Keine Ruhe trotz Wahlerfolgs

Nach Rückzug von Petry und Co.: AfD steht vor der Zerreißprobe

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Die AfD kommt auch nach der Bundestagswahl nicht zur Ruhe. Dafür sorgt nicht nur Frauke Petry, die ihre Parteikollegen am Tag nach dem Erfolg öffentlich düpiert.

München - Schon 15 Stunden nach dem Triumph bei der Bundestagswahl begann für die AfD eine dramatische Zerreißprobe. Seit langem schwelt intern der Streit um eine bürgerliche oder eine national-völkische Ausrichtung: Er eskalierte am Montag ausgerechnet, als sich die AfD-Führung stolz in der Bundespressekonferenz vorstellen wollte.

Diesen Moment suchte sich Parteichefin Frauke Petry aus, um kühl darüber zu informieren, dass sie der künftigen Bundestagsfraktion nicht angehören werde. Ein wohlkalkulierter Eklat der Frau, die lange als Gesicht der AfD galt. Düpiert saßen die Spitzenkandidaten Alice Weidel und Alexander Gauland sowie Co-Chef Jörg Meuthen daneben. Weidel forderte Petry auf, „ihren Sprecherposten niederzulegen und die Partei zu verlassen, um nicht weiteren Schaden zu verursachen.“

Wahlforscher: Medien und Parteien haben AfD im Schlussspurt erst groß gemacht

Nimmt Petry andere Parlamentarier mit?

Ob Petry andere der 94 AfD-Parlamentarier mitnimmt, ist unbekannt. Vielleicht nicht zufälligerweise streitet seit Montag auch die AfD in Düsseldorfer Landtag wieder um die Richtung - ihr Chef ist Petrys Ehemann Marcus Pretzell. Und in Schwerin haben vier Abgeordnete die AfD-Fraktion verlassen; sie gründen die „Bürger für Mecklenburg-Vorpommern“. Es handle sich nicht um eine „konzertierte Aktion“ hieß es - allerdings hätten die bürgerlich-gemäßigten Parlamentarier ähnliche Beweggründe wie Petry.

Die 42-jährige Parteichefin wird von von der restlichen Führung der AfD geächtet, seit sie im April auf dem Parteitag in Köln mit ihrem Plan scheiterte, die AfD nach ihren Vorstellungen auszurichten und sie auf einen realpolitischen Kurs festzulegen. Am Montag wollte sie noch nichts Konkretes über ihre Pläne im Bundestag verkünden. Allerdings formulierte sie einmal mehr ihr ehrgeiziges Ziel: die „baldige Regierungsübernahme“. Dafür schwebt ihr 2021 vor.

Haben sich nicht mehr viel zu sagen: Frauke Petry will die AfD nicht im Bundestag vertreten, Alexander Gauland ist brüskiert.

Weniger Rechte für Einzelabgeordnete

Einzelabgeordnete haben im Bundestag weniger Rechte als die Fraktionen. Auch ihr Rederecht im Plenum ist eingeschränkt. Sie können aber Geschäftsordnungsanträge stellen und Fragen zur schriftlichen oder mündlichen Beantwortung an die Bundesregierung richten.

Alice Weidel forderte unterdessen einen Untersuchungsausschuss Angela Merkel - wegen ihrer Flüchtlingspolitik. Dafür müsste sie allerdings die Unterstützung einer anderen Partei haben. 

CDU-Frau Klöckner: „Es sind nicht alles Nazis, die AfD gewählt haben“

AfD: Besonders für Männer im Osten attraktiv

Ehemalige Nichtwähler und Leute, die früher ihre Kreuzerl einer der etablierten Parteien gemacht haben: Die Wählerschaft der AfD kommt aus all diesen Bereichen. Besondere Anziehungskraft entfaltet die Rechts-Partei offenbar auf Männer in Ostdeutschland, wie Wahlforscher von Infratest dimap ermittelten.

Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, verweist auf den relativ hohen Anteil an Frustrierten. Diese hätten die AfD als Protestpartei gewählt, nicht wegen des Programms. Viele Männer in der Altersgruppe, die noch die Vollbeschäftigung zu DDR-Zeiten erlebten, hätten nach dem Mauerfall ihre Malocher-Jobs verloren. „Das waren die Verlierer des Wandels.“

Wählerwanderung zur AfD bei dieser Bundestagswahl.

Vor allem Wähler im mittleren Lebensalter

Jörg Schönenborn, Fernsehdirektor des WDR und Statistik-Experte, sieht die höchsten Ausschläge in der Altersgruppe 35 bis 44. „Da sind es bundesweit etwa 16 Prozent.“ Bei den über 70-Jährigen sind es nur 7 Prozent.

Bundestagswahl 2017: AfD holt 12,6 Prozent - Ergebnisse in den Bundesländern

Bei Arbeitern und Angestellten erreiche die AfD überdurchschnittliche Werte um die 20 Prozent. Laut Schönenborn bestehe das Kernklientel der Partei aber aus Angestellten und kleinen Selbstständigen. Interessant: „Unsere Daten belegen, dass soziale Not oder der Wunsch nach stärkerem sozialem Austausch nur bei wenigen in dieser Gruppe den entscheidenden Ausschlag gibt.“ Extrem stark hingegen sei der Wunsch, Veränderungen in unserer Gesellschaft zu vermeiden.

BW/Video: Glomex

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Rubriklistenbild: © dpa

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