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AfD-Impftirade von der Tribüne - Lauterbach ist entsetzt: „Mit schuld, dass andere sterben“

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Von: Florian Naumann

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AfD-Politiker Martin Sichert (links) spricht während der Sitzung des Bundestags von der Tribüne.
AfD-Politiker Martin Sichert (links) spricht während der Sitzung des Bundestags von der Tribüne. © Michael Kappeler/dpa

Mit einer Tirade gegen 2G, 3G und Corona-Impfungen hat ein AfD-Politiker im Bundestag für Unruhe gesorgt. Seine Zahlen sind interpretationsbedürftig. Karl Lauterbach äußert sich deutlich.

Berlin – In einer turbulenten Debatte hat der Bundestag am Donnerstag das neue Infektionsschutzgesetz der Ampel beschlossen. Zu erleben war neben juristisch angehauchten Wortgefechten über das Maßnahmen-Arsenal der Novelle und einer ungewöhnlichen Intervention von Minister Jens Spahn (CDU) auch ein mittelschwerer Eklat von der Zuschauertribüne: Ein AfD-Abgeordneter erhob schwere Vorwürfe – und brachte damit unter anderem den SPD-Experten Karl Lauterbach heftig auf.

Corona-Streit im Bundestag: AfD-Politiker rügt 2G-Politik und warnt vor Impfungen

Nach der Rede des FDP-Fraktionsvize Michael Theurer übernahm der bayerische AfD-Politiker Martin Sichert das Wort – von der Zuschauertribüne aus. Auf den Sitzen oberhalb des Plenums sind jene Abgeordneten untergebracht, die keine Auskunft über ihren Impfstatus geben und keinen Test vorlegen wollen. Theurer hatte den Rechtspopulisten vorgeworfen, „nicht einmal die Maskenpflicht im Bundestag“ einzuhalten, aber auch berichtet, er habe selbst seit Juli eine Tochter „in der Intensivstation“.

Sichert ging direkt in die Offensive: „Dass ich als Abgeordneter hier vom Balkon sprechen muss, zeigt, wie sehr Ihre Politik das Land spaltet“, wetterte er an die Adresse der anderen Fraktionen. „2G und 3G dienen nicht dem Gesundheitsschutz, 2G und 3G dienen dazu, die Bürger mit massivem Druck zu willigen Untertanen zu erziehen“, behauptete Sichert. So sei etwa der CDU-Abgeordnete Sepp Müller dreifach geimpft gewesen und habe sich mit Corona infiziert. Zugleich gebe es jeden Tag „sechs Tote infolge der Impfung und 13 vollständig geimpfte Corona-Tote“, erklärte Sichert unter Berufung auf Zahlen des Paul-Ehrlich-Instituts.

Impf-Streit im Bundestag: CDU-Politiker fühlt sich nach AfD-Rede „instrumentalisiert“ - Lauterbach äußert sich klar

Der von Sichert angesprochene Sepp Müller antwortete direkt in einer Zwischenfrage – und warf Sichert vor, ihn zu „instrumentalisieren“. „Wie Sie in einem Selbstbewusstsein hier Zahlen niederlegen, die jeder Grundlage entbehren!“, rief er. „Meine Erstimpfung war mit Johnson & Johnson, meine Boosterimpfung war am 20.10. dieses Jahres“, erklärte er. Am 30. Oktober hatte der Abgeordnete seine Infektion öffentlich gemacht. Er habe sich selbst getestet, weil „mir die Nase lief“, erklärte Müller nun: „Gott sei Dank war ich geimpft: Mir lief nur die Nase!“ Ein guter Freund hingegen komme als früherer Marathon-Läufer nach einer Corona-Infektion kaum noch aus dem Bett. Der CDU-Politiker appellierte an die Menschen im Land, sich impfen zu lassen.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach übte unterdessen in einem Tweet scharfe Kritik an Sicherts Rede. Der AfD-Politiker habe von der Tribüne gesprochen, weil er sich nicht testen lassen wolle: „Von dort hetzt er gegen die Impfung, sie sei gefährlicher als Covid. Und das muss man sich im Bundestag anhören.“ Lauterbachs Schlussfolgerung: „Leute wie er sind mit schuld, dass andere sterben.“

Tote nach Corona-Impfung? Das ist an den AfD-Vorwürfen dran

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) hatte in seinem letzten Sicherheitsbericht für den Zeitraum bis einschließlich 30. September 0,2 Meldungen über schwerwiegende Reaktionen pro 1.000 Corona-Impfdosen gemeldet – also für 0,02 Prozent der Fälle. „In 1.802 Verdachtsfallmeldungen wurde über einen tödlichen Ausgang in unterschiedlichem zeitlichem Abstand zur Impfung berichtet“, heißt es in dem Bericht zudem – auf diese Zahl dürfte sich Sichert beziehen. Datenbasis sind dabei knapp 108 Millionen erfasste Impfungen in Deutschland.

Der „zeitliche Abstand“ ist allerdings nicht gleichbedeutend mit einem ursächlichen Zusammenhang. Im vorausgegangenen Bericht aus dem August hatte das PEI in 48 Todesfällen eine Impfung als mögliche oder wahrscheinliche Todesursache identifiziert. Damals waren 1.254 Todesfälle in zeitlichem Abstand zu Corona-Impfungen bekannt.

AfD-Eklat im Bundestag: Nüchterne Wortmeldung der Fraktion bringt SPD unter Druck

Die AfD hatte im Verlauf der Debatte allerdings auch einen sachlich-nüchternen Einwand vorgebracht und damit augenscheinlich die SPD in Erklärungsschwierigkeiten gebracht. Der Abgeordnete Norbert Kleinwächter rügte, 3G in Bussen und Bahnen stelle viele Menschen im ländlichen Raum vor unlösbare Probleme.

Gebe es in einem Ort keine Testmöglichkeit, könne man am Montagmorgen gar nicht erst in einen Bus steigen, um sich testen zu lassen oder in die Arbeit zu fahren, monierte Kleinwächter. Der rechtspolitische Sprecher der SPD, Johannes Fechner, antwortete am Rednerpult eher ausweichend: Die Länder seien gefordert – weitere Testangebote würden kommen. (fn)

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