Dramatische letzte Tage

Afghanistan: Bidens bittere Abzugsankündigung - was wirklich dahinter steckt

  • Anna-Katharina Ahnefeld
    VonAnna-Katharina Ahnefeld
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Der US-Präsident hat erneut Fakten geschaffen. Das Zeitfenster für Evakuierungen aus Afghanistan schließt sich mit rasanter Geschwindigkeit.

Washington, D.C./Kabul – Knapp 20 Jahren Afghanistan-Einsatz gingen am Ende doch sehr schnell zu Ende - und mit einem fatalen Ergebnis: Die Taliban haben nach Beginn des Truppenabzugs der USA und der Nato-Kräfte fast ganz Afghanistan zurückerobert. Und das in einer Geschwindigkeit, mit der die internationale Politik offenbar nicht gerechnet hatte. Seitdem die Hauptstadt Kabul an die militant-islamistische Taliban fiel, spielen sich am Flughafen dramatische Szenen ab. Die Bilder, die um die Welt gehen, zeugen von der Verzweiflung vieler Hilfesuchender – die ihr Leben und das ihrer Familie durch die Rückkehr der Taliban in Gefahr sehen. Noch besteht eine Luftbrücke aus den Land heraus.

Doch die USA haben erneut Fakten geschaffen: Bis zum 31. August will US-Präsident Joe Biden die Evakuierungsmission beendet haben. Das bedeutet auch ein Ende anderer Luftbrücken, da eine Verlängerung der Maßnahmen nur gemeinsam mit den Vereinigten Staaten aufrecht erhalten werden können.

Die Geschwindigkeit, mit der die USA das Land, in das sie 2001 nach 9/11 einmarschiert waren, verlassen, wird von vielen Beobachtenden scharf kritisiert. Denn den Preis zahlen Ortskräfte und Verbündete der Westmächte derzeit vor Ort. Doch trotz der anhaltenden Kritik hält Biden daran fest, dem Land in wenigen Tagen den Rücken zu kehren. Warum?

Afghanistan: US-Präsident Joe Bidens Abzugsankündigung - und was wirklich dahinter steckt

Für Biden kommt die Krise in Afghanistan politisch zur Unzeit. Überschattet sie doch seinen aktuellen Erfolg, ein riesiges Investitionspaket durch den Kongress gebracht zu haben – vor allem aber kostet ihn die humanitäre Katastrophe Beliebtheit. Eine Währung, die der Demokrat nicht zu verschwenden hat, stehen doch bereits kommendes Jahr die Mid-Terms, die Zwischenwahlen, an. Die US-Wähler strafen bei dieser Gelegenheit traditionell gerne die regierende Partei ab.

Und die Beliebtheitswerte Joe Bidens fallen. Zwar ist die Mehrheit der US-Amerikanerinnen und - Amerikaner für den Truppenabzug aus Afghanistan. Doch die Ausführung missfällt offenbar. Nationale Umfragen sahen Biden bis zu Beginn der Krise über 50 Prozent Zustimmung, im März gar bei 62 Prozent. Ende August sprechen die Erhebungen eine ganz andere Sprache. Die US-Zeitung USA Today berichtete, derzeit seien nur 41 Prozent mit der Arbeit des Präsidenten zufrieden. Und 74 Prozent der Befragten urteilten bei einer Umfrage des Senders CBS, der Rückzug der USA werde schlecht gehandhabt.

So scheint es, als wolle Biden das endlos lange Kapitel Afghanistan gerne schnell abschließen. „Je eher wir fertig sind, desto besser“, sagte der Demokrat nach dem G7-Gipfel am Dienstag (24. August) im Weißen Haus. Seinen Verbündeten teilte er seinen Plan mit, die US-Truppen bis zum 31. August komplett aus dem Land abzuziehen. Und das, obwohl noch viele Tausende Menschen um eine Ausreise bangen. Auch Bitten europäischer Verbündeter, noch länger Evakuierungen am Flughafen Kabul zu ermöglichen, stimmten Biden nicht um. Ein Hintertürchen hielt sich der US-Präsident jedoch offen: Nach der Videokonferenz erklärte Biden zumindest, er habe das Außen- und Verteidigungsministerium angewiesen, Alternativpläne zu erarbeiten, „um den Zeitplan anzupassen, falls das nötig sein sollte“. 

Joe Biden stellt Ende der Evakuierungsmaßnahmen in Aussicht – ohne USA ist Flughafen Kabul nicht zu halten

Biden begründete seine Entscheidung vor allem mit der Sicherheitslage in Afghanistan. So warnte er vor einer wachsenden Terrorgefahr am Flughafen in Kabul. Jeder Tag, den man wegen der Evakuierungen länger vor Ort bleibe, sei ein weiterer Tag, an dem ein örtlicher Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) versuchen könne, den Flughafen anzugreifen, sagte Biden. Es gebe die „akute und wachsende Gefahr eines Anschlags“.

Sprecher der Taliban hatten zuvor bereits gedrängt, den Abzug der USA bis zum 31. August zu beenden – und anderenfalls mit „Konsequenzen“ gedroht. Dass Biden tatsächlich an eben jenem genannten Datum festhält, sorgt in den politischen Reihen für Unmut. „Die Art und Weise, wie Präsident Biden Afghanistan abschneidet und flieht, ist ein kolossaler Fehlschlag. Er teilt der Welt weiterhin mit, dass die größte Supermacht der Weltgeschichte sich unter seiner Aufsicht von Terroristen und Schlägern herumschubsen lässt“, twitterte der republikanische Minderheitsführer im Senat, Mitch McConnell.

Um den Flughafen Kabul für die Evakuierungen zu halten, ist die Präsenz der aktuell mehr als 5000 US-Truppen unabdingbar. Nach Bekanntwerden von Bidens Plänen, erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einer Regierungserklärung, dass die Evakuierungsmaßnahmen ohne die USA nicht mehr möglich sein werden.

Nach US-Angaben konnten bis Mittwoch insgesamt rund 70.000 Menschen seit dem 14. August evakuiert werden. Doch die Uhr tickt jetzt lauter: Das Zeitfenster für die Evakuierungen dürfte sich noch weiter verkürzen, da die USA selbst noch ihre Soldaten und Ausrüstung außer Landes schaffen müssen. Die Tatsachen, die Biden aktuell schafft, dürften bitter für all jene sein, die noch darauf hoffen, Afghanistan mit den westlichen Ländern verlassen zu können. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) hatte zuvor bereits verkündet, er gehe nicht davon aus, dass alle Schutzsuchenden bis dahin außer Landes gebracht werden könnten. (aka)

Rubriklistenbild: © Susan Walsh

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