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Vom Dorfplatz auf den Gipfel: Seit letzter Woche verbindet eine neue Seilbahn den Ort Welschnofen mit dem Skigebiet Carezza am Fuße des Rosengartens. 

Bergdorf in Südtirol

Die Gipfelstürmer

Es war still in Welschnofen. Zu still, meinten die Bewohner, und stellten innerhalb von sechs Monaten ein Großprojekt auf stählerne Beine, das ihnen den Zutritt zum großen Südtiroler Skizirkus sicherte.

Gerade rechtzeitig zu Weihnachten ging die Bergbahn jetzt in Betrieb. Angela Walser berichtet aus dem Dorf der Gipfelstürmer.

Skigebiet Carezza am Fuße des Rosengartens

Der Karerpass am Ende des Südtiroler Eggentals: Wer sich mit dem Auto hier heraufschraubt, hat entweder das postkartenberühmte Dolomiten-Bergmassiv des Rosengartens zum Ziel oder er hat es schlichtweg nicht mehr geschafft, innerhalb der Gemeinde Welschnofen zu wenden. Die Serpentinenstraße zur Passhöhe (1745 Meter) ist eine Herausforderung für jeden Fahrer – besonders im Winter.

Welschnofen, das ist die letzte deutschsprachige Bastion vor dem Übergang ins Trentino. Das Dorf schlängelt sich entlang der Dolomitenstraße. Rechts der Supermarkt, links der Metzger, der Bäcker, die Touristen-Info. Im Sommer Geranien an den Balkonen, im Winter bescheidene Lichter-Dekoration. Nur nicht zu grell.

Der Dorfplatz ist eigentlich ein riesiger Parkplatz. Im Sommer stehen hier die Ausflüglerbusse und die PKW der Wanderer – im Winter war er bisher eine ungenutzte Fläche. Bisher.

In einer fünfmonatigen Blitzaktion stampfte der Ort mit seinen 1900 Einwohnern eine neue Kabinen-Umlaufbahn aus dem Boden. Sie beginnt mitten im Dorf, gleich hinter dem Parkplatz, und führt direkt ins Skigebiet Carezza. Das wiederum liegt unterhalb des sagenumwobenen Rosengarten-Massivs. 13 Millionen Euro hat die Bahn gekostet. Sie war der lang gehegte Traum einer Handvoll Welschnofener. Denn Welschnofen drohte im Winter der Untergang. „Die Zeit war hier stehengeblieben“, beschreibt Manfred Eisath, Hotelier im benachbarten Eggen, die Situation. „Einige Betriebe mussten bereits zusperren.“ Die Liebhaber des Carezza-Skigebiets waren abgewandert in benachbarte Skigebiete, wo sie gemütlich in ihren Skischuhen zur Bahn stapfen oder sie gleich dort in beheizten Spinden deponieren konnten. Welschnofen mit seinen knapp 100 Beherbergungsbetrieben versank in einen winterlichen Dornröschen-Schlaf.

Der Prinz in Form des örtlichen Tourismus-Präsidenten Egon Seehauser musste seine Mitbürger nicht lange wachküssen. Die Gemeinde stand sofort gesammelt hinter ihm, als Seehauser im Dezember 2012 seine Idee vortrug. Im Februar darauf stand die zur Mitfinanzierung notwendige Aktiengesellschaft auf festen Füßen. 180 Aktionäre hatte das kleine Dorf in kürzester Zeit zusammengetrommelt. Die Gastwirte als künftige Hauptnutznießer übernahmen eine große finanzielle Last.

Maria, Wieserbäuerin aus Deutschnofen: Von meinem Hof kann ich die Schneise der Bahn sehen. Sie stört uns nicht.

„10.000 Euro hat jeder einbezahlt“, sagt die Wieser-Bäuerin Maria aus Deutschnofen, nur wenige Autominuten von Welschnofen entfernt. Von ihrem Hof aus sieht man die Schneise, durch die die Bahn und die Talabfahrt mittlerweile verlaufen. Proteste von Naturschützern gab es überraschenderweise nicht. Das bestätigen auch Marias Kinder, größtenteils erwachsen und in den Vereinen des Eggentals fest verankert.
„Wir haben versucht, naturverbunden und sauber zu arbeiten“, sagt Präsident Seehauser beinahe entschuldigend. Und das sei in der Kürze der Zeit nicht einfach gewesen. Denn Anfang August war da noch keine Spur vom Bau der Umlaufbahn zu erkennen. Kein Plakat zur Ankündigung, kein Modell der zukünftigen Gondel. Welschnofen wartete ruhig auf die Baugenehmigung.

„Normalerweise vergehen zwischen Planung und Inbetriebnahme eines solchen Projekts zwei bis drei Jahre“, sagt der Präsident. „Bei uns war es gerade mal ein Jahr und das ist rekordverdächtig.“ Denn im Sommer gab es von der Landesregierung plötzlich grünes Licht für die Zusage der Hauptfinanzierung. Möglicherweise lag das auch an den Landtagswahlen, die im Oktober anstanden.

Nun packte jeder im Ort mit an. „Die Bevölkerung war plötzlich wieder so eng miteinander verbunden, wie seit Jahren nicht mehr“, sagt Seehauser. Noch heute ist er begeistert über den Ruck, der durch seine Gemeinde ging. Alle hätten an einem Strang gezogen.

Hotelier Manfred Eisath mit Frau Carola: Es war höchste Eisenbahn für die Bahn. Die Zeit war bei uns stehengeblieben.

Am 20. Dezember ist die neue Bahn planmäßig in Betrieb genommen worden, und der erste massive Schneefall hat gerade zur rechten Zeit eingesetzt. Weil sie sich nicht ganz verlassen wollten auf die Natur, haben die Welschnofener die Talabfahrt komplett mit Schneekanonen bestückt. Mit der Infrastruktur rund um die Bahn werde es im ersten Skiwinter noch ein wenig hapern, entschuldigt sich Seehauser. Doch wer vor 25 Jahren das Abenteuer gewagt hatte und mit dem legendären offenen Zweier-Stahlkorb stehend ins Carezza-Skigebiet geschwebt ist, kann über solche Anfangsschwierigkeiten nur müde lächeln.

Die günstigsten Skigebiete

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Angela Walser

Ort & Skigebiet: Die Reise-Infos

REISEZIEL Das Eggental liegt im Süden Südtirols. Im ersten Ort Birchabruck teilt sich das Tal, auf der einen Seite geht es Richtung Welschnofen/Karerpass, auf der anderen Richtung Eggen, Obereggen und Passo di Lavazè. Der Name Eggen leitet sich vom ladinischen Wort Wasser („Ega“) ab. Der Eggentaler Bach mündet bei Kardaun in den Eisack, der erste Teil des Tales von Kardaun nach Birchabruck ist so schmal, dass die Straße großteils durch Tunnel führt. Die zerklüftete Schlucht inspirierte einst Karl May zu seinem Roman „Durchs wilde Kurdistan“.

ANFAHRT Auf der Brennerautobahn bis Ausfahrt Bozen Nord, dann 500 Meter auf der Staatsstraße Richtung Bozen, erste Ausfahrt Richtung Eggental durch Straßentunnel, ca. 20 Minuten bis Welschnofen (Skigebiet Carezza, Talstation der neuen Kabinenbahn), ca. 30 Minuten bis Obereggen (Skigebiet Obereggen/Val Di Fiume).

SKIGEBIETE Obereggen/Val Di Fiume mit 48 Kilometern Piste rund um das Latemarmassiv und Carezza (Karerpass) mit 40 Kilometern Piste am Fuße des Rosengartens. Die neue Kabinenbahn fährt auf 3,5 Kilometern Länge direkt vom Ortszentrum Welschnofen in das Skigebiet, die Talabfahrt ist 7,5 Kilometer lang.

ANGEBOTE zwischen dem 15. und 21. März: Super Sun, sieben Tage Skifahren, ein Tag geschenkt auf Skipass und Übernachtung; ab 300 Euro. Ladies First Woche: Frauen fahren mit 50 Prozent Ermäßigung und haben Vergünstigungen in zahlreichen Shops und Einrichtungen. Kids Week: Kinder bis acht Jahre fahren kostenlos Ski und wohnen umsonst, Kinder bis 12 Jahre bezahlen nur die Hälfte. Alle Angebote zu buchen unter www.ski.eggental.com oder über das Tourismusamt.

WEITERE INFOS Homepage des Tourismusverbandes mit allen Infos zu den Skigebieten und Unterkunft etc. unter www.eggental.com. Telefonische Auskunft unter Eggental Tourismus, Val d‘Ega Turismo, Dolomitenstraße 4, Welschnofen, Tel. 0039/0471-619500.

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