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Krisendiplomatie am Wahlabend: Bernd Lucke versucht während der Wahlparty der Bremer AfD, Spekulationen über seinen Parteiaustritt einzufangen. Die Spaltung der Partei scheint aber auch er nicht zu verhindern.

Richtungsstreit bei der AfD

Der einsame Kampf des Bernd Lucke

München – Ihr oder ich? Mit einer E-Mail an seine Mitglieder hat AfD-Chef Bernd Lucke den Richtungskampf zwischen Rechtsnationalen und Bürgerlichen eröffnet. Wie gespalten die Partei ist, zeigt sich auch in Bayern.

Dirk Driesang ist die Begeisterung noch anzumerken, wenn er über seinen Wochenendgast spricht. „Das ist ein konservativer Vordenker“, schwärmt er. „Diese Position ist in Deutschland verwaist.“ Driesang ist Vorstand im AfD-Kreisverband Dachau-Fürstenfeldbruck. Sein Wochenendgast: Björn Höcke, thüringischer Landesvorsitzender der Partei. Am Samstagabend sprach er im Bürgerhaus in Gröbenzell. Am Tag davor war er schon in Ingolstadt. Es ging um Familienwerte, Nationalbewusstsein, Zuwanderung – die AfD-Basis war verzückt.

Doch der Besuch war äußerst pikant: Björn Höcke ist eine Schlüsselfigur im Richtungsstreit in der AfD. Bürgerlich oder rechtsnational? Das ist in aller Kürze die Zukunftsfrage. Beantworten sollen sie die Delegierten auf dem Bundesparteitag im Juni in Kassel. Eine Zerreißprobe für die junge Partei.

Höcke ist dabei, zur Galionsfigur der Nationalen zu werden. In einem Interview hatte er erklärt, man könne nicht alle NPD-Mitglieder als „extremistisch“ bezeichnen. Für den Bundesvorsitzenden Bernd Lucke war das ein Tiefschlag. Seit Bestehen der Partei, ringt er um eine Abgrenzung nach Rechts. Eine Volkspartei schwebt ihm vor. Klartext ja, aber nicht um den Preis, dass man Bürgerliche verschreckt. Selbst enge Weggefährten folgen ihm dabei immer weniger. Gestern reagiert Lucke mit einer Art Brand-E-Mail an die Mitglieder. Antikapitalistische, deutschnationale und antiislamische Kräfte hätten die Partei in die „Schmuddelecke gebracht. „Unvereinbar“ nennt er die Vorstellungen beider Lager. Es nütze nichts Konflikte „zuzukleistern“. „Man muss sie lösen“, verlangt Lucke. Das Schreiben ist eine Kampfansage: Ihr oder ich!

Die Lage ist für Lucke alles andere als rosig. Kürzlich verabschiedete sich mit Hans-Olaf Henkel einer der letzten Liberalen aus dem Bundesvorstand – aus Protest. Mit seinen beiden Co-Vorsitzenden liegt Lucke über Kreuz. Der Nationalkonservative Konrad Adam steckte mehreren Medien, Lucke bereite seinen Austritt aus der Partei vor – ein Affront. Auch mit Frauke Petry, Landeschefin in Sachsen, hat sich Lucke zerstritten. Lächelnd aber provokant tourt sie durch Talk-Shows und wirbt um Verständnis für die islamfeindliche Pegida.

Dass Lucke die Hoheit über den Kurs entgleitet, wundert liberale Parteivertreter nicht. Viel zu lange habe der Chef den Rechten freie Hand gelassen. Wahlerfolge im Osten gaben ihnen Recht. Mit markigen Sprüchen und zweistelligen Ergebnissen zog die AfD in Landtage ein. Das Petry-Lager wurde immer selbstbewusster.

Wie weit die Spaltung in die Basis der Partei hineinreicht, zeigt sich auch in der AfD Bayern. Der Vorstand gibt sich loyal zum Chef. „Programmatisch sind wir ganz klar auf Luckes Seite“, sagt Landeschef Andre Wächter. Allerdings kann die Führung durchaus auch mit Petry. Anfang April unterschrieb Vorstandsmitglied Michael Göschel mit ihr in Sachsen einen „Oster-Appell“. Wie es an der Basis aussieht, weiß auch Wächter nicht. „Wir sind sehr heterogen“, räumt er ein.

Nicht nur der Auftritt Höckes in Gröbenzell zeigt, dass es durchaus Sympathie für die Nationalkonservativen gibt. Im Bezirksverband Oberbayern wurde kürzlich der Vorstand neu gewählt. Florian Jäger, Kreischef in Dachau-Fürstenfeldbruck, warf sich in eine Kampfkandidatur gegen den liberal-konservativen Bezirksvorsitzenden Volker Stich. Auf „Facebook“ postet Jäger gerne Mitteilungen von Höcke und outet sich als Lucke-Kritiker. Die Abstimmung verlor er – aber nur mit hauchdünnem Rückstand. Selbst Wahlsieger Stich räumt nun ein: „Auch bei uns gibt es beide Lager – und sie sind annähernd gleich stark.“

Til Huber

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