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„Nur unverheiratete Töchter“: Deutsche Organisation reißt Ortskräfte-Familien auseinander

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Zivilisten bereiten sich am Flughafen in Kabul auf ihren Flug mit einem Transportflugzeug des US-Militärs vor.
Die Bundesregierung versprach bei der Evakuierung der Ortskräfte schnelle Hilfe. Doch die GIZ verweigert die Rettung von erwachsenen Söhnen. © Victor Mancilla via www.imago-images.de

Bei der Evakuierung der Ortskräfte aus Afghanistan versprach die Bundesregierung schnelle Hilfe. Doch die GIZ verweigert die Rettung von bestimmten Familienmitgliedern.

Kabul - Nach der Machtübernahme der Taliban hat die Bundesregierung versprochen, Ortskräfte aus Afghanistan unbürokratisch und schnell zu evakuieren. Doch wie ein Medienbericht zeigt, will die Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) nicht alle Familienmitglieder ihrer Mitarbeiter retten. Erwachsene Söhne sollen in gefährlicher Lage in Afghanistan bleiben - nur „unverheiratete Töchter“ dürfen mit nach Deutschland.

Noch immer sitzen viele Ortskräfte mit ihren Familien in Kabul fest und warten auf Rettung. Die Bundesregierung versprach, all diesen Menschen und ihren Familien zu helfen. Doch dieses Versprechen scheint nun zu bröckeln, wie aus einem Bericht des Spiegels hervorgeht.

Ortskraft in Kabul fassungslos: „Ich soll meine Söhne den Taliban überlassen. Das ist Wahnsinn“

In einem Schreiben an mehrere Ortskräfte erklärt die GIZ: „Mit Ihnen gehen kann die sogenannte ›Kernfamilie‹, das bedeutet ein Partner (Ehemann/Ehefrau) und Kinder unter 18 Jahren. Zusätzlich werden unverheiratete Töchter über 18 Jahren ebenfalls zur Kernfamilie gezählt.“ Aufgrund der derzeitigen Situation gebe es keine Ausnahmen. Die Ausreise wird außerdem nur Mitarbeitern mit einem gültigen GIZ-Arbeitsvertrag der vergangenen zwei Jahre ermöglicht.

Adib, ein langjähriger Mitarbeiter der GIZ, der derzeit noch in Kabul feststeckt, ist fassungslos: „Ich soll meine Söhne den Taliban überlassen. Das ist Wahnsinn“, sagt er. Die Taliban gäben sich derzeit zwar moderat, „aber sie sind Lügner“, sagte der Mann dem Spiegel. „Wenn sie uns finden, dann bringen sie uns um“.

Adib hoffte, dass die GIZ seine Frau und seine Söhne retten würde. Stattdessen wurde auch ihm mitgeteilt, dass er selbst zwar einen Platz in einem Evakuierungsflugzeug bekommen würde, seine erwachsenen Söhne aber nicht. Wie viele andere wird auch er vor die Wahl gestellt: Entweder lässt Adib seine Kinder zurück oder er bleibt in Afghanistan. Nach eigenen Aussagen sollen die Ortskräfte außerdem von der GIZ unter Druck gesetzt worden sein, nicht mit Medien über ihre Lage zu sprechen.

Evakuierung von Ortskräften: Nur die „Kernfamilie“ wird aus Afghanistan gerettet

Auf Nachfrage des Spiegel bestätigte die GIZ die Mitteilung und berief sich dabei auf ein Regelwerk, dass von der Bundesregierung festgelegt wurde. Dieses gelte auch für andere Institutionen, zum Beispiel die Bundeswehr. Man habe den Ortskräften mitgeteilt, „welche Familienangehörigen als Kernfamilie im Rahmen des Ortskräfteverfahrens mitgenommen werden können“. Wie Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) erklärte, handle es sich dabei um „besonders schutzbedürftige Personen“.

Mit der aktuellen Regelung der „Kernfamilie“ sollten Härtefälle vermieden werden. „In der aktuell schwierigen Lage in Afghanistan muss jetzt vor Ort Menschlichkeit und Augenmaß gelten. Keiner soll zurückbleiben, der mitgenommen werden könnte“, sagte CSU-Politiker Müller. Dazu gehören augenscheinlich aber nicht die Söhne der Ortskräfte. Grünen-Politiker Cem Özdemir kritisierte das Verhalten der Bundesregierung als „inakzeptabel“: „Wer Familien trennt, handelt in so einer Situation unmenschlich“, zitiert ihn der Spiegel.

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