Chinas Außenminister Wang Yi und Mullah Abdul Ghani Baradar aus der Taliban-Führung stehen vor einem Landschaftsbild in Tianjin
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Notgedrungene Realpolitik in China: Außenminister Wang Yi empfing Ende Juli Taliban-Mitgründer Mullah Abdul Ghani Baradar, den möglicherweise nächste Präsident Afghanistans.

„Es wäre zu hoffen gewesen ...“

Afghanistan wird Nagelprobe für China: Nachbarn arrangieren sich mit Taliban - doch Nervosität ist groß

  • Christiane Kühl
    VonChristiane Kühl
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Afghanistans Nachbarn trauen den Taliban nicht. Trotzdem sprechen sie mit den Gotteskriegern - und koordinieren ihre Sicherheitspolitik. Die wichtigste Rolle kommt wohl China zu.

Kabul/Peking - Der Siegeszug der Taliban hat die politischen Machtstrukturen Südasiens auf den Kopf gestellt. Mit dem Abzug der westlichen Schutzmächte werden in Afghanistan* nun künftig andere Mächte um Einfluss ringen: China, Russland, Pakistan, Iran, Indien oder die Türkei. Diese Staaten reagierten bisher pragmatisch auf die Machtübernahme der Islamisten. So betreiben etwa China* und Russland ihre Botschaften in Kabul vorerst weiter. Doch sie alle sind vorsichtig bis misstrauisch im Umgang mit den Gotteskriegern. 

China forderte sofort eine klare Abkehr der Taliban vom islamistischen Terrorismus. „Die Situation in Afghanistan hat sich über Nacht geändert. Was als nächstes passiert, wird von der politischen Richtung der afghanischen Taliban abhängen“, sagte Außenminister Wang Yi am Mittwoch in einem Telefongespräch mit seinem türkischen Amtskollegen Mevlut Cavusoglu. Er erwähnte „positive Gesten” der Taliban in diese Richtung. Mit seinem pakistanischen Amtskollegen Shah Mahmood Qureshi will Wang die Afghanistan-Politik koordinieren - auch mit ihm sprach er am Mittwoch.

Afghanistan: Hektische Telefondiplomatie nach dem Fall Kabuls an die Taliban

Seit dem Fall Kabuls an die Taliban* stimmen sich in einer hektischen Telefondiplomatie alle wichtigen Akteure einschließlich der USA miteinander über die Sicherheitslage ab. Alle befinden sich in einem Zustand nervösen Abwartens. Nach der Einnahme Kabuls hatten die Taliban zwar mehr Rechte für Frauen sowie eine Amnestie für Regierungsbeamte versprochen und betont, sie seien gemäßigter als früher. Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid sagte, die Gruppe wolle keine internen oder externen Feinde und werde friedliche Beziehungen zu anderen Nationen pflegen. Doch so richtig traut niemand den Gotteskriegern über den Weg.

Vor allem die angrenzenden Staaten fürchten ein Überschwappen von Unruhe und Terror* auf ihr Staatsgebiet - ebenso wie eine Flüchtlingswelle. Afghanistan grenzt im Osten auf 2.250 Kilometern an Pakistan und auf gut 70 Kilometern an China, im Norden an Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan sowie im Westen an Iran. Die meisten afghanischen Flüchtlinge befinden sich derzeit in Pakistan und Iran - jeweils etwa zwei Millionen Menschen. Iran kündigte laut Medienberichten an, weitere Flüchtlingslager in drei Grenzprovinzen zu errichten. 

China: Realpolitik im Umgang mit Taliban - aus Angst vor Terror-Export

Die Augen des Westens ruhen vor allem auf China. Außenamtssprecherin Hua Chunying stellte den Taliban auf einer Pressekonferenz Anfang der Woche “freundliche Beziehungen” in Aussicht. Der Frage nach einer diplomatischen Anerkennung der Taliban als Regierung Afghanistans wich sie allerdings aus. Am Donnerstag sagte Hua, die Taliban seien heute “rationaler” als während ihrer ersten Herrschaft von 1996 bis 2001, als sie Frauen aus dem öffentlichen Leben verbannt und den Terroristen von Al-Qaida Unterschlupf gewährt hatten. Hua forderte die Welt auf, die Lage in Afghanistan „objektiver” zu betrachten - und nicht allein auf Basis der Vergangenheit. 

Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch China kein wahrer Taliban-Freund ist. Auch andere Staaten sprechen mit den Taliban; die USA schlossen 2020 mit ihnen sogar ein Abkommen* über Wege zum Frieden. „Obwohl Peking pragmatisch mit den Realitäten der Macht umgeht, war ihm die ideologische Agenda der Taliban immer unbehaglich”, sagt Andrew Small, Asien-Experte der US-Denkfabrik German Marshall Fund. China ist sozialistisch statt religiös, und Frauen dort sind seit Jahrzehnten offiziell gleichberechtigt. China neige auch nicht dazu, Afghanistan als Ort der Chancen wahrzunehmen, meint Small mit Blick auf Berichte über Chinas angebliche wirtschaftliche Ambitionen in Afghanistan, etwa im Rohstoffsektor. Es gehe China „fast ausschließlich darum, Bedrohungen zu managen.” China sei seit langem besorgt, dass Afghanistan wieder ein Hort militanter Islamisten werde.

Es geht Peking vor allem um eine uigurische Gruppe namens Turkestan Islamic Party (TIP), die aus der früheren Terrorbewegung East Turkestan Islamic Movement (ETIM) entstanden sein soll. Die Uiguren in der Region Xinjiang* werden von Peking seit Jahren drangsaliert. Zwar sehen einige Experten Chinas Furcht vor der TIP als übertrieben an. ETIM stand allerdings bis 2020 auf der Terrorliste der USA. Heute soll sie sich weitgehend aufgelöst haben. Die Gefahrenlage ist also unklar.

China: Sicherheit zunächst wichtiger als wirtschaftliches Engagement

Chinas wenige wirtschaftliche Investitionen etwa in afghanischen Minen liegen derweil seit Jahren auf Eis; Handelsbeziehungen beschränken sich auf einfache Produkte wie Pinienkerne. In den Nachbarländern Afghanistans allerdings ist Chinas Engagement in den letzten 20 Jahren deutlich gewachsen - auch durch Infrastruktur-Projekte der Neuen Seidenstraße*. Peking sorgt sich daher vor einem Übergreifen von Terror und Konflikten auch in diese Länder - vor allem nach Pakistan, wo kürzlich 13 chinesische Vertragsarbeiter eines Seidenstraßen-Bauprojekts bei einem Anschlag getötet wurden. 

Auch aus diesen Sorgen heraus traf Wang Yi Ende Juli eine Delegation der Taliban* um Mullah Abdul Ghani Baradar* - einem Mitbegründer der Taliban, der als künftiger Präsident gehandelt wird. Im Pekinger Außenministerium erwartete man hinter vorgehaltener Hand schon damals - anders als die USA - einen rasanten Fall des Landes an die Gotteskrieger. Einen Tag nach dem Treffen rief die Botschaft in Kabul daher alle dort lebenden Chinesen zur Ausreise auf. 210 Geschäftsleute hatte China nach einem Bericht der Staatszeitung Global Times bereits Anfang Juli ausgeflogen. 

Afghanistan: Auch Russland und Pakistan ambivalent

Ähnlich nüchtern gehen andere Staaten mit der Lage um. Auch Russland* und Iran* trafen in den vergangenen Jahren immer wieder Delegationen der Taliban, um den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen. Ob Russland eine Taliban-Regierung anerkennen werde, hänge von deren „Verhalten“ ab, sagte Botschafter Dmitri Schirnow am Dienstag nach einem Treffen mit dem Sicherheitskoordinator der Taliban in Kabul. „Viele der Regionalmächte, darunter Rivalen der Amerikaner wie Iran oder Russland, stehen dem Abzug der US-Streitkräfte sehr ambivalent gegenüber”, sagt Michael Kugelman, Südasien-Experte der US-Denkfabrik Wilson Center. „Die Truppen von USA und Nato hatten ein wenig Stabilität geschaffen.”

Besonders eng waren die Beziehungen der Taliban immer zu Pakistan. Doch auch für Islamabad ist die Lage schwierig. Die Regierung hatte den afghanischen Taliban jahrelang erlaubt, auf pakistanischem Territorium zu operieren - und damit indirekt auch eigenen Islamisten Auftrieb gegeben, darunter einer lokalen Gruppe radikaler Taliban-Kämpfer (Tehrik-e-Taliban Pakistan, TTP). Vorteile bringt der Taliban-Sieg Pakistan vor allem im Konkurrenzkampf mit dem Erzrivalen Indien, der mit der afghanischen Ex-Regierung um Präsident Ashraf Ghani verbündet war - und nun seinen Einfluss schwinden sieht. „Indien und Pakistan kämpfen um Einfluss in Afghanistan”, schreibt die pakistanische Zeitung Dawn: Die USA sehe das nicht gern: Washington warne, dass diese Rivalität „die ohnehin angespannte Situation in einer sensiblen Region noch weiter belastet.” Indien wiederum fürchtet, dass nun wieder Anschläge islamischer Gotteskrieger im eigenen Land drohen - wie während der ersten Taliban-Herrschaft.

China: Wichtigste Regionalmacht für die Zukunft Afghanistans

Pakistan mag zwar die engsten Beziehungen zu den Taliban haben - „doch der mächtigste und einflussreichste Nachbar Afghanistans wird Peking sein”, glaubt Raffaello Pantucci vom Verteidigungs-Thinktank Royal United Services Institute in London. Pakistan sei abhängig von China, und auch Iran und Zentralasien setzten auf eine Wirtschaftspartnerschaft mit Peking. Pantucci sieht allerdings nicht die Gefahr, dass China sich in Afghanistan zu sehr einmischt - sondern eher zu wenig: „Zugegeben, Afghanistan ist ein schwieriges Land, und China hat wenig Erfahrung mit derartigen Konfliktlösungen. Aber es wäre zu hoffen gewesen, dass es in einem Land mit gemeinsamer Grenze eine aktivere Rolle einnehmen würde.”

In einem Telefonat mit US-Außenminister Antony Blinken sagte Wang Yi, China sei bereit, zu kooperieren - erwarte aber, dass die USA* aufhörten, ständig Druck auf Peking auszuüben. Die USA könnten nicht einerseits versuchen, China einzudämmen - und andererseits Unterstützung erwarten.

Wang hatte den USA aufgrund des überstürzten Abzugs eine Mitschuld an dem Chaos* in Afghanistan gegeben. Zugleich zeigte die Global Times durchaus Schadenfreude über das US-Debakel in Afghanistan. Das Blatt deutete dies in mehreren Kommentaren als Zeichen, dass US-Sicherheitsgarantien an seine Verbündeten nichts mehr wert seien. Die Lage bestätigt Chinas Sicht, im Aufwind zu sein. Doch damit geht auch eine größere Verantwortung einher. Ob China dem gewachsen ist, dafür ist Afghanistan nun ein wichtiger Test. (ck) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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