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Per Radl von Graswang nach Grainau

Wilder Ritt zum Tanzboden

In Oberammergau werden die Bärte wieder länger. 2010 ist Passion, man spürt die Aufbruchstimmung. Am Anfang stand ein Gelübde: 1632 suchte die Pest Oberammergau heim, 1633 hatte fast jede Familie einen oder mehrere Tote zu beklagen.

Am Pfingstfest 1634 führten die Bürger auf einer Bühne, die sie über den Gräbern auf dem Pestfriedhof aufschlugen, ein Spiel auf. 2010 gibt’s nun das umstrittene Nachtspiel, das Spielleiter Christian Stückl durchgesetzt hat. Aber in dem Passionsort wird gerne und ausdauernd diskutiert...

Das schmucke Dorf liegt in uraltem Siedlungsgebiet. Die archäologischen Funde vom Döttenbichl weisen darauf hin, dass der „Gupf“ oberhalb der Ammer seit der späten Eisenzeit und frühen römischen Epoche Kultplatz war. Keltische Kultstätten finden sich meistens auf Bergkuppen oder Hügeln, geweihte Orte, um mit den Gottheiten Verbindung aufzunehmen. Der Ortsname Oberammergau soll vom keltischen Namen „Ambrigo“ kommen, „Ambara“ oder „Ampra“ bedeutete auf keltisch Fluss.

Die Gämse wohnt im Südzimmer

Auch Graswang ist alt. Orte auf „-wang“ gehen auf Gründungen in germanischer Zeit zurück, Graswang war bereits vor Ettal bewohnt, denn die weite Weidefläche war ideal. Im Salbuch Herzog Ludwigs des Strengen um 1270 sind fünf Höfe im Graswang-Tal aufgeführt, die „insbesondere 600 Käse an das herzogliche Amt jährlich zu verabreichen hatten“. Viel später verzaubert ein Häusl, namentlich das Gindhart-Häusl, König Max bei der Jagd im Ammewald. Er lässt Friedrich Ziebland kommen, der schon Hohenschwangau umgebaut hat. Das Häusl wird vergrößert, sozusagen geadelt und 1869 erst zum Königshäuschen, dann zur Keimzelle des heutigen Linderhof. Das Schloss lohnt immer den Besuch – vor allem der Park, selbst wenn man da bei jedem Schulausflug war und mit allen Verwandten, die zu Besuch in Oberbayern weilten. Es bleibt Bayerns innigste Hommage an die Imagination: So ließ der Kini allen Ernstes eine zahme Gämse im großen Südzimmer laufen. Sie sah sich im Spiegel, dachte wohl es wäre eine ganze Gämsenherde unterwegs und sprang mitten in den Spiegel. Der Schaden war beträchtlich.

Heutige Gämsen leben eher in den steilen Flanken des Kienjochs, wo Sommers auch die Hirsche äsen. Wer sich bald hinter Graswang im Schattenwald über die Hochsicherheitstore wundert: Die sind im Winter geschlossen und Teil des Hirschgeheges, wo dann täglich zur Dämmerung die Hirschfütterung stattfindet. Das ist nötig, weil die Tiere nicht mehr wie früher, in die verbauten Talauen herabsteigen können. Der Mensch hat ihren natürlichen Zyklus unterbrochen, ihre Lebensräume zerschnitten.

Es ist eine wilde Gegend hier und das macht eben den ganzen Charme des Elmautals aus. Ein Nord-Süd-Einschnitt ins schroffe Gebirge, alpines Gepräge und für den Biker zehn Kilometer, wo das Gelände beständig ansteigt. Nirgends besonders stark, aber doch so, dass die Ebene bei der Elmaualm (Rotmoosalm) und der flache Tanzboden auf 1200 Metern ganz willkommen sind. Von da an geht’s bergab, hinunter ins Loisachtal auf 800 Meter. Je nachdem: Wadeln anspannen und retour oder aber ins Zugspitzdorf Grainau rollen oder gleich nach Partenkirchen zum Bahnhof. Wo es nach der Einsamkeit im Ellmautal unwirklich laut und umtriebig ist! Wer sich für die Retour- Variante entschieden hat, muss sich nicht langweilen: Die Blickwinkel sind neu, die schier endlose Abfahrt vom „Peak“ bis nach Graswang ist pure Lust und wer jetzt dem lieben Herrgott für den schönen Tag danken will, kann das fünf Minuten vom Ort entfernt in der barocken Gertrudis- Kapelle beim Forsthaus Dickelschwaig tun. 1755 malte Jakob Zeiler die kleine, außerordentlich hübsche Kapelle aus.

Von Nicola Förg

DURCH DAS ELMAUTAL

Anfahrt

Mit der Bahn: Regelmäßige Verbindung von München nach Oberammergau. Mit dem Auto: A 95 München-GAP bis Autobahnende. B 2 bis Oberau. B 23 Richtung Ettal. Weiter Richtung Linderhof bis Graswang. Parken auf Wanderparkplatz am Ortsende von Graswang.

Tour ab O‘Gau

Vom Bhf. Oberammergau an der Ammer entlang bis zum Hotel Böld. Über die Brücke, am Friedhof vorbei, unterm Döttenbichl entlang, der Teerstraße folgen bis zur Straße Richtung Linderhof; rechts weg nach Graswang; zum Wanderparkplatz links weg. Danach wie Tour ab Graswang (S. unten).

Tour ab Graswang

Forstweg Richtung Linderhof folgen; an der Kreuzung links weg (Beschilderung Rotmoosrunde MTB); dem Weg weiter folgen. Rund 10 km bis zum höchsten Punkt (Elmaualm/ Tanzboden); wieder bergab bis zur Ochsenhütte. Wer sein Auto in Graswang geparkt hat, kehrt hier auf dem selben Weg zurück (Gesamtlänge: ca. 28 km). Wer mit der Bahn angereist ist, fährt auf dem Radweg bis Grainau (hier Bhf) oder weiter nach Garmisch-Partenkirchen (im Ortsteil Partenkirchen der BHF; Länge hier: 25 km).

Tipp 1

Langstreckler machen die ganze Rotmoosrunde (MTB-Route 6, 68 km). Infos unter: www.zugspitzland.de.

Tipp 2

Die Ammergauer Alpen haben einen Meditationsweg zu 15 Orten der Kraft initiiert, der im Text beschriebene, geheimnisvolle Döttenbichl gehört ebenso dazu wie die Gertrudiskapelle. Info: www.brennendes-herz.de

Karte

Kompass-Wanderkarte 5, Wettersteingebirge, Zugspitzgebiet. Maßstab: 1.50:000

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