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Deniz Yücel.

Strom kostet, aber der Frisör ist gratis

300 Tage türkische Haft: Deniz Yücel schreibt, wie es wirklich ist

Seit zehn Monaten sitzt der „Welt“-Journalist Deniz Yücel in einem Gefängnis in der Türkei. In einem emotionalen Brief erklärt er seine Situation, wie er lebt und die kleinen Freuden.

Seit zehn Monaten – an diesem Sonntag (10. Dezember) sind es exakt 300 Tage – sitzt Deniz Yücel in einem Hochsicherheitsknast im türkischen Silivri fest. Die meiste Zeit musste er allein in seiner Zelle verbringen – auf 4,18 mal 3,10 Metern. Immerhin sitzt er seit wenigen Tagen nicht mehr in Isolationshaft. Die Türkei wirft ihm Terrorpropaganda und Volksverhetzung vor.

„Noch immer hat sich Staatsanwaltschaft zu keiner Anklageschrift bequemt“

In einem langen Brief, den die „Welt“ veröffentlichte, bedankt er sich für die vielen Zuschriften und gibt Einblicke in sein Seelenleben und die Haftbedingungen. Seit dem 27. Februar 2017 sitzt Yücel in Untersuchungshaft. Er schreibt: „Allzu viel passiert ist in dieser Zeit nicht. Noch immer hat sich die Staatsanwaltschaft zu keiner Anklageschrift bequemt. Genauer: Noch immer hat man ihr keine entsprechende Anweisung erteilt.“

Die gelockerten Haftbedingungen verbucht er als Erfolg seiner Frau Dilek. Die habe gekämpft wie eine Löwin: „Wie über meinen vorherigen Hof ist auch über diesen ein Drahtzaun gespannt. Doch mit 4,40 Meter Breite und 13 Meter Länge ist er dreimal so lang wie mein alter Hof, in dem ich stets allein durch den Zaun in den Himmel geblickt habe.“ 

Darum freut sich Yücel über bunte Wäscheklammern

An ihn adressierte Briefe werden offenbar nicht weggeworfen, sondern irgendwo gelagert. Allerdings sei es mit seinen eigenen Briefen schwieriger: „Die gehen nämlich gar nicht raus, sofern sie nicht an Dilek adressiert sind“, schreibt er. Daher veröffentlichte die „Welt“ auch Antworten Yücels auf Briefe anteilnehmender Menschen, die ihn erreichten.

Das Ende der Isolationshaft erleichtere ihn natürlich. Nun könne er sich mit einem Journalisten-Kollegen tagsüber austauschen. Dennoch: „Grauer Betonboden, hellgelb verputzte Mauern, an deren Spitzen Stacheldraht und über den gesamten Hof ein Drahtzaun“, beschreibt er das Gefängnis. 

Yücel musste sich lange an bunten Wäscheklammern erfreuen, weil sie als so ziemlich einziges Farbe in sein Leben brachten. Seit einiger Zeit trocknet er Chillischoten an den Gitterstäben des Hoffensters. Er wundert sich selbst: „Sonst ist so ziemlich alles verboten, mit dem man das hier etwas aufhübschen könnte. Zum Beispiel Pflanzen und Blumenerde.“

Ausgerechnet der Knast-Kanal zeigt unzensierte Filme

Im Gefängnisladen bestelle er dennoch regelmäßig Grünzeug: „Diese Pflanzen tue ich in abgeschnittene Colaflaschen, meine Ersatzvasen. Solange es nicht zu viele Sträuße auf einmal sind, sagen die Aufseher dazu nichts.“ Die Wände müssen offenbar „clean“ bleiben. Fotos oder Zeitungsschnipsel seien verboten, lediglich ein von der Religionsbehörde herausgegebener Kalender, von dem man die einzelnen Kalenderblätter abreißen kann, ist demnach als „Wandschmuck“ erlaubt.

Die Zeit vertreibe er sich auch mal mit Fernsehen: „In meinen ersten Monaten hier habe ich auf einen Fernseher verzichtet. Im Sommer habe ich mir dann einen gekauft“, schreibt Yücel. Am liebsten sehe er Naturfilme. Spielfilme machen offenbar keinen Spaß, weil das türkische Fernsehen viel zensiere. Unzensierte Filme könne man jedoch ausgerechnet über den „Knast-Kanal“ empfangen.

„Wir sind ja nicht in einer lustigen Netflix-Serie“

Den Strom müsse Yücel selbst bezahlen. Der Frisör sei dagegen umsonst, schreibt er. „Bei dem Frisör handelt es sich übrigens nicht um einen Häftling, wir sind ja nicht in einer lustigen Netflix-Serie, sondern um einen Vollzugsbeamten. Aber einen, der sein Handwerk beherrscht.“

Einer Schreiberin gesteht Yücel offen sein Innenleben. Natürlich werde ihm „kostbare Lebenszeit“ gestohlen. Aber: „Es ist nicht so, dass im Gefängnis das Leben einfach aufhören würde. Du lebst weiter. Du denkst, du fühlst, manchmal bist du glücklich, zum Beispiel, weil du einen Brief mit ein paar netten Worten erhältst, du lachst manchmal sogar.“

Manchmal geht es nicht anders, dann muss man weinen

Traurig sein verbiete sich dagegen: „Weinen darfst du erst recht nicht. Nur geht es manchmal nicht anders. Zum Beispiel, wenn die Stunde verstrichen ist, die du pro Woche mit deiner Liebsten oder deinem Liebsten verbringen darfst. Berühren könnt ihr euch hinter der Trennscheibe sowieso nicht, nach einer Stunde schaltet sich auch die Sprechanlage automatisch ab.“

Eines ist Yücel aber weiterhin gewiss: Die Unterstützung vieler Menschen. Mehr als 200 Prominente haben erst an diesem Wochenende Freiheit und einen fairen Prozess für ihn gefordert.

mke

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