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Partei“freunde“: Helmut Kohl (li.) und Franz Josef Strauß.

Streit zwischen CDU und CSU

40 Jahre Kreuther Trennungsbeschluss: Aufstand gegen die Pygmäen

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München - Streit zwischen CDU und CSU ist so normal wie Salz im Meer. Doch vor 40 Jahren eskalierte der Konflikt kurzzeitig – es kam zum legendären Kreuther Trennungsbeschluss. 23 Tage wagte Franz Josef Strauß den ganz großen Krach – ehe er dann klein beigab.

München Der Paukenschlag kam „aus heiterem Himmel und auch für weite Kreise der CSU überraschend“, wie der „Münchner Merkur“ berichtete. Am 19. November 1976 entschied die Bonner Landesgruppe der CSU auf ihrer Klausurtagung mit 30:18 Stimmen, die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU im Bundestag zu lösen. Zwölf Stunden lang hätten die Abgeordneten diskutiert, berichtete der CSU-Landesgruppenchef Fritz Zimmermann, der neben Strauß die treibende Kraft gewesen war. Wenn CSU und CDU getrennte Fraktionen bildeten, dann hätten sie doch mehr Redezeit im Bundestag und erhielten auch mehr finanzielle Mittel. So argumentierte Zimmermann. Dem Affront folgte der Stilbruch auf dem Fuße: Der Hauptbetroffene CDU-Chef Helmut Kohl erfuhr den Beschluss inoffiziell wohl durch Max Streibl, offiziell durch Agenturmeldungen – Zimmermann hatte ihn telefonisch nicht erreicht.

Ohnehin war seine offiziöse Erklärung wahrlich nicht der Hauptgrund für den legendären Trennungsbeschluss. Vielmehr suchten Strauß und Zimmermann in den Wochen nach der Bundestagswahl vom 3. Oktober 1976 fast verzweifelt nach einer Machtoption. Bei der Wahl hatten CDU/CSU 48,6 Prozent geholt – und blieben doch in der Opposition, da SPD (42,6 Prozent) und FDP (7,9 Prozent) miteinander koalierten. „Mein Vater glaubte, dass die FDP, damals unter Baum und Hirsch klar linksliberal, in einer Schicksalsgemeinschaft mit der SPD verwoben sei“, sagt Franz Georg Strauß, der damals als 15-Jähriger die turbulenten Wochen miterlebte. Dass sie sechs Jahre später doch noch im Bund mit der Union koalieren würde, ahnte damals niemand. Aus diesem Grund trieb Strauß die bundesweite Ausdehnung der CSU voran. Das Kalkül war, dass die CDU ihr konservatives Wählerpotenzial in Norddeutschland nicht ausschöpfe und hier eine Nische für die CSU bestehe – ein Reservoir, auf das heute wohl die AfD abzielt. Schon das zeigt, dass die Wiederholung eines Trennungsbeschlusses nicht ernsthaft erwogen werden kann.

Die Widerstände waren auch in jenen November-Tagen von Anfang an groß. „In der CSU erhob sich ein Proteststurm gegen die Trennung“, schreibt der Strauß-Biograf Horst Möller. Die Basis moserte und verlangte einen offiziellen Parteitagsbeschluss (der nie kam). Vor allem in Schwaben und Franken war die Befürchtung groß, dass Kohl seinerseits die CDU nach Bayern ausdehnen und dann nennenswerte Teile der CSU-Mitglieder überwechseln würden.

Strauß grollte über diesen vermeintlichen Unverstand. Die stärksten Sprüche fielen fünf Tage nach dem Trennungsbeschluss. Am 24. November hielt Strauß im Schulungsraum der Wienerwaldzentrale in der Elsenheimerstraße in München-Laim vor JU-Funktionären eine Philippika, die als „Wienerwald-Rede“ in die Geschichte eingegangen ist. Sein Vater, erinnert sich Franz Georg Strauß, der damals mit am Tisch saß, ärgerte sich, dass auch junge CSU-Mitglieder gegen die Trennung meuterten. „Da holt’s doch Ihr Eure Genies raus aus der Versenkung“, herrschte er die Jungpolitiker – damals übrigens geführt von Otto Wiesheu – an. Er sei „nicht größenwahnsinnig, aber ich möchte auch mal erleben, dass jemand außer mir, einer von Ihnen hier, mehr als 2000 Leute mobilisieren kann“. In Wahrheit bekämen sie doch kaum das Hinterzimmer einer Dorfwirtschaft zur Hälfte voll. Dann widmete sich Strauß dem Konflikt mit Helmut Kohl: Der werde „nie Kanzler werden“, lästerte Strauß. „Er ist total unfähig, ihm fehlen die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen. Ihm fehlt alles dafür“ – wie auch im übrigen den „politischen Pygmäen der CDU“ insgesamt.

Auch Wohlwollende haben diesen Wutausbruch nie ganz erklären können. Es gehöre „zu den schwer lösbaren Rätseln, warum der überragend gebildete Strauß, der weitblickende rationale Stratege und scharfsinnige Analytiker so aus der Rolle fiel“, urteilt der Strauß-Biograf Möller. Ohnehin war die Rede nicht für die Öffentlichkeit bestimmt – doch ein (laut Franz Georg Strauß später enttarnter) Münchner JU-Funktionär ließ ein Tonband laufen, fünf Tage später stand der Wortlaut vier Seiten lang im „Spiegel“.

Kohl muss getobt haben – doch er ließ sich nichts anmerken. Als aber am 1. Dezember 1976 die Spitzen beider Parteien zu einer Verhandlungskommission zusammentraten, legte der CDU-Vorsitzende die „Spiegel“-Ausgabe demonstrativ vor sich auf den Tisch. Das reichte aus, um die Verhandlungsposition von Strauß zu schwächen. Nach harten Verhandlungen wurde am 12. Dezember der Trennungsbeschluss zwar nicht formell zurückgenommen, wohl aber gesichtswahrend für beide Seiten durch eine neue Vereinbarung ersetzt. Diese beinhaltete Detailverbesserungen für die CSU wie eine Stärkung ihrer Position in der Fraktionsführung und eine Besserstellung der Hanns-Seidel-Stiftung – im Nachhinein betrachtet kaum der Rede wert. Der ganz große Aufstand war in sich zusammengebrochen Dabei hatte Strauß im „Wienerwald“ noch getönt, ein „Gang nach Canossa“ komme nicht infrage. „Dafür müsst Ihr Euch eine Memme, einen Feigling suchen. Mit mir gibt es so was nicht.“

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