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Mit wachen Sinnen durch die stille Bergwelt im Rofan

Zeitsprung zum Quellgott

„Hier schaut’s ja aus wie in den Rocky Mountains“, schwärmt meine weitgereiste Begleiterin beim Anblick der verschneiten Bergkulisse in diesem abgelegenen Winkel des Rofangebirges. Doch bis man die weiten Böden im Wildalmfilz erreicht, hat man einen weiten Weg hinter sich.

Gewiss ist es keine Modetour für Fans rassiger Skiabfahrten, sondern eher für Tourengeher, die eine winterliche stille Bergwelt schätzen und dabei mit wachen Sinnen unterwegs sind. Eine gehörige Portion Ausdauer braucht man auch. Nicht selten trifft man die Route, von ein paar Tierspuren abgesehen, völlig unberührt.

Bizarre Schönheiten aus Eis

Kurz vor Steinberg in der Region Achensee zieht ein Forstweg in ein langes Tal hinein, genauer gesagt, in die Ampelsbach-Filzmoosbach- Schlucht. Vom Parkplatz bis zur ersten Brücke hat man jedoch bereits einen Zeitsprung von Millionen von Jahren hinter sich. Denn die erdgeschichtlich höchst interessante Schlucht durchschneidet, wie ein Profilschnitt, den Südschenkel der sogenannten Thiersee-Mulde. Dadurch wird der innere Schichtenaufbau sichtbar. Normalerweise ist dieser durch aufliegende, geologisch jüngere Schichtglieder verdeckt. Wer nun auf diesem Geo-Lehrpfad unterwegs ist, kann Gesteinsformationen betrachten, die im Erdmittelalter mit seinen Abschnitten Trias, Jura und Kreide auf dem nordafrikanischen Schelf abgelagert wurden.

Im Winter zieren Eispaläste aus gefrorenen Wasserfällen die schroffen Mauern. Da schimmern, in blaugrünlicher Farbsymphonie, messerscharfe Kunstwerke. Glasig weiß wie aus edlem Porzellan hängen sie an schrägen Felsdächern. Vergängliche Schönheit, der man sich bei Tauwetter nicht nähern sollte. Der Ampelsbach wird am Ende der Schlucht zum Filzmoosbach. Glucksende Rinnsale graben sich unter der gefrorenen Schneedecke einen Weg und bilden tiefgrüne Gumpen. Nach der Schlucht öffnet sich das Gelände und bald spurt man über hügelige Wiesen zu einem Ombrometer unterhalb der Gufferthütte. Von hier aus gesehen ist es kaum zu glauben, dass sich in dem sperrigen Latschen- und Schrofengürtel des Schneidjochrückens schöne Skihänge verstecken. Am besten man hält sich in etwa an den Verlauf des Sommerweges, so gelangt man schnell auf sanft ansteigende Lichtungen und Almwiesen.

Ehe man einen kleinen Felsriegel umgeht, könnte man bei niedriger Schneelage einen Abstecher zu geheimnisvollen Inschriften in einer Felsenhöhle machen. Sagen erzählen von einem Quellgott in der unscheinbaren Höhle, die als europäisches Kulturgut gilt. Wissenschaftler rechnen die in den Fels geritzten Zeichen den Etruskern zu. Am Schneidjochsattel rückt plötzlich ein grimmiger Felskoloss in den Vordergrund: der Guffert. Und gegenüber wird der Gipfel über einen kurzen schneidigen Kammrücken ohne Schwierigkeiten erklommen. Ja, die Aussicht ist wunderbar, vor allem hin– über ins nahe Mangfallgebirge und zum winterlich ernsten Kaiser. Über mittelsteile, ideale Skihänge führt die Abfahrt hinunter und verläuft sachte über den moorigen Böden des Wildalmfilz. Wenn es nicht gerade Pappschnee hat, gleitet man auf der Forststraße wie auf Kufen mit wenig Anstrengung in etwa 1 Stunde durch 110 Millionen Jahre Erdgeschichte zurück zum Parkplatz.

DORIS NEUMAYR

ANFAHRT

Auto: A 8 München – Salzburg, Ausfahrt Holzkirchen. Über Bad Tölz (B13) weiter zum Sylvensteinsee. Dann Richtung Achensee (B307) bis Achenkirch. Hier links Richtung Steinberg bis Parkplatz „Kögelboden“ (963 m), Holzschautafel Gufferthütte (im Winter geschlossen). Bus: Bei Übernachtung in der Region Achensee gratis mit Gästekarte durch alle Orte der Region (Stundentakt).

TOUR

Schneidjoch (1811 m) (850 Hm, 7,7 km, Gehzeit ca. 3–4 Stunden, nord- nordostseitig, leicht, Lawinenkundliches Beurteilungsvermögen, Lawinennotfall-Ausrüstung, Orientierungssinn in winterlichem Gebirge). Aufstieg: Vom Parkplatz der Forststraße (Ww. Gufferthütte) folgen. Gemächlich entlang des Ampelsbach-Filzmoosbaches talein. Nach ca. 1,5 Std. erreicht man vor einer scharfen Linkskurve eine dreiarmige Wegverzweigung (ca. 1300 m). Hier geradeaus auf Karrenweg nach Osten (Ww. Ludernalm/ Gufferthütte). Kurz vor der Klausbodenalm (auch Ludernalm genannt) links (Ww. Gufferthütte). Durch Baumgruppen zu Wiesen und zu einem Ombrometer hin. Hier spurt man zunächst über eine flache Lichtung nach Süden. Dann geht’s in südwestlicher Richtung durch lichten Wald (etwa wie Verlauf des Sommerweges). Die Angernalm lässt man links liegen, zieht über sanft geneigte Hänge empor (Abstecher: „WW: Steinberger Inschriften“). An einem kleinen Felsriegel rechts vorbei zu einem freien Sattel mit Steinmännern (Schneidjochsattel). Auf dem Sattel geht’s rechts (Westen) über einen breiten Rücken zum Gipfel.

LANGLAUF

(klassisch) a) Guffertloipe zwischen Achenkirch und Steinberg (Einstieg: Gasthof Waldhäusl, Steinberg oder Almgasthof Huber, Achenkirch), mittel, rot, hin- und zurück 12 km, b) Dorfloipe Steinberg (Einstieg: Rofanlift II), leicht, blau, hin- und zurück 8 km (Anschluss zur Guffertloipe) – beide Loipen kostenlos ROFANLIFTE – Steinberg 3 Skilifte Tägl. in Betrieb von 8:30 – 16:00, Tel. 0043 (0) 5248 293

GEOLEHRPFAD

Obere Ampelsbach-/Filzmoosach- Schlucht Jahrmillionen Erdgeschichte vom Köglboden zur Gufferthütte Übersichtstafel am Parkplatz Köglboden, in den Sommermonaten (ab Mai) sind am Wegesrand Schautafeln montiert.

INFORMATIONEN

Tourismusverband Achensee Tel. 0043 (0) 5246 5300, Internet: www.achensee.info

KARTE

Österreichische Karte BEV, Blatt 88,1:50 000

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