Noch ein Besuch: Tino Chrupalla, hier mit Katrin Ebner-Steiner, trägt nach einem Autounfall den Arm in Gips.
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Noch ein AfD-Besuch: Tino Chrupalla, hier mit Katrin Ebner-Steiner, trägt nach einem Autounfall den Arm in Gips.

Tiefe Gräben innerhalb der Fraktion

Der AfD-Parteichef als Schlichter: Nach Höcke schaut auch Chrupalla in München vorbei

  • Marcus Mäckler
    vonMarcus Mäckler
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Erst kam Björn Höcke, nun zeigte sich auch Tino Chrupalla im bayerischen Landtag. Dort steht der AfD-Parteichef vor einer Aufgabe, um die er nicht zu beneiden ist.

  • In der bayerischen AfD brodelt es.
  • Deshalb gab es erneut hohen Besuch im Landtag - von Parteichef Tino Chrupalla.
  • Ob es zu einer Schlichtung kommt, erscheint aber fraglich.

München - Sie hatten sich wohl mehr Wums erhofft, zumindest ein Wümschen. Aber als AfD-Fraktionschefin Katrin Ebner-Steiner am Dienstagmittag mit ihrem Gast durch den Steinernen Saal im Landtag spaziert, da zuckt keiner der Fotografen, auch keines der Kamerateams zeigt Interesse - und irgendwie ist es, als wäre er nur irgendwer, der AfD-Chef Tino Chrupalla.

Man muss dazu wissen, dass der Steinerne Saal so was wie der Speeddating-Bereich für Politiker und Journalisten ist, zumal an Plenartagen, an denen es in der Regel recht wuselig zugeht. Ein Parteichef läuft hier normalerweise nicht unbemerkt durch, ein Björn Höcke* übrigens auch nicht. Der AfD-Rechtsaußen stattete dem Maximilianeum erst vor zwei Wochen einen Spontanbesuch ab und weiß seither, dass er dort unerwünscht ist. Ein Faschist, sagte Landtagspräsidentin Ilse Aigner in ungewohnter Schärfe, sei nicht willkommen.

Chrupalla im bayerischen Landtag: „Bild von beiden Seiten“ machen

Chrupallas ebenfalls recht spontane Visite läuft insgesamt sehr viel geräuschloser ab, was aus aufmerksamkeits-ökonomischen Gründen schlecht sein mag, aber dem Zweck seines Besuchs eher zuträglich ist. Er sei hier, um sich „ein Bild von beiden Seiten“ zu machen, sagt der Sachse und meint die beiden zerstrittenen Lager der AfD-Fraktion. Er wolle sehen, wie sie sich „die weitere Zusammenarbeit vorstellen“.

Er spricht es nicht aus, aber im Grunde ist klar: Der Chef selbst soll ausloten, ob sich der Streit in der Fraktion schlichten lässt - denn der ist der Bundesspitze zunehmend ein Dorn im Auge. Der Zeitpunkt schien jetzt günstig: Chrupalla, seit Ende 2019 Parteichef neben Jörg Meuthen, hatte ohnehin einen Besuch in München geplant, um sich vorzustellen. Die Corona-Pandemie* ließ das lange nicht zu. Jetzt ist das wieder anders, außerdem wächst die Dringlichkeit des bayerischen Problems. Intern heißt es, es brauche eine Lösung deutlich vor der Bundestagswahl.

Bayerns AfD-Fraktionschefin Ebner-Steiner hat Mehrheit verloren

Im Moment klingt das wie ein sehr frommer Wunsch, denn die Gräben sind tief wie nie zuvor. Vor allem Fraktionschefin Ebner-Steiner ist unter Druck: Sie hat die politische Mehrheit der Fraktion verloren und weiß nur noch sieben von 20 Abgeordneten hinter sich. Chrupalla spricht am Dienstag erst mal mit dem Vorstand, für den Nachmittag war ein Gespräch mit der Gruppe um den Rosenheimer Abgeordneten Franz Bergmüller vereinbart.

Schon beim Besuch Björn Höckes wurde gemunkelt, er, der Rechtsaußen, sei eigentlich als Mediator gekommen, was angesichts seiner klaren Verortung in der Partei aber recht aussichtslos gewesen wäre. Chrupalla steht nicht so klar in einem Lager, wobei sich auch bei ihm Sympathien für den „Flügel“ erkennen lassen. Als es kürzlich zum Beispiel um den Ausschluss des vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften brandenburgischen AfD-Chefs Andreas Kalbitz ging, stimmte Chrupalla dagegen und lobte Kalbitz sogar für dessen große Verdienste.

Einige AfD-Abgeordnete hoffen auf Neuwahlen im Fraktionsvorstand

Kann eine Schlichtung gelingen? In Ebner-Steiners Gegenlager scheint man wenig Lust darauf zu haben. Man wolle mit Chrupalla über Sachthemen sprechen, sagte der Bad Aiblinger Abgeordnete Andreas Winhart vor dem Treffen, zum Fraktionsvorstand gebe es nichts mehr zu bereden. Außerdem hoffe man, dass Chrupalla „auf Ebner-Steiner und Co. einwirken wird, endlich zum Wohl der Partei den Weg für Neuwahlen im Fraktionsvorstand frei zu machen“. Friedenssignale lesen sich anders. (Marcus Mäckler) *merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks

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