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Party immer – Olympia nimmer

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Von: Günter Klein

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World Cup 2014 - Klinsmann und Löw
Heim-WM 2006: Bundestrainer Jürgen Klinsmann, Co-Trainer Joachim Löw und Team-Manager Oliver Bierhoff stehen auf der Fan-Meile am Brandenburger Tor zusammen. © dpa / DB Marcus Brandt

Die Mauer war gefallen, Berlin brummte, und schon stand die Idee im Raum: Das neue Deutschland müsste Olympische Spiele bekommen.

Zur Feier seiner friedlich erfolgten Wiedervereinigung. Und natürlich in Berlin, das ja ohnehin wieder Hauptstadt werden würde (sorry, Bonn, aber guter Job all die Jahrzehnte).

Olympische Spiele haben einen Vergabe-Vorlauf von mehreren Jahren. Die Vergabe erfolgt sieben Jahre vor dem Event, und die Bewerbung bedarf einer Vorbereitung zur Erstellung eines Bid Books, zum Abschluss politischer Absichtserklärungen. Es war klar: Frühestens für die Ausgabe 2000 würde Berlin an Olympische Spiele rankommen. Aber noch nahe genug am Akt des Wiederzusammenkommens der beiden deutschen Staaten. Die Welt würde dann die von Bundeskanzler Helmut Kohl versprochenen „blühenden Landschaften“ sehen.

Es bildete sich eine Berliner Olympia Bewerbungs GmbH, und sie warf die Marketingmaschine an. Sportstars aus Ost und West proklamierten „Berlin 2000 – ich bin dafür“, es wurden gelbe T-Shirts mit einem lachenden Gesicht unters Volk gebracht. Der ukrainische Stabhochsprung-Weltrekordller Sergej Bubka zug nach Berlin und wurde Olympia-Botschafter. Sogar Günther Jauch, der aufstrebende Showmaster, war von der Olympia-Idee ganz hingerissen. Er zählte zur Delegation um den Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen, die zum Kongress des Internationalen Olympischen Comitees nach Monte Carlo reiste – und sich dort die Schlappe abholte: Sydney gewann in der Stichwahl gegen Peking, Berlin war hinter Manchester mit kärglichen neun von 89 möglichen Stimmen Vierter geworden.

Marc Hodler, hoher Ski-Funktionär und Mitglied des IOC, erläuterte ein paar Wochen später in München den Grund für das Berliner Scheitern: „Wir vom IOC wollen, bevor wir uns setzen, nicht erst unterm Stuhl nachsehen, ob da ein Sprengsatz liegt.“ In Berlin hatte sich flugs eine NOlympia-Bewegung gegründet, Bündnis 90/Die Grünen waren vorne mit dabei, und einige der Berliner, die den Kommerzrummel im Zeichen der Ringe nicht in ihrer sich gerade ordnenden Stadt haben wollten, gingen auch militant gegen das Projekt 2000 vor. Da wurde schon mal eine offizielle Fahne verbrannt und Merchandise-Artikel beschädigt. Oder – wenigstens gewaltfrei – wurde das Motto abgewandelt: „Olympia 3000.“

Die deutsche Einheit fiel in eine Zeit, in der sich die Einstellung zu den großen Sportfesten änderte. Die Menschen fragten nach Hintergründen, nach Kosten, es war der Beginn der Nachhaltigkeits-Diskussion. Die deutsche Realität seitdem sind gescheiterte Olympia-Projekte.

Berlin war fürs erste verbrannt. Das Nationale Olympische Komitee (NOK), das es damals noch neben dem Deutschen Sport-Bund gab (später fusionierten sie zum DOSB), rief im April 2003 zu einem nationalen Casting ein. Es traten an: Hamburg, Düsseldorf, das Rhein-Main-Gebiet, Stuttgart und Leipzig. Es gewann: Leipzig. Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee spielte auf dem Cello die Nationalhymne. Das saß.

Leipzig also – und alle, die gescheitert waren, sollten hinter diesem Bewerber stehen, der für die Sommerspiele 2012 ins Rennen ging gegen: Paris, Madrid, London, New York (mit seinen Wunden von Nine-Eleven), Rio de Janeiro, Istanbul und Havanna. Da lag die Ahnung nahe: Im Reigen der Weltstädte würde das beschauliche Leipzig untergehen.

Die Probleme waren aber hausgemacht. Geschäftsführer Thärichen holten Stasi-Vorwürfe ein, außerdem liefen Provisionsgeschäfte über ihn. Schließlich sollten zwei Westler die Bewerbung noch retten: Thomas Middelhoff, damals noch der strahlende Bertelsmann-Manager (später landete er im Knast, heute schreibt er Bücher, in denen er seine Reue kundtut), und Bernd Rauch, der Vizepräsident des FC Bayern (derjenige, der Uli Hoeneß das Basketball-Engagement schmackhaft gemacht hatte). Rauch war eigentlich Architekt und hatte Erfahrung mit Großprojekten. Doch Leipzig war verloren – und flog nach einem mäßigen Bericht der IOC-Evaluierungskommission schon 2004 von der Bewerberliste.

Sollte sich Deutschland doch eher für Winterspiele bewerben? Berchtesgaden war mit einem Anlauf für 1992 gescheitert (1985 schon, an die Wiedervereinigung kein Gedanke), München ging mit Garmisch-Partenkirchen und Königssee 2018 ins Rennen – und war chancenlos gegen Pyeongchang. Eine Kandidatur für 2022 (mit Ruhpolding und Inzell als weiteren Trabanten) verhinderten die Bürger bei einer Befragung. NOlympia hatte auch in Bayern gesiegt. Ähnlich erging es Hamburgs Ambitionen für Sommer 2024. Die Einwohner befürchteten Gentrifizierung ganzer Stadtteile, Verteuerung des Lebens. Daher die Ablehnung.

Dabei erwies sich deutschland als guter Ausrichter von Sportveranstaltungen. Die Organisation klappte, die Zuschauer kamen, um Party zu feiern. Die Leichtathletik-WM 1993 in Stuttgart – ein Riesenerfolg. Die Fußball-WM 2006 – man sagt, sie schuf ein neues Deutschland-Bild, sei mehr wert gewesen als jede Werbekampagne. Die Handball-WM 2007 – das nächste Märchen. Die European Games in Berlin, das auch eine WM (2009) in der Leichtathletik zu Gast gehabt hatte – von allen gefeiert. Eishockey-Weltmeisterschaften gab es seit dem Mauerfall 1993, 2001, 2010 und 2017, und beim Biathlon-Weltcup in Oberhof und Ruhpolding ist jedes Jahr High Life.

Nur Olympia kommt nicht in die Gänge. Der nächste Anlauf – Rhein-Ruhr 2032 – müsste sitzen. Denn Konsens ist: Für 2036, zum Hundertjährigen der von den Nationalsozialisten zur Propaganda missbrauchten Spiele von Garmisch-Partenkirchen und Berlin, soll es keine deutsche Bewerbung geben.

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