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Verdi schlägt Alarm

45 Jahre gearbeitet - trotzdem droht jedem Zweiten Rente auf Hartz-IV-Niveau

Jeder zweite Deutsche verdient weniger als 2500 Euro brutto im Monat. Jetzt schlägt die Gewerkschaft Verdi Alarm. Lesen Sie, was sich Deutschland laut Verdi vom Nachbarn Österreich abschauen sollte.  

München - Verdi sagt: Wenn die Regierung an ihren Plänen festhält, bis zum Jahr 2030 das Rentenniveau auf 43 Prozent abzusenken, dann droht „weiten Teilen“ dieser Arbeitnehmer eine Mini-Rente in Höhe des Grundsicherungsniveaus (795 Euro) – selbst wenn sie 45 Jahre lang in die Rente einzahlen. Mit weniger Beitragsjahren – das betreffe vor allem die Frauen – sei das Hartz-IV-Niveau praktisch nicht zu vermeiden. Die Gewerkschaft startete am Freitag die Aktions­woche „Gute Löhne – gute Rente“, mit der sie die Politik drängen will, das Rentenniveau auf dem derzeitigen Niveau von rund 48 zu halten und es schrittweise auf 50 Prozent anzuheben. 

Wenn immer mehr Beschäftigte ein Leben lang in die Rentenversicherung einzahlten und dann im Alter mehr oder weniger nur die Grundsicherung bekämen wie diejenigen, die nie eingezahlt hätten, widerspreche das massiv dem Gerechtigkeitsgefühl der Menschen, sagte Verdi-Chef Frank Bsirske. Das Beispiel Österreich zeige, dass ein Kurswechsel möglich sei. Statt die Bevölkerung „zum Riestern“ aufzufordern, habe man dort die gesetzliche Rente ausgebaut. Heute sei die Rente in Österreich im Schnitt 500 Euro höher als in Deutschland. 

Frank Bsirske, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Verdi.

Bisirske griff vor allem die Union an, die an einem „Weiter so“ in der Rentenpolitik festhalte. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz will das Rentenniveau bei 48 Prozent stabilisieren. In der tz rechnen zwei Arbeitnehmer vor, mit wie wenig Rente sie im Ruhestand auskommen werden müssen.

Zwei Beispiele:

Marina Gabel (59) aus Berlin arbeitete 17 Jahre als Erzieherin und seit 13 Jahren als Dozentin für Arbeits- und Sozialrecht.

Erwartete Rente: 701,30 Euro gesetzliche Rente + rund 100 Euro aus einer privaten Rentenversicherung

. Rentenmindernd: Unterbrechung der Erwerbstätigkeit, um jemanden zu pflegen, Soloselbstständigkeit.

„Sobald ich in Rente gehe, erwartet mich ein gnadenloser Papierkrieg. Denn nach derzeitigem Stand reicht meine gesetzliche Rente vorne und hinten nicht: 701,30 Euro stehen mir laut Rentenbescheid zu. Und auch die 20 Jahre, in denen ich jeden Monat 50 Euro in einer privaten Rentenversicherung gespart habe, werden mich nicht davor bewahren, meine Vermögensverhältnisse offenlegen zu müssen. Etwa 100 Euro kann ich monatlich aus der Zusatzversicherung erwarten und werde doch staatliche Unterstützung beantragen müssen. Ich finde das ehrlich gesagt entsetzlich, aber solange ich mich darüber aufregen kann, geht es mir ja noch gut. Sorgen mache ich mir vor allem um die Zeit, wenn ich es geistig und gesundheitlich nicht mehr schaffe. Mit 65 Jahren in Rente zu gehen, kann ich mir daher natürlich nicht leisten. Ich werde meine Arbeitskraft anbieten, so lange es geht.“

Hans-Peter Kilian (64) aus Augsburg

 arbeitete als Krankenpfleger, war 15 Jahre bei der Bundeswehr, danach im Bewachungsgewerbe. Ausgebildete Fachkraft für Arbeits­sicherheit, zurzeit Schwerbehindertenvertreter.

Erwartete gesetzliche Rente 1077,72 Euro; Rentenmindernd: zeitweise Teilzeitarbeit.

„Ich gehe im Oktober dieses Jahres in Rente. 1077,72 Euro brutto werde ich im Monat bekommen. Das ist meine gesetzliche Rente, private Vorsorge war nicht möglich, dafür hat mein Einkommen nicht gereicht. Eine so niedrige Rente heißt für mich, ich komme zurecht, aber ich muss genau rechnen. Meine kleine Wohnung in Augsburg ist zum Glück sehr günstig, sie kostet knapp 400 Euro warm. Die kann ich weiterhin bezahlen. Eine noch kleinere würde ich wohl auch kaum finden. Ein Auto kann ich mir nicht leisten, ich fahre Fahrrad und mit den Öffentlichen. Es ist klar: Große Hüpfer werde ich als Rentner nicht machen können. Dabei will ich auch mal ins Kino und ins Theater gehen. Mit zu wenig Rente sinkt die Lebensqualität drastisch. Viele Menschen werden dann einsam. Wenn in Deutschland nicht ganz schnell das Rentensystem geändert wird und wir es so machen wie in Österreich – mit einer Rente von durchschnittlich 1800 Euro 14-mal im Jahr –, wird es für viele Menschen sehr schwer, im Alter zurechtzukommen.“

Lesen Sie auch diese zwei Berichte: 

Alternative Geldanlagen: Die Ente für die Rente?

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tz/Video: Glomex

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