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„Schilddrüsen-Krebs“ und „Steroid-Wahn“ bei Putin? Brisante Spekulationen - das ist der Hintergrund

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Von: Florian Naumann

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Ist Wladimir Putin an Krebs erkrankt? Die britische Yellow Press mutmaßt das. Dahinter steckt eine Datenrecherche russischer Journalisten.

Moskau/London - Wie könnte ein Ausweg aus dem Ukraine-Krieg aussehen? Es mangelt auch in den Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine an konkreten Szenarien. Umso mehr mag der ein oder andere Zeitgenosse auf einen Abtritt Wladimir Putins hoffen. Nicht nur - aber an vorderster Front - erklärtermaßen US-Präsident Joe Biden.

Wladimir Putin: Schilddrüsen-Krebs? Russisches Investigativmedium veröffentlicht Recherchen

Am Freitag (1. April) schürten britische Medien Hoffnungen dieser Gestalt: Mit der These, Putin sei nicht nur regelmäßig von mehreren Ärzten umgeben, sondern leide womöglich gar an „thyroid cancer“, an Schilddrüsen-Krebs. Der Kyiv Independent griff das Thema auf, Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sah sich offenbar auf Nachfrage eines bekannten russischen Journalisten zu einem Dementi genötigt.

Allerdings sind die Berichte mit Vorsicht zu genießen. Nicht nur, dass angesichts des Ukraine-Konflikts der Wunsch Vater des Gedankens im Westen und der Ukraine sein könnte: Bislang ist es vor allem die berüchtigte britische Yellow Press, die sich den Spekulation hingibt. Urheber ist dabei aber das in Russland gesperrte und 2020 mit dem „Free Media Award“ der Zeit-Stiftung ausgezeichnete Investigativmedium Proekt. Dieses formuliert seine Erkenntnisse allerdings etwas vorsichtiger.

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Krebs bei Putin? Webseite analysiert Arztbesuche in Sotschi - angeblich Krebsexperte dabei

Proekt stützt seine Recherchen auf Daten - sowie auf Informationen einer Quelle einer „VIP-Klinik“ in Krylatskoe bei Moskau. In Krylatskoe gebe es eine „Abteilung von Leibärzten“ Putins, berichtete der Informant dem Medium angeblich. Zumeist reisten die Ärzte allerdings zu Putin: Öffentlich zugängliche Verträge zeigten, dass beispielsweise in den Jahren 2016/2017 durchschnittlich vier bis fünf Ärzte zu Putins Aufenthalten im Urlaubsort Sotschi reisten. Zu anderen Zeiten sei diese Zahl allerdings „dramatisch“ gestiegen - zugleich wiesen die Rechercheure auf eine möglicherweise vielsagende Auswahl der Fach-Mediziner hin.

Wladimir Putin (rechts) empfängt im Mai 2021 den belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko auf seiner Jacht im Schwarzen Meer.
Erholung bei Sotschi? Wladimir Putin (r.) empfängt im Mai 2021 den belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko auf seiner Jacht im Schwarzen Meer. © Sergei Ilyin/Kremlin Pool/Imago

Eine mutmaßlich brisante These der Artikelautoren: Innerhalb von vier Jahren sei der onkologische Chirurg Ewgeny Seliwanow 35 Mal zu Putin geflogen und habe insgesamt 166 Tage im Umfeld des russischen Präsidenten verbracht - auch in einer Phase im Jahr 2017, als Putin längere Zeit von der öffentlichen Bildfläche verschwunden sei. Noch häufiger seien die Hals-Nasen-Ohren-Ärzte Igor Esakow and Alexej Schcheglow zu Putin gereist. Alle drei seien mindestens 18 Mal zusammen in Sotschi vor Ort gewesen.

Wladimir Putin: Mutmaßliche Krebserkrankung - Yellow Press zieht Schlüsse aus Recherchen

Die nur angedeuteten Rückschlüsse Proekts müssen allerdings eher in den Bereich des Spekulativen verortet werden: Schilddrüsen-Erkrankungen, auch Schilddrüsen-Krebs, werden zumeist von HNO-Ärzten diagnostiziert, schreibt das Medium unter Berufung auf den israelischen Experten Michael Fremderman. Im Juli 2020 habe sich Putin zudem mit Ivan Dedow, dem Chef des Nationalen Forschungszentrums, über Schilddrüsenkrebs und hormonelle Folgemedikation unterhalten. Zu den Symptomen von Schilddrüsen-Krebs gehören unter anderem etwa ein Druckgefühl im Hals und Atemnot, wie 24vita.de informiert.

Zugleich beziehen sich die Autoren auf einen unstrittigen Fakt: Putin hatte sich zuletzt verstärkt in Isolation begeben und von Gesprächspartnern demonstrativ Abstand gehalten - etwa auch bei Gesprächen mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Kanzler Olaf Scholz. Als Grund gilt die Sorge vor einer Corona-Infektion. Öffentliche Auftritte Putins waren zuletzt selten. Eine überraschende Ausnahme war eine Rede im Moskauer Luschniki-Stadion.

In „Medizinerkreisen“ gebe es allerdings eine andere These, wie Proekt unter Berufung auf einen Bekannten eines Chefarztes eines der mutmaßlich beteiligten Krankenhäuser schreibt: Den Glauben, Putin habe eine komplizierte Behandlung in Folge einer Schilddrüsen-Erkrankung über sich ergehen lassen. Aus diesem Bericht und der mutmaßlichen Anwesenheit eines Krebsexperten folgerten vor allem die britischen Medien, Putin könne an Schilddrüsen-Krebs leiden oder gelitten haben.

Putin krank? Kreml-Sprecher dementiert laut „Prawda“ - Gerüchte auch über „Steroid-Wahn“

Der Kreml dementierte die Berichte laut Prawda. Das Blatt berief sich auf Alexei Wenediktow, den Chefredakteur des mittlerweile eingestellten Radiosenders Echo Moskau. „Auf die Frage ‚verstehe ich richtig, dass Wladimir Putin keine Krebserkrankung hat?‘, antwortete Peskow: ‚Das tun Sie‘“, habe Wenediktow in seinem Telegram-Kanal geschrieben.

Dennoch wurden die Spekulationen in den sozialen Medien schnell heiß diskutiert. Unter einem Posting des ukrainischen Kyiv Independent meldete sich etwa eine Person zu Wort, die nach eigenen Angaben selbst eine Schilddrüsen-Krebs-Erkrankung überlebt hat: Zwar sei die Krebsart eine mit guten Heilungschancen. Zugleich könne die These aber einiges erklären: „Aus dem Gleichgewicht geratene Schilddrüsenhormone können vorübergehende Psychosen auslösen, bis sie wieder stabilisiert sind.“ Überlegungen dieser Art verarbeitete etwa die Daily Mail zur Folgerung, Putin leide womöglich an einem steroid-induzierten „Wahn“.

Russland im Ukraine-Krieg: Putins Gesundheit immer wieder Gegenstand von Spekulationen

Das russische Investigativ-Medium verwies in seiner Recherche zugleich auf eine Historie verschleierter gesundheitlicher Probleme Putins: So sei der Langzeit-Präsident etwa 2012 vom Pferd gefallen, wie eine „Bekanntschaft“ berichtet habe. Der Kreml habe daraufhin Videoaufnahmen einer Blumenniederlegung mit dem orthodoxen Patriarchen Kyrill, einem wichtigen innenpolitischen Verbündeten Putins, unterbunden - Grund sei ein merkliches Humpeln Putins gewesen. In der Folge seien nur Fotos zur Verbreitung zugelassen worden. Dennoch sei ein Video an die Öffentlichkeit gedrungen:

Proekt notierte auch weitere Ereignisse eines „Verschwindens“ Putins von der öffentlichen Bildfläche. So seien etwa im März 2015 nur „aufgezeichnete Treffen“ des Präsidenten an die Öffentlichkeit gebracht worden, auch im August 2017 habe der Kreml eine Wochen lang nur Bilder „aus der Konserve“ verbreitet. Als Putin im Februar 2018 im Wahlkampf mehrere Auftritte absagte, räumte Sprecher Peskow eine „schwere Erkältung“ ein. Der Subtext wohl: Äußerungen des Kreml ist in Gesundheitsfragen Putins eher nicht zu trauen.

Berichte über eine Krebserkrankung Putins sind kein neues Phänomen. Der britischen Daily Mail hatte Walery Solowei, ein prominenter Kritiker Putins, Ende 2020 erzählt, Putin sei aus diesem Grunde operiert worden. Als sichere Quelle kann auch Solowei allerdings eher nicht gelten. Zugleich ist eine weitere These des Kreml-Kritikers bereits entkräftet: Er berichtete damals, Putin plane für Anfang 2021 seinen Rücktritt und habe Tochter Katerina Tikhonova als Nachfolgerin im Auge. Diese These wurde nicht Realität.

Allerdings bleibt die Putins Gesundheit ein Thema. Mitte Mai erkannten Experten Anzeichen für eine Steroid-Medikation bei Putin, wie 24vita.de berichtete. Auch hierbei handelte es sich allerdings um eine Ferndiagnose. (fn)

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