+
Hier spricht Keussler (li.) bei einer Ausstellung zum „Tunnel 57“ mit einem ehemaligen DDR-Flüchtling.

30 Jahre Mauerfall

„Fluchthilfe war auch eine Form von politischem Widerstand“

  • schließen

Klaus-Michael von Keussler, heute 80 Jahre alt, hat sich als Jurastudent in Berlin als Fluchthelfer engagiert und grub auch am berühmt gewordenen „Tunnel 57“ mit.

Herr Keussler, Sie haben 1961 in Berlin studiert, als der Mauerbau begann.

Ich wohnte im Studentenwohnheim der Kirchlichen Hochschule in Zehlendorf. Dort lebten auch Theologiestudenten aus der DDR; die theologische Ausbildung fand in West- und Ost-Berlin statt. Wir haben am 13. August frühmorgens im RIAS vom Beginn der Absperrungen gehört und sind alle in die Nähe des Brandenburger Tors gegangen, wo DDR-Betriebskampfgruppen das Pflaster aufrissen und den Stacheldrahtzaun ausrollten. Der Schock war groß. Wir haben leidenschaftlich protestiert – mit durchaus verbalen Entgleisungen.

Haben alle gleich verstanden, was da passiert?

Nein, denn es war ein absolutes Überraschungsmoment. Das hatte keiner für möglich gehalten, dass jemand eine 3,5-Millionenstadt von heute auf morgen trennt. Bis dahin konnte man für 20 Pfennig mit der S-Bahn hin- und herfahren.

Wie wurden Sie zum Fluchthelfer?

Es begann aus Solidarität zu meinen Ost-Berliner Kommilitonen. Einige haben uns gefragt, ob wir sie zur Fortsetzung ihres Studiums von Ost nach West holen können. Es gab viele Fluchthelfer, nicht nur Studenten. Menschen waren plötzlich getrennt von ihrer Familie, ihren Freunden oder der Verlobten.

Viele konnten anfangs noch fliehen, zum Beispiel über Fenster auf der Grenze stehender Häuser.

Das ging vielleicht zwei, drei Monate. Es gab dabei auch Tote, weil Menschen, die aus den Fenstern sprangen, die auf West-Berliner Seite aufgespannten Sprungtücher verfehlten. Die Situation war kompliziert. Die Häuser gehörten zu Ost-Berlin, der Bürgersteig davor zu West-Berlin. Wer also den Bürgersteig erreichte, der war sicher. Die Grenzhäuser wurden mit der Zeit abgerissen oder zu Stützpunkten der Staatssicherheit umgebaut.

Wie lief die Fluchthilfe ab?

Anfangs haben wir in den Außenbezirken die Leute mit einem über den Stacheldrahtzaun gerollten Teppich rübergeholt. Nach einigen Wochen wurde aber die Mauer schrittweise mit Hohlblocksteinen errichtet. Schüler und Studenten haben Leute auch durch die Kanalisation geholt. Zwei Deckelmänner, so haben wir die genannt, haben die schweren Gullydeckel auf Ost-Berliner Seite mit selbst gebastelten Haken hochgehoben, die Flüchtlinge wurden im Westen von Helfern in Empfang genommen. Das ging auch nur einige Monate gut, dann hat die DDR die Kanäle vergittert. Also haben wir mit gefälschten Ausweisen Fluchten organisiert. Es gab Gemeinden, die haben Fluchthelfern Blankopersonalausweise überlassen. Wir hatten Leute, die konnten mit einem Messer aus einer Kartoffel Stempel machen.

Sie haben echte Blankoausweise bekommen?

Ja! Die Stimmung unmittelbar nach dem Bau der Mauer war gegenüber den Fluchthelfern weitgehend positiv. Fluchthilfe war auch eine Form von politischem Widerstand, um zu zeigen, dass wir diese Schandmauer nicht akzeptieren. Die Stimmung änderte sich später etwas, als Willy Brandt und Egon Bahr eine neue Ostpolitik mit ihrem „Wandel durch Annäherung“ einleiteten. Da wurden spektakuläre Fluchthilfe-Aktionen eher als störend empfunden.

Warum fingen Sie an,
Tunnel zu graben?

Die Überlegung war, dass durch einen Tunnel mehr Leute flüchten können. Ich war an fünf Tunnelgrabungen beteiligt. Drei waren erfolgreich. 65 Personen haben wir durch die Tunnel geholt, 57 allein durch den „Tunnel 57“, der weltberühmt wurde.

Das Graben war sicher
keine einfache Sache.

Beim ersten Tunnel 1962 war der Sand so lose, dass wir ihn mit Brettern und Balken abstützen mussten. Das bedeutete Lebensgefahr. Natürlich hatten wir Angst. Das Graben lief teilweise auf Knien oder im Liegen ab. Beim „Tunnel 57“ war es umgekehrt. Der Boden war so hart, dass wir auf dem Schwarzmarkt einen elektrischen Boschhammer besorgt haben.

Hatten Sie keine Angst vor dem DDR-Geheimdienst?

Wir hatten ein Ziel und waren auf dem Weg dorthin sicher auch ein bisschen leichtsinnig. Westberlin war damals geradezu die Hauptstadt der Spione: BND, CIA, Stasi, Mossad, KGB. Es gab Entführungsversuche und immer wieder Verhaftungen von Flüchtlingen oder Fluchthelfern, die dann zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt wurden.

Der „Tunnel 57“ wurde entdeckt – Sie wurden an die Stasi verraten.

Ja, von einem gewissen Horst Lange in Ost-Berlin. Lange geriet bei einem eigenen früheren Fluchtversuch in die Hände der Stasi und musste dann mit Informationen gefällig sein. Insofern zögere ich, ihn als klassischen „Verräter“ zu betrachten; er ist eher ein Stasi-Verstrickter gewesen. Lange war auch vorgesehen für den „Tunnel 57“. Einer unserer Helfer hat ihn am Fluchttag kontaktiert – Lange hat daraufhin seinen Führungsoffizier angerufen. Er wusste zwar nicht, wo die Flucht stattfinden sollte, aber die Stasi hat schließlich den Hausflur mit dem Tunneleinstieg gefunden. Letztlich kam es zu einer Schießerei, bei der der NVA-Unteroffizier Egon Schultz von einem Warnschuss unseres Fluchthelfers Christian Zobel in die Schulter getroffen wurde und zusammenbrach. Ein zweiter DDR-Grenzer gab dann einen Feuerstoß aus seiner Kalaschnikow ab, der Schultz versehentlich im Rücken traf. Auf dem Weg ins Krankenhaus verblutete Schultz in den Morgenstunden des 5. Oktober 1964. Das war das tragische Ende des Tunnels und löste eine Debatte aus, ob Fluchthilfe nur unter Einsatz von Waffen möglich sei.

Warum hatten Sie überhaupt Waffen dabei?

Wir wollten unsere Flüchtlinge und uns selbst schützen. Der Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, hatte die Fluchthelfer bekanntlich zu den ärgsten Feinden der DDR erklärt. Auf sie gezielt zu schießen, sei kein Unrecht!

Sie leben seit 27 Jahren in Erfurt. Viele Deutsche sagen, in den Köpfen stehe die Mauer immer noch.

Ein Grund dafür dürfte sein, dass die versprochene Angleichung der Lebensbedingungen noch nicht ganz gelungen ist. 30 Jahre sind für einen so einschneidenden gesellschaftlichen Vorgang vielleicht nicht ausreichend. Die Mauer ist in den Köpfen der Generation, zu der ich gehöre, sicherlich noch höher als bei den jungen Leuten. Deren Sicht ist ungetrübter.

Interview: Wolfgang Hauskrecht

Klaus-Michael v. Keussler und Peter Schulenburg haben ihre Erlebnisse im Buch „Fluchthelfer – Die Gruppe um Wolfgang Schultz“ niedergeschrieben. Berlin Story Verlag, 19,95 Euro.

Der Mauerfall jährt sich 2019 zum 30. Mal. Durch Mödlareuth (48 Einwohner) lief bis zur Wiedervereingung die innerdeutsche Grenze - jetzt hat sich hoher Besuch angekündigt.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Palästinenser weisen Trumps Nahost-Plan scharf zurück
Der Nahost-Plan von US-Präsident Trump stellt Palästinensern einen eigenen Staat in Aussicht, aber unter erheblichen Zugeständnissen. Die Palästinenser reagieren empört.
Palästinenser weisen Trumps Nahost-Plan scharf zurück
Kita schafft Fasching ab: Verkleidungsverbot für Kinder - Die Erklärung sorgt für Empörung
Eine Kita in Erfurt hat Fasching kurzerhand gestrichen - Kinder dürfen am Rosenmontag nicht verkleidet erscheinen. Die Begründung des Kita-Betreibers macht viele wütend. 
Kita schafft Fasching ab: Verkleidungsverbot für Kinder - Die Erklärung sorgt für Empörung
Greta Thunberg schüttelt wegen Luisa Neubauer den Kopf - Streit bei den Klima-Aktivistinnen?
Unangenehme Szene für die „deutsche Greta“ Luisa Neubauer: Bei einer Pressekonferenz in Davos wurde sie von Greta Thunberg abgekanzelt. 
Greta Thunberg schüttelt wegen Luisa Neubauer den Kopf - Streit bei den Klima-Aktivistinnen?
„Provoziert mich“: Öko-Professor empört sich über Klimaaktivistin - Seitenhieb auf Grüne
Michael Braungart, einer der bekanntesten Umweltchemiker Deutschlands, spricht über Greta Thunberg, die Grünen und die Klima-Apokalypse. 
„Provoziert mich“: Öko-Professor empört sich über Klimaaktivistin - Seitenhieb auf Grüne

Kommentare