Joe Biden, Präsident der USA, spricht im State Dining Room des Weißen Hauses über Afghanistan
+
Joe Biden, Präsident der USA, spricht im State Dining Room des Weißen Hauses über Afghanistan

„Beste Entscheidung für Amerika“

Afghanistan: Biden verteidigt Abzug der US-Truppen gegen Kritik

In einer kämpferischen Rede hat US-Präsident Joe Biden den Abzug der US-Truppen aus Afghanistan verteidigt.

Washington, D.C. - Das Ende des 20-jährigen Militäreinsatzes sei "die beste Entscheidung für Amerika" gewesen, sagte Biden nach dem Rückzug der letzten US-Soldaten aus Kabul am Dienstag im Weißen Haus. "Es war an der Zeit, diesen Krieg zu beenden." Die radikalislamischen Taliban feierten sich derweil als Sieger über die Supermacht USA und übernahmen die Kontrolle über den Kabuler Flughafen.

Die Evakierungsmission der vergangenen Wochen sei ein "außergewöhnlicher Erfolg" gewesen, sagte Biden über den Rettungseinsatz für westliche Staatsbürger und afghanische Ortskräfte nach der Machtübernahme der Taliban. Mehr als 120.000 Menschen seien in Sicherheit gebracht worden. "Keine Nation hat in der Geschichte etwas Vergleichbares getan", sagte der US-Präsident.

Biden verteidigte auch seine Entscheidung, an einem Ende des Militäreinsatzes bis zum 31. August festzuhalten. "Ich war nicht bereit, diesen ewigen Krieg zu verlängern. Ich war nicht bereit, einen ewigen Abzug zu verlängern."

Er habe vor der Wahl gestanden, den unter der Vorgängerregierung von Präsident Donald Trump mit den Taliban vereinbarten Truppenabzug abzuschließen - oder den Konflikt mit den Islamisten zu "eskalieren". Dann hätte er "zehntausende" Soldaten ins Land schicken und den "längsten Krieg der amerikanischen Geschichte" in "ein drittes Jahrzehnt" führen müssen.

Er habe den US-Bürgern ein Ende des Krieges versprochen, sagte der Präsident. "Der Krieg in Afghanistan ist jetzt zu Ende." Die USA hatten ihren nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 begonnenen Militäreinsatz in Afghanistan in der Nacht zum Dienstag abgeschlossen. Die letzten Soldaten verließen an Bord einer US-Militärmaschine die Hauptstadt Kabul.

Biden ist wegen der Machtübernahme der Taliban vor zweieinhalb Wochen, der teils chaotischen Umstände der folgenden Evakuierungen und wegen des Anschlags von vergangener Woche nahe dem Flughafen von Kabul mit mehr als hundert Toten massiv in die Kritik geraten. Unter den Toten des Anschlags waren auch 13 US-Soldaten.

Kritisiert wird Biden auch dafür, dass zahlreiche US-Bürger in Afghanistan zurückgelassen wurden. Der Präsident bekräftigte nun in seiner Rede, die USA seien entschlossen, ihnen bei der Ausreise zu helfen, sollten sie dies wünschen.

Biden richtete erneut eine Warnung an die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS), die sich zum Anschlag vom 26. August bekannt hat. An die Adresse des afghanischen IS-Ablegers IS-K gerichtet sagte der Präsident: "Wir sind noch nicht fertig mit euch." Der "Kampf gegen den Terrorismus" werde in Afghanistan und in anderen Ländern fortgesetzt.

Die Taliban feierten derweil ihre Rückkehr an die Macht in Afghanistan und das endgültige Ende der US-Militärpräsenz in dem Land. Nach dem Abflug der letzten US-Militärmaschine aus Kabul zelebrierten die Islamisten auf dem Flughafen ihren Triumph. "Glückwunsch an Afghanistan, dieser Sieg gehört uns allen", sagte Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid auf der Landebahn des Flughafens.

Auch in anderen Teilen des Landes feierten Taliban-Anhänger den endgültigen Abzug der ausländischen Truppen: In Kandahar, der Geburtsstätte der Taliban, strömten tausende Menschen auf die Straßen, schwenkten Fahnen und riefen "Gott ist groß".

Trotz des betont moderaten Auftretens der Taliban seit ihrer Machtübernahme vor gut zwei Wochen fürchten sich viele Afghanen vor der Zukunft. Während ihrer Herrschaft von 1996 bis 2001 hatten die Taliban Frauen massiv unterdrückt und auf ein brutales Rechtssystem gesetzt.

Nicht wiederholen soll sich aus Sicht der Taliban die internationale Isolation Afghanistans während ihrer damaligen Herrschaft. "Wir wollen gute Beziehungen mit den USA und der Welt", unterstrich Mudschahid am Dienstag.

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) hält den direkten Kontakt mit den Taliban für unausweichlich. "Ich persönlich glaube, es führt überhaupt kein Weg vorbei an Gesprächen mit den Taliban", sagte Maas am Dienstagabend bei einem Besuch in Katar. Instabilität in Afghanistan könne sich der Westen "schlichtweg überhaupt nicht leisten". Es gebe auch "ganz praktische Dinge" zu lösen, etwa den Weiterbetrieb des Flughafens von Kabul.

Maas betonte, dass es in den aktuellen Gesprächen mit den Taliban nicht um "formale Anerkennungsfragen" gehe. Allerdings zeigte der Minister sich prinzipiell offen für eine langfristige diplomatische Präsenz Deutschlands in Afghanistan auch unter einer Taliban-Herrschaft.

Als Vertreter Deutschlands führt derzeit der Diplomat Markus Potzel in Doha Gespräche mit den Taliban. Auch die britische Regierung steht nach eigenen Angaben im Austausch mit den Islamisten, um sich für die sichere Ausreise der verbliebenen britischen Staatsbürger sowie der afghanischen Ortskräfte einzusetzen.

bfi

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare