Man wandert und wandert und wandert...

Wandern gilt als sanfter Sport, als gemütlich, genüsslich und kaum gefährlich. Doch immer mehr Wanderer, die mit Extremsport eigentlich nichts am Hut haben, suchen die ganz große Herausforderung. Zum Beispiel bei 24-Stunden-Wanderungen.

Auch Langstreckenwanderungen werden immer beliebter, etwa der Karwendelmarsch in Tirol: 52 Kilometer von Scharnitz bis zum Achensee, mit mehr als 2650 Höhenmetern bergauf. Fast 1000 Bergläufer, Wanderer und Nordic Walker haben sich bei der Neuauflage des traditionsreichen Karwendelmarsches im September 2009 in Bewegung gesetzt – darunter tz-Reporter Ingo Wilhelm (37). Lesen Sie hier seine genussvolle Leidensgeschichte.

Kurz vor sechs Uhr morgens im Ortskern von Scharnitz: Unzählige Wanderund Laufschuhe tippeln auf dem noch regennassen Boden, nervöses Warten auf den Startschuss. Peng! Vorneweg spurten die Bergläufer los, in dünnen Leiberln bei vier Grad über null. Hintendrein setzt sich ein Heer aus Wanderern in Bewegung. Die Jüngste (Andrea aus Fieberbrunn) ist gerade 14 geworden, der Älteste (Ernst aus Innsbruck) 85 Jahre alt.

Ernst war dabei, als 1990 der Karwendelmarsch zum bislang letzten Mal stattfand. Unter strengen Auflagen kommt es nun in dem unter Naturschutz stehenden Gebirge zur Neuauflage. 52 Kilometer liegen vor mir. Noch nie bin ich an einem Tag so weit marschiert. Schon gar nicht durchs Gebirge.

Auf den ersten Kilometern durchs flach ansteigende Karwendeltal versuche ich vor allem eines: mein Tempo zu finden; zügig, aber mit ausreichend Reserven für die volle Strecke. Gegebenenfalls könnte ich nach 35 Kilometern an der Engalm aussteigen, aber mein Sportler-Ehrgeiz will mehr. Zum Glück kenne ich die Strecke durchs Karwendel von Mountainbike-Touren, das erleichtert das Einteilen der Kräfte.

Kurz vorm Karwendelhaus die erste Labestation: Käsebrote, Brühe, Bio-Riegel. Keiner nimmt sich Zeit, sich hinzuhocken, manche schieben sich den Proviant sogar im Vorbeigehen rein. Reste der Regenwolken verhängen die Felswände des Karwendels. Schotter knirscht unter den Profilsohlen. Immer wieder das Klackern von Wanderstöcken. Ich habe aus Gewichtsgründen darauf verzichtet, was sich noch rächen soll.

Beim Steilanstieg zur Falkenhütte erreicht der Puls neue Höhen. Die Hüttenwirte verteilen Hafersuppe in Bechern, mein Körper verlangt und verlangt. Dann der Abstieg in die Eng über einen schmierigen Pfad. Kaum vorstellbar, dass die Bergläufer hier runtergerannt sind. Wie weit mögen die Schnellsten jetzt wohl sein, fünf Stunden nach dem Start? Längst habe ich den Überblick verloren, wo im Feld ich mich befinde. Abgeschlagen oder gut in der Zeit?

Im Engtal lockt der vorzeitige Ausstieg – ich widerstehe und gehe den finalen Aufstieg an. Auf dem Serpentinenpfad zum 1900 Meter hohen Binssattel sinken die ersten Mitmarschierer nieder, um im Sitzen Luft zu schnappen.

Geschafft. Nun geht’s nur noch bergab. Und damit beginnt das Leiden. Denn meine Kondition mag einen Gewaltmarsch bewältigen, mein Bewegungsapparat ist das gewiss nicht gewohnt. Beim steilen Abstieg schmerzen die Knie, der Rücken, die Hüfte… Hätte ich bloß die Stöcke dabei! Im Gramaier Grund angekommen, gehe ich unrund wie ein angeschossener Bock, doch noch immer liegen zehn Kilometer vor mir. Stures Dahingehen in sanfter Neigung. Man bildet Grüppchen mit Leidensgenossen, Gespräche lenken von den Schmerzen ab.

Endlich, die Lautsprecherstimme aus dem Zielraum! Nach zehn Stunden und 20 Minuten erreiche ich Pertisau. Der Schnellste ist nach knapp fünf Stunden angekommen, ich lande im hinteren Mittelfeld. StrahlendüberreichtmireinMädl die Finisher-Medaille mit der „52“ darauf. Sie bekommt daheim einen Ehrenplatz. Es kann ja so schön sein, sich zu schinden.

24-Stunden-Wanderungen

Hier können Sie 24 Stunden wandern oder besonders weit marschieren:

Heuer wird der Karwendelmarsch am 28.August stattfinden. Die Teilnehmer haben wieder die Wahl zwischen zwei Streckenlängen (52 oder 35 Kilometer). Infos und Anmeldung:

www.karwendelmarsch.info

oder per Telefon bei der Touristinfo Achensee: +43/52 46/53 00.

Ebenfalls am Achensee haben im vergangenen Jahr rund 80 Unermüdliche an der 24-Stunden-Wanderung teilgenommen. Heuer gibt’s am 26. Juni die nächste Gelegenheit, wobei die reine Gehzeit etwa 18 Stunden betragen wird.

www.24-stunden-wanderung.at

Am 19. Juni starten die 24 Stunden von Bayern, diesmal durchs Arberland. Ein Jahr nach der Premiere ist diese Rund-um-die- Uhr-Wanderung schon so beliebt, dass die 444 Startplätze innerhalb kürzester Zeit ausgebucht waren.

www.24h-von.bayern.de

Der Südtiroler Spitzenbergsteiger Hans Kammerlander führt 24-Stunden-Wanderungen in seiner Heimat.

www.kammerlander.com

Vom 25. auf den 26. Juni leitet die Mammut Alpine School eine 24-Stunden-Wanderung in Tirol  durch die Tannheimer Berge.

www.mammut-alpineschool.ch , Telefon 0 83 31/839 23 33. Dietz verlost zwei Teilnahmeplätze inkl. Verpflegung im Wert von je 179 €. Wer gewinnen will, schickt heute eine SMS mit tz win 24 sowie Name und Anschrift an die 52020. (0,50 Euro pro SMS)

Auch interessant

Kommentare