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Im Laufschritt auf die Berge: Wer seine Leistungen mit anderen Bergläufern vergleichen mag, hat dazu Gelegenheit an den mit speziellen Zeitmess-Systemen aufgerüsteten Routen von www.meinberglauf.de.

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Virtueller Wettlauf: Neue App verbindet ambitionierte Bergläufer

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Auf die Plätze, fertig, lauf: Das digitale Kräftemessen per Smartphone und Internetseite erobert die Berge. Ein neues Zeitmess-System ermöglicht in Verbindung mit der App „meinBerglauf“, auf fest installierten Laufstrecken seine Daten zu erfassen und in den Wettbewerb mit Gleichgesinnten zu treten.

Als Läufer hat sich Norbert Kutschera lange Zeit eher in der Ebene verausgabt, ist unter anderem Marathons gelaufen. Auf Gipfel stieg der staatlich geprüfte Berg- und Skiführer aus Murnau indes eher klassisch: kletternd, wandernd oder per Skitour. Was ihm allerdings auffiel, wenn er gerade Brotzeit auf einem Berggipfel machte: Immer öfter sauste ein Trailrunner oder Speedhiker hinauf – und genoss, am Ziel angekommen, nicht die Aussicht, sondern stoppte auf einer GPS-Uhr zuerst Zeit und Höhenmeter.

„Ich befand mich vor einem Jahr mit meiner Frau Birte gerade auf einer Drei-Tages-Tour in den Stubaier Alpen, als wir wieder solch ein Erlebnis hatten“, erinnert sich Kutschera: Ein Bergläufer speicherte aus dem Weg zum Becher Haus (3195 Meter) am Wilden Freiger seine Daten ab. „Für diese Klientel“, dachte sich Kutschera, „müsste man eigentlich eine Community gründen.“

Der Gedanke ließ ihn nicht mehr los, spontan schoss ihm in den Stubaier Alpen gar eine griffige Marke durch den Kopf: „meinBerglauf“. Wieder daheim, ließ Kutschera seinen Rucksack unausgepackt stehen und prüfte zuerst, ob entsprechende Internet-Domains verfügbar wären – und ja, es gab sie. Nicht nur als www.meinberglauf.de, sondern auch mit den Endungen .at und .ch für Österreich und die Schweiz. Kutschera sicherte sich die Internetadressen. Und suchte nun nach Mitstreitern für sein Projekt, hierzulande den Berglauf digital zu organisieren.

Die fand der 51-Jährige in Christian Hessing, ehemaliger Software-Entwickler beim GPS-Spezialisten Garmin und heute Inhaber einer Bergschule in Eschenlohe, sowie dem App- und Webseitenentwickler Robert Gaiswinkler aus Berlin. Das Trio tüftelte an einem unkomplizierten Zeitmess-System für Bergläufer, das zugleich einen Austausch und Wettbewerb innerhalb der Community ermöglichlicht. Die erste Teststrecke installierten die Berglauf-Visionäre am Kolbensattel in den Ammergauer Alpen, Premiere war heuer am 16. Juni. Anfang August ging am Laber die nächste digitalisierte Berglaufstrecke in Betrieb, weitere etwa 20 sollen in den bayerischen Alpen folgen. In Kürze eröffnet werden Laufstrecken auf den Wallberg am Tegernsee und hinauf zum Wankhaus bei Garmisch-Partenkirchen.

Das Prinzip ist einfach. Aufs Smartphone lädt man sich die App „meinBerglauf“, An der Startstation korrespondiert die App automatisch mit dem Zeitmess-System, eine Fanfare ertönt – das Signal zum Start. Nun gilt es zu laufen, aktuell 2,4 Kilometer und 420 Höhenmeter auf der Strecke zur Kolbensattelhütte oder, schon etwas sportlicher, die 5,8 Kilometer und 750 Höhenmeter auf den Laber. An der Zielstation erfasst die App wiederum automatisch alle Daten, Jubeltöne aus dem Smartphone bestätigen dies. Anschließend kann jeder individuell entscheiden, ob er die Laufzeitdaten nur für sich persönlich nutzt, sie einem definierten Freundeskreis mitteilt oder für alle Mitglieder der Community öffentlich macht.

„Durch die fest installierten Start- und Zielstationen sowie festgelegte Strecken erreicht das System optimale Vergleichbarkeit“, erläutert Kutschera. In Ranglisten können sowohl die Laufzeiten als auch die Höhenmeter (für jeden gibt es einen Punkt) abgerufen werden. Was für manch einen Ansporn ist, sich im zwanglosen Wettstreit innerhalb der Community zu verbessern und damit gleichzeitig die eigene Fitness zu steigern.

„Es geht darum, Spaß mit Training zu kombinieren“, sagt Kutschera. Im Raum Oberammergau beispielsweise gebe es etwa 100 ambitionierte Bergläufer, die schon seit vielen Jahren die Kolbensattel- oder die Laberstrecke hinaufschwitzen. „Jetzt baut sich ein kleiner Wettbewerb auf: Wer ist der Schnellste? Über Filterfunktionen lässt sich das auch auf einzelne Gruppen fokussieren, zum Beispiel einen Verein oder einen Ort.“

Das Schöne daran: Niemand muss mehr zu den diversen über den Alpenraum verteilten Berglauf-Veranstaltungen reisen, um zu fixen Terminen seine Leistungsdaten zu erfassen. Mit der „meinBerglauf“-App, die übrigens im Offline-Modus (also ohne Daten-Roaming) intuitiv funktioniert, besteht je nach Laune und Wetter beliebig Gelegenheit, seine Werte zu stoppen.

Einer, der sich mit Begeisterung diesem digitalen Wettbewerb stellt, ist Helmut Reitmeir aus München. Der 72-Jährige ist in seiner Altersklasse dreimaliger Berglauf-Weltmeister, dokumentiert seine Aktivitäten  und nutzt die neuen Zeitmess-Strecken an Laber und Kolben für sein Training. Oder Edith Zuschmann, ebenfalls meinBerglauf-Stammgast – sie erklärt in ihrem Blog die Motivation, sich virtuell mit anderen zu messen: WISBI treibt sie an, schreibt die Sportjournalistin und passionierte Läuferin – die Abkürzung steht für „Wie schnell bin ich“.

Sich in der Freizeit schinden, die eigenen Grenzen verschieben, sich verausgaben: Diesen Trend hat Kutschera schon länger beobachtet – und ihm jetzt eine Plattform gegeben. Aber auch der gemütliche Normalwanderer profitiert von den neuen Zeitmess-Strecken: in Form von Rabatt für ein Getränk auf der Hütte am Ziel oder für die Talfahrt mit der Bergbahn. Ein Blick auf die Ranglisten verdeutlicht die Breite des Spektrums: Den Rekord am Kolbensattel hält der fünffache deutsche Berglauf-Meister Timo Zeiler mit 16 Minuten und 19 Sekunden, der langsamste Wert liegt momentan bei eineinhalb Stunden. Die Bestzeit von Initiator Norbert Kutschera selbst beträgt übrigens gut 23 Minuten.

Für die Bergläufer, auch die weniger ambitionierten, ist ein weiteres Feature geplant: eine Leistungsdiagnostik. Daran bastelt gerade der Software-Experte und Bergschul-Betreiber Christian Henning. „Wanderer können dann anhand der Daten Empfehlungen fürs ideale Gehtempo erhalten“, sagt Kutschera. Aus seiner Erfahrung als Bergführer weiß er: „Viele marschieren viel zu schnell los, und am Ende geht ihnen dann die Luft aus.“

Einen weiteren Anwendungsbereich bringt Bergführerkollege Franz Perchtold aus Ohlstadt ins Spiel. Er bietet auch Expeditionen an und muss sich in puncto Fitness der Teilnehmer oft auf deren Angaben verlassen. Aus seiner Sicht böten die neuen Zeitmess-Systeme die Möglichkeit, sich für konditionell besonders anspruchsvolle Unternehmungen gewissermaßen zu qualifizieren, indem vorab eine Berglaufstrecke in einer bestimmten Zeit bewältigt werden muss.

Ob auf Tempo oder „einfach nur so“, letztlich entscheidet jeder selbst, wie intensiv er sich belasten mag. Denn bei allem Wettstreit geht‘s vor allem auch darum: um die Freude an der Bewegung in der wunderschönen Natur der Berge.

Von Martin Becker

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