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Machtwechsel: Bernd Lucke tut so, als würde er sein Amt gerne an Frauke Petry abgeben. Eine optische Täuschung.

Parteitag der AFD

Der Pegida ganz nah

Essen/München – Frauke Petry und ihr rechtes Lager übernehmen auf einem turbulenten Parteitag die AfD. Doch die Schlagzeilen gehören Bernd Lucke. Schon am Sonntag hagelt es erste Austritte – auch von Hans-Olaf Henkel. Die Gründung einer neuen Partei ist wahrscheinlich.

Für einen, der sich eigentlich in die zweite Reihe zurückziehen wollte, hat Bernd Lucke eine ganze Menge zu sagen. In der Halle läuft am Sonntag eigentlich noch der Parteitag (viele Mitglieder sind bereits abgereist), aber der abgewählte Vorsitzende der AfD wird von einem Pulk an Unterstützern und Kameras verfolgt. Die AfD habe die echte Chance gehabt, eine starke bürgerliche Kraft zu werden, sagt das einfache Parteimitglied resigniert. „Aber ich habe auf dem Parteitag nicht mehr viel bürgerliche Atmosphäre wahrgenommen.“ Diese Partei, soviel ist klar, ist nicht mehr Bernd Luckes Partei. Offen denkt er über einen Austritt nach. Doch noch ist der Moment nicht gekommen.

Am Vortag hatte der 52-Jährige an rund 3500 Mitglieder appelliert, sich klar vom rechten Rand zu distanzieren – „indem wir unmissverständlich dafür sorgen, dass Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz und Rechtsradikalismus in unseren Reihen genauso wenig Platz haben wie linksradikale, antiwestliche oder antikapitalistische Vorstellungen“. Da grollte es schon mächtig unter den Mitgliedern. Die ersten begannen zu pfeifen, andere zeigten rote Karten, auf denen das Wort „Platzverweis“ stand. Und der Unmut jener 60 Prozent, die am Ende für Frauke Petry stimmen sollten, brach sich richtig Bahn, als Lucke rief: „Dass wir eine Pegida-Partei seien, das haben wir nie irgendwo beschlossen.“ Buh-Rufe. „Lucke raus“.

So sehr sei er zuletzt von der linksextremen Antifa angefeindet worden, sagt Lucke später. Das Petry-Lager hat angeblich sogar Busse bereitgestellt, um Lucke-Gegner kostenlos vor Ort zu bringen. „Das Verhalten der einzelnen Mitglieder hat ihn sehr irritiert“, berichtet der bayerische Vorsitzende André Wächter. Einige Unterstützer fürchten schon, dass Lucke sofort hinwirft. Das Gerücht macht jedenfalls am Sonntag die Runde, der Parteitag muss unterbrochen werden. „Ich hoffe, er lässt sich das nochmal durch den Kopf gehen“, sagt Wächter. Lucke will erst die Unterzeichner seines „Weckrufs 2015“ befragen. In den sozialen Netzwerken wird hitzig diskutiert. Tendenz: Austritt.

Sicher ist: Die neue AfD steht weiter rechts, und sie wird in den kommenden Monaten auch kleiner werden. Die ersten Austritte gibt es unmittelbar nach dem Sieg Petrys. Auch der bayerische Vorsitzende Wächter hat am Sonntag schon Kündigungen in seinem E-Mail-Postfach. Er persönlich ist enttäuscht, hatte er sich im Vorfeld doch für den Professor stark gemacht. „Ich mache meine Mitgliedschaft aber nicht von Köpfen abhängig“, sagt Wächter, der den Programmparteitag im Herbst abwarten will. Doch alarmiert ist er schon, weil beispielsweise außer dem neuen Vize Jörg Meuthen kein Wirtschaftsliberaler mehr im Vorstand sitzt. „Das kann ich nicht begrüßen.“ Mit Beatrix von Storch und Alexander Gauland stehen Frauke Petry dafür zwei prominente Vertreter der Rechten zur Seite.

Petrys Bemühungen, das liberal-konservative Lager zumindest teilweise einzubinden, sind in Essen weitgehend gescheitert. Sie schlägt den Europaabgeordneten Joachim Starbatty, der zum wirtschaftsliberalen Lager zählt, als Kandidaten für den Posten des Zweiten Vorsitzenden vor. Doch der gibt ihr einen Korb. Björn Höcke, Thüringer AfD-Chef und Gründer der rechten Bewegung „Der Flügel“, sagt dagegen hoch zufrieden: „Jetzt haben wir als AfD natürlich die Möglichkeit, uns etwas deutlicher zu positionieren.“

Der Zerfall ist in vollem Gange: Hans-Olaf Henkel erklärt seinen Austritt. Der baden-württembergische Landesvorsitzende Bernd Kölmel, wie Henkel und Lucke Mitglied im Europa-Parlament, will heute über einen Parteiaustritt entscheiden. „Wäre ich ein normales Parteimitglied, würde ich noch heute wie viele andere, die es genauso sehen wie ich, austreten“, schimpft auch der Hamburger Landeschef Jörn Kruse. Mit all diesen Unterstützern wird sich Lucke nun beraten. Der scheidende Chef befürchtet, die AfD werde sich dem französischen Front National annähern. Ob davon eine Gefahr für Deutschland ausgehe, wird er gefragt. Lucke: „Ich glaube nicht, dass diese Partei gerade mehrheitsfähig ist.“

Mike Schier und Anne-Beatrice Clasmann

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