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Knapp über der Baumgrenze: Viele der Skitouren in den bayerischen Voralpen sind dank des hohen Waldanteils und moderat geneigter Hänge relativ lawinensicher.

Weniger ist manchmal mehr

Zehn einfache Skitouren in den Bayerischen Alpen

Frische Schneekristalle glitzern auf dick verschneiten Bergfichten. Eiskalte Luft lässt den Atem der Skitourengeher zu kleinen Wolken kondensieren. Fast meditativ ziehen Skiwanderer...

...ihre Spur in Richtung Gipfel, Schritt für Schritt. Wir stellen Ihnen zehn beschauliche Einsteiger-Skitouren in den bayerischen Alpen vor.

Auf so schöne Winterszenarien mussten Schneefans auch heuer lange, lange warten. Der weiße Hoffnungsschimmer von Silvester verschwand in der ersten, milden Januarhälfte genau so schnell wie das alte Jahr. Erst der Februar bescherte eine ordentliche Reinigung in Sachen milder Luft und dem bayerischen Alpenrand endlich eine dicke Schneedecke. Die wegen tiefer Temperaturen auch noch in Form von feinem Pulver aus den Wolken geschüttelt wurde.

Fein verzweigte Schneekristalle, die sich Zentimeter um Zentimeter übereinander lagern und nicht mit schweren Pistenraupen zu Schneeautobahnen gewalzt werden: Genau das ist die Art von gefrorenem Wasser, die immer mehr Freizeitsportler suchen. Skifahrer, die durchs Freeriden einmal Tiefschnee erlebt haben, zieht es in immer größeren Scharen weg von gewalzten Pisten hin in die ungesicherte Bergwinterwelt.

Eine Welt, in der der viel zitierte „weiße Tod“ allerdings alles andere als ein Mythos ist. So kamen in der Wintersaison 2014/15 bis Mitte Februar in den Österreichischen Alpen 16 und in der Schweiz sogar 23 Skifahrer bei Lawinenunfällen ums Leben. Das sind Zahlen, wie sie sonst in einer gesamten „Lawinen-Saison“ zu beklagen sind. In den bayerischen Alpen war im gleichen Zeitraum hingegen kein einziger Skitourengeher oder Freerider ums Leben gekommen. Und das hat zwei Gründe.

Erstens: Weniger ist manchmal mehr. Wegen der vergleichsweise geringen Gipfelhöhen von Hörnle, Breitenstein & Co. war bis zum Jahreswechsel keine Schneedecke vorhanden. Deswegen bildete sich im Gegensatz zu den höher gelegenen Nachbarländern keine, wie die Experten sagen „bodennahe Schwachschicht“ im Frühwinter aus. Genau dieses „Altschnee-Problem“ war für einen Großteil der Lawinenabgänge in Tirol verantwortlich. Zweitens, noch viel wichtiger: Skitouren am bayerischen Alpenrand spielen sich meistens im vergleichsweise sicheren Waldbereich ab. Egal ob man vom Lindertal auf die Scheinbergspitze, aus dem Isartal auf den Schönberg oder vom Walchensee auf den Simetsberg steigt: Wirklich freie Abfahrtshänge besitzen bei diesen Skitouren-Klassikern Seltenheitswert. Stattdessen verläuft ein Großteil der waldreichen Anstiege zunächst auf breiten Forststraßen. Die sind im Winter um einiges schöner anzusehen als im Sommer und bieten, wie bei der Skitour auf den Simetsberg, manchmal sogar großartige Ausblicke.

Naturverträglich auf Skitour: Mit Hinweisschildern wie diesem hier am Hörnle bei Unterammergau weist der Deutsche Alpenverein darauf hin, welche Zonen befahren werden können und wo Wald und Wild geschonten werden sollten.

Der glitzernde Walchensee und das im Süden thronende Karwendelgebirge haben am Simetsberg schon manchen Skibergsteiger die Abzweigung in den Fußweg verpassen lassen. Das ist nicht weiter tragisch. Auch die Forststraße führt letztlich zum richtigen Aufstiegsweg. Der schlängelt sich durch dichten Bergwald, bis die Bäume sich langsam lichten und an der Simetsberg-Hütte die obligatorische Brotzeit eingenommen wird. Da es sich bei dem urigen Holzbau nicht um eine bewirtete Alm, sondern um eine eine forstliche Diensthütte handelt, muss man seine Leckerbissen selbst auf den Berg schleppen. Die opulenten Panorama-Schmankerl in Richtung Wallgau und Wetterstein belasten den Rucksack hingegen nicht. Es kommt aber noch besser. Auf den freien Almwiesen wird der Blickwinkel mit jedem Aufstiegsmeter größer, bis er am Gipfelkreuz volle 360 Grad erreicht. Von München bis zum Alpenhauptkamm reicht dann an klaren Wintertagen die schier endlose Aussicht.

Wer seine Augen nicht nur in die Ferne, sondern auch in den Nahbereich lenkt, wird beim Aufstieg ein wichtiges Schild an der Hüttenwand nicht übersehen haben. Auf der Informationstafel des DAV-Projekts „Skibergsteigen umweltfreundlich“ wird anschaulich dargestellt, welche Bereiche des Simetsbergs gemieden werden müssen. Um das Überleben seltener Tierarten wie Schnee- oder Auerhühner nicht zu gefährden, werden Skibergsteiger in einem weiten Bogen um sensible Gebiete herum gelenkt. Was angesichts der wachsenden Skitouren-Gemeinde wichtiger ist denn je.

Auf den meisten der unten vorgestellten Skitouren kommt man an solchen Info- Tafeln vorbei. Gerade Skitouren-Einsteiger halten sich gerne an die – nach wie vor freiwilligen – Routen-Empfehlungen und schätzen die Info-Tafeln sogar als übersichtliche Orientierungshilfe. Allenfalls der eine oder andere Einheimische will manchmal auf „schon immer gegangene Routen“ nicht verzichten. Was, im Sinne des Naturschutzes vor der Haustür, inkonsequent ist.

Von Michael Pröttel

Höhenmeter, Aufstiegszeit, Routenverlauf: Alle relevanten Kurzinformationen zu den Einsteiger-Skitouren

  • Mittleres Hörnle (1496 m)
    Aufstieg 2 Std.; 640 Höhenmeter. Charakter: Leichte Einsteigertour über sanft geneigte und zumeist freie Südhänge. Im letzten Drittel wird eine Waldstufe meist auf einem Rücken durchquert.
    Ausgangspunkt: Parkplatz Kappel bzw. Bahnhof Unterammergau.
  • Scheinbergspitze-Vorgipfel (1926 m)
    Aufstieg 2,5 Std.; 900 Höhenmeter. Charakter: Lange Zeit geht es durch einen schönen Bergwald empor, durch den gut abgefahren werden kann. Ein freier Bergrücken leitet schließlich zum Wintergipfel hinauf.
    Ausgangspunkt: Großer Wanderparkplatz, ca. zwei Kilometer nach Linderhof.
  • Herzogstand (1731 m)
    Aufstieg 2,5 Std.; 870 Höhenmeter. Charakter: Der Großteil der Tour verläuft entlang der Skipiste. Ab dem Herzogstandhaus folgt eine flache Querung , bevor der Gipfelanstieg auf den Serpentinen des Sommerwegs erfolgt.
    Ausgangspunkt: Bushaltestelle bzw. Parkplatz am Kesselbergsattel.
  • Simetsberg (1836 m)
    Aufstieg 3 Std.; 1000 Höhenmeter. Charakter: Toller Aussichtsberg mit südseitigem Waldanstieg. Weite Teile auf Forststraße. Oben schöner, freier Gipfelhang.
    Ausganspunkt: Parkplatz am Westufer vom Walchensee.
  • Schönberg (1620 m)
    Aufstieg 3 Std.; 920 Höhenmeter.
    Charakter: Zunächst relativ flache Skitour, die größtenteils im Wald verläuft. Ohne vorhandene Aufstiegsspur – was selten der Fall sein dürfte – ist Orientierungsvermögen hilfreich. Schöne Waldschneisen für die Abfahrt.
    Ausgangspunkt: Wanderparkplatz östlich von Lenggries-Fleck.
  • Hirschberg (1668 m)
    Aufstieg 1,5 Std.; 470 Höhenmeter. Charakter: Kurze Skitour mit Liftunterstützung und einem schönen Gipfelhang. Durch die Piste des Hirschbergliftes wartet nach dem Anstieg eine lohnende Skiabfahrt ins Weißachtal.
    Ausgangspunkt Bergstation Hirschberglift.
  • Brecherspitz (1683 m)
    Aufstieg 2 Std.; 550 Höhenmeter. Charakter: Leichter Anstieg zunächst auf Forstweg. Während der anschließende Hang zum Westgipfel keine Schwierigkeiten aufweist, ist am teils leicht ausgesetzten Gipfelgrat Trittsicherheit erforderlich.
    Ausgangspunkt: Spitzingsattel.
  • Stolzenberg (1609 m)
    Aufstieg 2 Std.; 550 Höhenmeter. Charakter: Kurze Skitour die, obwohl größtenteils im Wald verlaufend, zwei überraschend gute Abfahrtshänge besitzt. Ohne vorhandene Spur ist im Wald Orientierungsvermögen hilfreich.
    Ausgangspunkt: Spitzingsee/Kirche.
  • Breitenstein (1622 m) Aufstieg 2,5 Std.; 820 Höhenmeter. Charakter: Erstaunlich freie Voralpentour mit schönen Almhängen. Aufgrund der Nordexposition trotz der geringen Ausgangshöhe oft gute Schneelage. Das letzte Teilstück zum Gipfel ist relativ flach. Ausgangspunkt Parkplatz bei Winkl.
  • Brünnsteinschanze (1547 m)
    Aufstieg 2,5 Std.; 750 Höhenmeter. Charakter: Beliebte Skitour, die zum großen Teil auf Forst- bzw. Almwegen, aber auch über zwei schöne, freie Abfahrtshänge verläuft. Insgesamt geringe Lawinengefahr und so gute wie keine Orientierungsschwierigkeiten.
    Ausgangspunkt: Waldparkplatz nahe Tatzelwurm östlich vom Sudelfeld.

Wichtige Informationen

Auch bei diesen vergleichsweise lawinensicheren Touren gehören LVS-Gerät, Lawinensonde und -schaufel mit in den Rucksack. Den Umgang mit dieser Notfallausrüstung musst geübt und verinnerlicht sein. Zudem sollte man sich grundsätzlich über die aktuelle Lawinenlage informieren unter www.lawinenwarndienst-bayern.de.

Naturschutz: Es ist sehr wichtig, seltene Tierarten wie Auer- oder Schneehühner nicht zu stören. Deshalb muss man sich unbedingt an die vom Deutschen Alpenverein auf Hinweistafeln und Markierungsstangen empfohlenen Routen halten. Diese sowie die zu meidenden Wildschutzgebiete sind auf den DAV-Karten eingezeichnet. Für die zehn vorgestellten Touren sind die Blätter BY 7, 9, 13, 15 und 16 relevant. Fast alle der vorgestellten Touren sind im Buch „Leichte Skitouren – Die 50 besten Ziele zwischen Allgäuer und Kitzbüheler Alpen“ (Bruckmann- Verlag) genau beschrieben.

mp

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