Taliban-Kämpfer patrouillieren am Mittwoch im Viertel Wazir Akbar Khan von Kabul.
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Taliban-Kämpfer patrouillieren am Mittwoch im Viertel Wazir Akbar Khan von Kabul.

Lage war doch ganz anders

BND-Debakel in Afghanistan: Geheimdienst-Chef liefert in interner Sitzung eine Erklärung

  • Cindy Boden
    VonCindy Boden
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Der Westen hat die Umstände in Afghanistan falsch beurteilt. Warum ging zum Beispiel der BND von einer anderen Lage aus? Erklärungsversuche im Ausschuss.

Berlin - Die Liste der offenen Fragen zum Thema Afghanistan ist lang. Die „verheerende“ (Wortwahl von CSU-Chef Markus Söder) Bilanz des Westens sorgt bei vielen für Unverständnis. Die Lage wurde falsch eingeschätzt. Dafür entschuldigten sich bereits Außenminister Heiko Maas (SPD) und Kanzlerin Angela Merkel (CDU). (Alle aktuellen Nachrichten rund um die Entwicklungen in Afghanistan gibt es in unserem brandneuen, täglichen Afghanistan-Newsletter.)

Am Mittwoch wurde bekannt, wie falsch der Bundesnachrichtendienst (BND) die Situation und die zeitliche Entwicklung der Geschehnisse einschätzte. Eine Übernahme Kabuls, der Hauptstadt Afghanistans, durch die Taliban vor Mitte September sei „eher unwahrscheinlich“, hieß es. Doch plötzlich ging alles ganz schnell. Zuletzt überschlugen sich die Ereignisse. Einige hundert Menschen konnte Deutschland bis Donnerstagmorgen ausfliegen.

BND muss sich offenbar verteidigen: Kampfwille der afghanischen Armee gebrochen

Wie die Bild nun berichtet, musste sich BND-Chef Bruno Kahl in einer geheimen Sitzung des Verteidigungsausschusses am Mittwoch verteidigen. Demnach soll er den schnellen Vormarsch durch die Taliban mit dem Abzug der Amerikaner aus der Botschaft in Kabul erklärt haben. Dies habe Auswirkungen auf den Kampfwillen der afghanischen Armee gehabt. Der Widerstand sei zusammengebrochen. Äußere Umstände hätten die Lage rasch verändert.

Nicht nur der deutsche Nachrichtendienst lag mit seiner Einschätzung daneben. Der Westen insgesamt hatte mit der Situation, so wie sie letztendlich eintrat, nicht gerechnet. Das betonte auch Kanzlerin Angela Merkel in einer Pressekonferenz. (Alle aktuellen Nachrichten rund um die Entwicklungen in Afghanistan gibt es in unserem brandneuen, täglichen Afghanistan-Newsletter.)

Warum ging die Machtübernahmen der Taliban dann doch viel schneller als gedacht?

Experten glauben, dass die Alliierten davon ausgegangen sind, dass die afghanische Armee bei einem Angriff auch kämpfen würde. Doch bereits am Montag sagte Politikwissenschaftler Peter Neumann vom King‘s College London in den „Tagesthemen“, dass auch die vorherrschende Korruption eine Rolle spielte. Als die Taliban plötzlich gewannen, hätten sich Teile der afghanischen Streitkräfte „eher den Taliban angeschlossen, als für die Regierung zu kämpfen“. Zudem hätten die Taliban eine „sehr effektive Kampagne durchgeführt“. Der Abzug der militärischen Unterstützung durch den Westen kommt hinzu. Die Geschwindigkeit der Eroberung Afghanistans sei aufgrund all der Umstände nur schwer einschätzbar gewesen.

Video: Afghanistan-Evakuierung: Erleichterte Passagiere in Frankfurt

Untersuchungsausschuss zu Afghanistan: Offene Fragen und Fehler klären - Merkel gibt Regierungserklärung

Bundestagsabgeordnete jedenfalls verlangen nun Aufklärung über die Rolle des BND. Die CSU-Abgeordnete Andrea Lindholz sagte der Deutschen Presse-Agentur, sie stelle sich die Frage, warum die Einschätzung der Lage so „fehlgelaufen“ sei. Linken-Fraktionsvize André Hahn sagte der dpa: „Ich will vor allen Dingen wissen, warum der Bundesnachrichtendienst offenbar vollständig ahnungslos gewesen ist. Man hat sich scheinbar komplett auf die Amerikaner verlassen, die in diesem Fall auch nicht wussten, wie schnell es gehen kann. Man hatte keine eigenen Erkenntnisse.“ Jetzt stehe der BND „komplett nackt“ da, kritisierte Hahn.

Die FDP, genauer gesagt deren stellvertretender Vorsitzende Wolfgang Kubicki, glaubt, dass es rund um Afghanistan nach der Bundestagswahl einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss geben wird. Das sagte er am Donnerstag im RTL/ntv-„Frühstart“. Warum war die Regierung nicht auf die Machtübernahme vorbereitet? Warum wurden einheimische Ortskräfte, die in den letzten Jahren geholfen hatten, nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht? In dem Gremium könnten die Fehler und ihre Ursachen aufgearbeitet werden - und Fragen beantwortet werden. Womöglich gibt auch Kanzlerin Merkel am Mittwoch (25. August) schon mehr preis als bisher. Dann nämlich will sie im Bundestag eine Regierungserklärung abgeben. (cibo)

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