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Assange am Fenster der ecuadorianischen Botschaft in London 

Zehn Jahre Wikileaks

Ein gespenstischer Geburtstag

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Auf einer nebulösen Pressekonferenz kündigt Wikileaks-Gründer Julian Assange eine Vielzahl neuer Enthüllungen an. Aber längst steht die einstige Lichtgestalt in der Kritik.

München – Der Mann, der die Welt besser machen will, sieht bleich und ungesund aus. Seit mehr als vier Jahren sitzt Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London, wenige Meter entfernt vom Luxuskaufhaus „Harrods“. Mit Luxus hat sein Leben schon lange nichts mehr zu tun. Aber dazu später.

Wichtiger als die umstrittene Figur Assange ist die von ihm gegründete Enthüllungsplattform. Am 4. Oktober 2006 ist „Wikileaks“ online gegangen, um mit unzähligen ins Netz gestellten Dokumenten für Aufsehen zu sorgen. Die Aktivisten veröffentlichten interne Anweisungen des amerikanischen Militärs über den Umgang mit Guantanamo-Häftlingen. Aus den Papieren geht hervor, dass manche Praktiken dem Völkerrecht widersprechen. Hunderte Veröffentlichungen folgten – über die Scientology-Sekte, über die fatalen Fehleinschätzungen des deutschen Oberst Georg Klein bei der Bombardierung zweier Tanklaster in Kundus , über die Abhörpraktiken des amerikanischen Geheimdiensts NSA. Im Sommer hatte Wikileaks E-Mails aus dem Parteivorstand der Demokraten veröffentlicht. „Verdammter Lügner“, schrieb etwa die nach den Enthüllungen zurückgetretene Parteichefin über Hillary Clintons Rivalen Bernie Sanders.

Am Dienstag sollte an der Berliner Volksbühne das zehnjährige Bestehen der Plattform gefeiert werden. Auf einer Leinwand erschien Assange, aufgezeichnet mit einer Videokamera im Londoner Botschaftshaus. Assange kündigte für die nächsten Wochen neue Veröffentlichungen an, von denen einige erneut den US-Wahlkampf betreffen sollen. Beobachter sprachen von einem nebulösen, teils gespenstischen Auftritt.

Das liegt auch an Assanges schwieriger Lage. Vor sechs Jahren begannen in Schweden Ermittlungen gegen den 45-Jährigen, er soll zwei Frauen vergewaltigt haben. Assange flüchtete im Juni 2012 in die ecuadorianische Botschaft, weil er eine Auslieferung an die USA fürchtete. Dort droht ihm lange Haft wegen Geheimnisverrats. Mitte Oktober soll Assange in London endlich von schwedischen Ermittlerinnen befragt werden.

Im Februar kam eine Expertengruppe des UN-Menschenrechtsrats zu dem Schluss, dass Assanges Festsetzen in der Botschaft illegal sei. Bisher nutzt Assange das nichts. Am Dienstag teilte er auf die Frage nach seinem Befinden sarkastisch mit: „Es gibt wenige Menschen, die vier Jahre lang keine Sonne gesehen haben, aber ansonsten gesund sind. Das könnte interessant für die medizinische Forschung sein.“

Schon immer waren die Reaktionen auf das Leitmotiv der Wikileaks-Aktivisten – maximale Transparenz – gespalten. Assange und seine Mitarbeiter seien staatsgefährdende Denunzianten, sagen die einen. Wikileaks sei das Versprechen auf eine ethisch korrekte Informationsgesellschaft, sagen die anderen. In den letzten Monaten aber schlägt das Pendel in der öffentlichen Wahrnehmung in Richtung der Kritiker aus. Als Wikileaks im Sommer persönliche Daten von Wählerinnen der türkischen Regierungspartei AKP veröffentlichte, war der Aufschrei groß. Tenor: Die Frauen müssten Racheaktionen politischer Gegner oder einen Identitätsdiebstahl durch Kriminelle befürchten. Und überhaupt: Wem bitte sei mit der Veröffentlichung solcher Wählerlisten geholfen?

Assanges Kompromisslosigkeit ist zum Problem für seine stolze Bewegung geworden. Weil alle Daten unbearbeitet ins Netz gestellt werden, sind mitunter auch Trojaner oder andere Computerviren darunter. Auch am Schutz der Informanten gibt es Kritik. Und weil kein normaler Mensch hunderttausende Datensätze sichten kann, entbrennt am Ende doch wieder ein Kampf um die richtige Deutung. Wenig hilfreich war daher die patzige Reaktion von Assanges Vertrauter Sarah Harrison am Dienstag in Berlin. Sie erklärte zahlreiche Vorwürfe – etwa eine Kooperation mit dem russischen Geheimdienst, von dem auch die Bundesregierung ausgeht – für Propaganda.

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