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Kundschafter des Friedens“ – so sieht sich Ex-Agent Dieter Feuerstein (klein im Bild) noch heute. Ausriss aus der marxistischen Zeitung „Position“.

Freistaat war interessant für DDR-Regime

Die Stasi in Bayern: Wie Agenten aus dem Freistaat Ost-Berlin mit Informationen fütterten

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Die Kontaktaufnahme geschieht fast konspirativ: Eine E-Mail an den Münchner Stadtverband der Deutschen Kommunistischen Partei – und einige Tage später meldet sich Feuerstein am Handy tatsächlich.

München– Dieter Feuerstein, der ehemalige Stasi-Agent, der in den 1980er-Jahren als IM „Petermann“ den Rüstungskonzern MBB in Ottobrunn ausspioniert hat. Aus seiner Stasi-Vergangenheit macht Feuerstein kein Geheimnis. Kein Wunder, er saß nach der Wende ab 1990 vier Jahre in Haft – als einer von ganz wenigen Stasi-Spitzeln in Bayern ist er wegen „schweren Landesverrats“ verurteilt worden.

Doch als Spitzel sieht sich Feuerstein, der heute in einem Dorf südlich von Berlin lebt, gar nicht. Der heute 64-Jährige war „Kundschafter des Friedens“, so nennt er es auch 30 Jahre nach dem Mauerfall. Ein Gespräch mit der bürgerlichen Presse sagt er freundlich, aber bestimmt ab. Interviews gibt er nur einschlägigen Blättern, etwa der Zeitung der „Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend“, der man nicht Unrecht tut, wenn man sie als orthodox marxistisch ansieht. Dort lässt sich der einstige Stasi-Agent mit der Aussage zitieren, er sei damals von der Sache „zutiefst überzeugt“ gewesen. Er habe mehr bewirken wollen „als das Tragen der roten Fahne am 1. Mai“.

Einzelne Stasi-Zuträger wurden durch Prozesse bekannt

Die Stasi in Bayern – das ist ein schwieriges Kapitel. Wohl sind einzelne Zuträger des Ministeriums für Staatssicherheit durch Prozesse bekannt geworden – etwa Manfred Rotsch, ebenfalls ein MBB-Ingenieur, der 1986 verurteilt wurde; oder Eckhard Schlobohm, der Siemens ausspionierte und 1995 verurteilt wurde. Die Masse der Stasi-Zuträger in Bayern ist jedoch nie enttarnt worden und über ihre Motivation weiß man auch wenig, sagt der Historiker Gerhard Neumeier. Der Leiter des Stadtarchivs in Fürstenfeldbruck war früher Mitarbeiter bei der Stasi-Unterlagen-Behörde in Berlin und hat einen der wenigen Aufsätze zum Thema verfasst. Zwischen 1950 und 1989 spionierten insgesamt 1500 bis 1600 Personen in Bayern für die DDR, schreibt Neumeier. Georg Herbstritt, ein weiterer Forscher bei der Stasi-Unterlagen-Behörde, geht von etwa 400 aktiven IM’s in Bayern im Jahr 1989 aus waren – „vom Top-Agenten bis zum blutigen Anfänger“. „Bayern war ein Schwerpunkt des MfS“, sagt Herbstritt, der sich fast selbst ein wenig wundert, dass dies wenig bekannt ist.

Bayern war ein Standort der Rüstungsindustrie – was lag für die DDR näher, als sich hier einzunisten? Allein in den verschiedenen Siemens-Unternehmen führte der sogenannte Stasi-Sektor Wissenschaft und Technik 1989 zehn wichtige Objektquellen. Noch wichtiger war MBB – „das bayerische Unternehmen wurde für den unstillbaren Durst des MfS und des KGB nach streng geheimen Informationen über Raketentechnik und Rüstungstechnologie zu einer sprudelnden Quelle“, schreibt Neumeier. Dieter Feuerstein und andere lieferten. Vollständige Blaupausen des Panzers Leopard 2 und des Kampfjets Tornado wanderten so in die DDR.

Doch es gab auch andere Quellen – die DDR schöpfte ab, was ihr in die Finger kam, Wichtiges und nicht so Wichtiges. Einen plastischen Eindruck vermitteln Dokumente, die die heute von Roland Jahn geführte Stasi-Unterlagen-Behörde veröffentlicht hat. 1960 zum Beispiel berichtete ein nie enttarnter Informant, der „Geheime Informator“ (GI) „Gerd Löffler“, über Aufbau und Mitarbeiter der Polizeidirektion Augsburg. Er berichtete an die Stasi-Behörde in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) beispielsweise über den Leiter der Personalabteilung („gilt als eingefleischter CSU-Mann“) und über einzelne Kriminalpolizisten. Einer wurde als „moralisch einwandfrei“ bezeichnete, ein anderer anscheinend sogar observiert („steigt fast täglich gegen 07.00 Uhr ... in die Straßenbahn“).

Auch Audi war eines der Ausforschungsobjekte

Was die Stasi mit solchen Informationen anfangen konnte, ist unklar. Wahrscheinlich wird hier vor allem die Datensammelwut einer außer Kontrolle geratenen Mammut-Überwachungszentrale illustriert. Wie auch im folgenden Fall aus Ingolstadt, wo ein Bankkaufmann als IM „Wolf“ von 1980 bis 1989 für die Stasi spitzelte. Er gab Listen von Schuldnern, Konkursen und Vergleichen weiter an die für Südbayern zuständige Bezirksverwaltung Gera – möglicherweise Erpressungsmaterial. „Die finanzielle Lage von Personen und Wirtschaftsunternehmen konnten für das MfS wichtig sein, denn so ließen sich eventuell weitere Zuträger anwerben“, schreibt die Stasi-Unterlagen-Behörde zu dem Fall. Noch 1989, kurz vor dem Mauerfall, suchte die Stasi nach einer neuen Verwendungsmöglichkeit für den inzwischen in Rente gegangenen IM „Wolf“ – was daraus wurde, ist unbekannt. Enttarnt wurde der IM, der sogar seinen Sohn anwarb, nie. Auch Audi und die Erdölpipeline „Central European Line“ waren Ausforschungsobjekte – bei letzterer waren 1973 ein IM „Jupp“ und seine Frau IM „Luise“ beschäftigt.

Eher seltener beschatteten IM’s die politischen Parteien in Bayern. Der ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete Friedrich Cremer (1920-2010) war IM „Bäcker“ und traf sogar Stasi-Chef Markus Wolf, ehe er 1980 enttarnt und verurteilt wurde. Ein anderer Fall ist bis heute nicht ganz aufgeklärt: Der ehemalige CSU-Fraktionsgeschäftsführer im Bundestags, Leo Wagner soll 1972 von der Stasi 50 000 Mark erhalten haben– Bestechungsgeld, damit er beim konstruktiven Misstrauensvotum für Willy Brandt und gegen den CDU-Kandidaten Rainer Barzel stimmte.

Geld war für Dieter Feuerstein indes nicht ausschlaggebend. Er sah sich als Überzeugungstäter. Schon sein Vater war Agent der Stasi, er warb den Sohn an. „Dieter, wir müssen den Gegner zum Frieden zwingen“, das habe ihm sein Führungsoffizier in der Hauptverwaltung Aufklärung oft gesagt. Feuerstein hielt sich dran. Er hat den Leninorden, die höchste Auszeichnung der Sowjetunion, erhalten. Seine Spionage, schreibt er, erfülle ihn „bis heute mit Stolz“.

Der Mauerfall jährt sich 2019 zum 30. Mal. Durch Mödlareuth (48 Einwohner) lief bis zur Wiedervereingung die innerdeutsche Grenze - jetzt hat sich hoher Besuch angekündigt.

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