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„Wenn Sie ä vom ä Hauptbahnhof“: der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber mit einem Transrapid-Modell im September 2007.

Gedanken in Echtzeit in Worte fassen

Äh oder: Die Kunst der Rede

München - Geborene Redner? Gibt es nicht. Wer ohne Ähs, Flickwörter und Wiederholungen auskommen will, muss lange üben. Denn das freie, flüssige Sprechen ist eine Kunst: Man muss Gedanken praktisch in Echtzeit in Worte fassen. Und das geht ziemlich oft schief.

Der Experte irrte: Bei einem Prominentenquiz im Fernsehen gab der frühere „Mister Sportschau“ Waldemar Hartmann („Waldi“) auf die Frage, welche Fußballnation nie im eigenen Land Weltmeister wurde, telefonisch die Auskunft: „Da gibt’s ja, da gibt’s ja nur eins: Deutschland hat natürlich im eigenen Land keine WM gewonnen. Wir haben ja einen dritten Platz [bei der Weltmeisterschaft] 2006 gefeiert, und das war die einzige, die wir gespielt haben.“ Waldi hatte „vergessen“, dass auch 1974 in Deutschland eine Fußball-WM stattfand, und die deutsche Elf damals den Titel gewann. Moderator Günther Jauch kommentierte Waldis Fehler laut Presseberichten mit den Worten:

„Ich find’s menschlich, ich find’s okay. Und bei solchen Sendungen ist es einfach so. Das darf man nicht auf die Goldwaage legen.“

Vermutlich wollte Jauch sich so ausdrücken, tatsächlich formulierte er den zweiten und dritten Satz weniger flüssig:

„Und das is das is bei solchen Sendungen äh ist es einfach so. Daa das darf man nicht auf die Goldwaage legen.“

In der schriftlichen Fassung sind die markierten Stellen des gesprochenen Originaltextes getilgt. Warum? Nun, es sind Füllsel ohne sachlichen Informationswert, die lediglich anzeigen, wie Jauch die richtige Formulierung sucht: Nach dem einleitenden das is weiß er noch nicht, was er sagen will, wiederholt es deshalb und nimmt mit bei solchen Sendungen einen neuen Anlauf. Dann stockt er, gewinnt mit einem Äh Überlegungszeit und bringt den Satz zu Ende. Auch der nächste Satz beginnt mit einem Fehlstart: Daa. Der Neustart klappt und führt ohne Stocken zu einer vollständigen Äußerung.

Flüssiges freies Sprechen ist nicht selbstverständlich. Wer das kann, von dem sagt man anerkennend, er spreche „druckreif“. Für das Schreiben gibt es dieses Lob nicht. Man erwartet, dass in einem schriftsprachlichen Text keine Ähs, Wiederholungen oder Satzabbrüche vorkommen. Der Verfasser kann ja seinen Text beliebig oft überarbeiten, bis die richtige Fassung „steht“ und an die Leser abgeht.

Beim Sprechen gibt es keine Bedenk- und Bearbeitungszeit. Wer spricht, muss in Echtzeit seine Gedanken in Worte fassen (formulieren) und sofort, mit einer Geschwindigkeit von zwei bis drei Wörtern pro Sekunde, aussprechen (artikulieren). Jede Korrektur, jeder Versprecher ist hörbar, und zum Überlegen bleiben nur kurze Atempausen. Unter diesem Zeitdruck kommt die Formulierung leicht ins Stocken, der Sprecher versucht deshalb, Zeit zu gewinnen.

Aber wie? Einfach eine kurze Überlegungspause machen, geht nicht: Der Hörer würde ja meinen, der Redebeitrag sei zu Ende. Also füllt man die Pause mit einem „Äh“ oder mehreren: „Äh, äh, äh“. Auch durch Lautdehnung lässt sich Zeit gewinnen: „Äääh, daas, soo“. Eleganter wirken Flickwörter oder stereotype Formeln, die man in den Satz einbaut: natürlich, letztendlich, im Grunde genommen, sag ich mal, eigentlich, sozusagen u.ä. Das häufigste Mittel, die stockende Formulierung wieder in Gang zu bringen, ist die unmittelbare Wiederholung von Wörtern oder Wortgruppen, z. B. Waldis „Da gibt’s ja, da gibt’s ja nur eins“.

In der Sprachwissenschaft bezeichnet man die sprachlichen Mittel, mit denen der Sprecher Zeit „schindet“, als „Überbrückungs-“ oder „Hesitationsphänomene“. Sie machen einen erheblichen Teil der Sprechzeit aus und werden vom Hörer normalerweise überhört, erleichtern ihm aber das Verständnis, weil er sich weniger konzentrieren muss als bei einem druckreifen Text. Werden die Hesitationen allerdings zu stark, schaltet der Hörer oft ab.

Lesen und Schreiben sind Fertigkeiten, die auch ein Muttersprachler eigens lernen muss. Das Sprechen, heißt es, kann er sowieso. Das stimmt für Alltagsgespräche, aber nicht für öffentliches Reden. Kein Muttersprachler ist ein geborener Redner. Die Kunst der Rede erwirbt man nicht mit der Sprache, sondern durch Unterricht und Üben. Im alten Griechenland und Rom gehörte die Redekunst (Rhetorik) zur Allgemeinbildung, heute wird sie auf der Schule nicht mehr gepflegt. Wer richtiges Reden lernen will, muss private Rednerschulen besuchen – allein in München gibt es Dutzende solcher Institute für Rhetorik und Kommunikationstraining.

Die klassische Rede ist hesitationsfrei. Im Rhetorikunterricht wird deshalb den Teilnehmern als Erstes das Äh abgewöhnt. Aber was kommt an seine Stelle? Kommunikationstrainer empfehlen ein einfaches und bequemes Mittel: die Kunstpause, ein kurzes Innehalten des Redeflusses, um die Spannung der Zuhörer zu steigern. Günther Jauch hätte also statt „Und das is das is bei solchen Sendungen äh ist es einfach so“ ganz ohne Hektik sagen können:

„Und [Pause] bei solchen Sendungen [Pause] ist es einfach so.“

Das Reden durch Pausen zu gliedern, also zu entschleunigen, fällt heute allerdings schwer. Wir sind durch die neuen Kommunikationstechniken auf Dauerkommunikation eingestellt, jederzeit erreichbar, und das Äh ist zu einer Art Signalton geworden, der bedeutet: Ich bin auf Sendung. So erklärte der Berliner Regierungs-Chef Klaus Wowereit nach seiner Wiederwahl zum Aufsichtsratsvorsitzenden des Hauptstadtflughafens am 13. Dezember:

„Ich bin mir bewusst, dass das äh sicherlich äh nich auf allen Seiten eine breite Zustimmung findet äh. Ich möchte das auch erläutern. Es ist nicht so, dass äh für die Funktion des Aufsichtsratsvorsitzenden es äh viele Vorschläge und Überlegungen gegeben hat.

Fünf Ähs in drei Sätzen, das ist heute durchaus medienüblich, und Fernsehmoderatoren schaffen noch höhere Äh-Quoten. Die mediale Äh-Klasse beherrscht die Szene. Allerdings hat bei Debatten das Äh auch eine Abwehrfunktion: Wer eine „schöne“ rhetorische Kunstpause macht, riskiert, dass ein Diskutant ihn unterbricht und das Wort an sich reißt.

Als Großmeister der sprachlichen Hesitation gilt der frühere bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber. Einige seiner Reden haben im Internet Kultstatus erlangt, vor allem die „Transrapid-Rede“ zur seinerzeit geplanten Magnetschwebebahn zwischen Flughafen und Hauptbahnhof München. Stoiber hielt diese Rede am 21. Februar 2002 auf dem Neujahrsempfang der Münchner CSU vor einem größeren Publikum. Den Zuhörern und auch den Medien fiel damals sprachlich nichts auf. Knapp vier Jahre später, im Januar 2006, stellte ein Journalist einen 1:14 Minuten langen Redemitschnitt im O-Ton und in schriftlicher Wiedergabe ins Internet und löste ein gewaltiges Echo aus. Weshalb?

Stoiber hatte frei gesprochen, und eine freie Rede wirkt – im Unterschied zur Manuskriptrede – in wortwörtlicher Niederschrift auf den Leser immer befremdlich, weil der Text nicht den üblichen schriftsprachlichen Normen entspricht. Deshalb sind sogenannte „Wortprotokolle“, zum Beispiel der Sitzungen des Bayerischen Landtags, stilistisch immer geglättet, typisch sprechsprachliche Merkmale werden einfach getilgt. Hinzu kommt, dass in der schriftlichen Fassung das Wie der mündlichen Rede (Sprechtempo, Pausen- und Stimmgebung, Gestik) gar nicht zum Ausdruck kommt und durch die Interpunktion – niemand spricht mit Punkt und Komma, der Redefluss wird nur durch Pausen gegliedert – der Text eine künstliche Gestalt erhält. Es ist deshalb nicht ganz fair, eine mündliche Rede mit der schriftsprachlichen Elle zu messen.

Typisch für den Volks- und Bierzeltredner Stoiber ist die hesitationsreiche Formulierung, positiv ausgedrückt: „Die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ – so der Titel eines 1806 veröffentlichten Essays des Schriftstellers Heinrich von Kleist, der darin beschreibt, wie ihm dadurch, dass er mit seiner Schwester einfach über ein schwieriges Problem redet, schließlich der richtige Gedanke zur Lösung kommt:

„Ich mische unartikulierte Töne ein, ziehe die Verbindungswörter in die Länge … und bediene mich anderer, die Rede ausdehnender Kunstgriffe, zur Fabrikation meiner Idee … die gehörige Zeit zu gewinnen.“

Ganz im Sinne Kleists arbeitet sich Stoiber am Thema ab, hörbar und sichtbar. Er nimmt die Hörer mit, die seiner Darbietung wie einer künstlerischen Performance gespannt folgen. In Schriftform und auf einen Leser, der nicht „dabei“ war, macht eine solche Rede wenig Eindruck, sie kommt ihm umständlich vor und wegen der vielen Gedankensprünge verwirrend. Die Zuhörer hingegen, die live die Stoiber’sche „Fabrikation seiner Idee“ miterleben, werden mitgerissen. Bei Stoibers großem Auftritt beim politischen Aschermittwoch 2012 in Passau meinte der bayerische Kultusminister Spaenle begeistert: „Er [Stoiber] könnte jetzt auch das Telefonbuch vorlesen.“

Übrigens: Stoiber konnte und kann durchaus auch hesitationsfrei reden, aber für das Publikum ist das dann nicht mehr der „echte“ Stoiber.

Von Helmut Berschin

(Helmut Berschin ist emeritierter Professor für Romanistik. Er lebt in

Regensburg und Tutzing.)

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