sagt Winter. Anders sieht es bei geplanten Biwaks aus. Die sind zwar in der Regel geduldet, aber wenn man ein Zelt aufschlägt, fällt das in die Kategorie Campieren, und da gibt es weit mehr Einschränkungen zu beachten. Das ist zum Beispiel in Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz im Wald grundsätzlich verboten, außer man hat die Erlaubnis des Grundeigentümers. Winter: „Oberhalb der Waldgrenze im alpinen Gelände gibt es alpenweit Gestattungen und Verbote, deshalb beim Zelten vorher immer nachfragen.“

In Extremsituationen kann ein Biwak äußerst unangenehm werden, beispielsweise bei Gewitter. „Ein Biwak wegen Schlechtwetter kann sich leicht zu einer ernsthaften Bedrohung entwickeln. Wenn man keinen ausreichenden Nässeschutz dabei hat, drohen Unterkühlung und Erfrierungen“, erklärt Winter. Und: „Nicht jede Höhle eignet sich bei Gewitter zum Biwakieren. Ein Mindestabstand von ein bis zwei Metern zu Decke, Rückwand und Eingang ist notwendig, um vor Blitzschlag sicher zu sein.“

Dagegen kann ein Winterbiwak in einer Schneehöhle geradezu komfortabel sein. Denn: In einer Schneehöhle ist es immer „wärmer“ als auf freier Schneefläche. „Mit ein bis drei Kerzen lässt sich sogar die Temperatur leicht anheben“, sagt Winter. „Am besten kauert man sich in der Höhle eng aneinander, steckt die Beine in den Rucksack und setzt sich auf eine isolierende Unterlage. Massagen, kleinräumige Gymnastik und Lieder singen, lassen die Zeit angenehmer vergehen.“

Das schlimme und das schöne Biwak: Michi Wärthl, Bergführer und Extrembergsteiger aus Neubiberg bei München, kennt beide Seiten. „Mein erstes und einziges unplanmäßiges Biwak mit Gästen war am Lauteraarhorn in der Schweiz“, berichtet der 43-Jährige. „Ich hab da keine Chance mehr gesehen, mit ihnen den Schraubengang zur Schreckhornhütte runterzukommen. Ein Gewitter ist auch aufgezogen, dann hat der eine Gast Familienfotos rausgekramt und gedacht, er sieht sie das letzte Mal.“ Es ging letztlich – bis auf die Kälte in 3800 Metern Höhe – alles gut, aber vergessen hat diese Nacht keiner der Betroffenen. Das Gleiche sagt Michi Wärthl über sein „bestes Biwak“ in der Eiger-Nordwand, ebenfalls mit einem Gast. „Ich hab dermaßen gut geschlafen, dass mich mein Handy wecken musste und ich erst gar nicht gecheckt habe, wo ich eigentlich bin. Ist mir in so einer Wand nie mehr passiert.“

Der Mensch fernab jeglicher Zivilisation, allein mit sich und seinen Gedanken. Den Reiz des Biwakierens – DAV-Experte Stefan Winter formuliert ihn so: „Eine Nacht auf dem Boden von Mutter Natur erdet einen gewissermaßen, und der freie Blick in einen Sternenhimmel... Diesen Satz muss jeder für sich zu Ende führen.“

Von Martin Becker

Weitere Infos zu Zelten und Biwakieren in den Bergen gibt hier bei Deutschen Alpenverein www.alpenverein.de

Karwendel-Wanderung mit Übernachtung im Karl-Schuster-Biwak

Auch interessant

Kommentare