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Afghanistan: Weiterer Deutscher in Kabul verletzt - Botschafts-Schreiben enthüllt Chaos und Gefahr

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Von: Florian Naumann, Cindy Boden, Jennifer Lanzinger

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Über 9000 Menschen konnten bislang aus Afghanistan gerettet werden. Ein weiterer Deutscher wurde in Kabul verletzt. News-Ticker.

Update vom 20. August, 21.48 Uhr: In der Nähe des Flughafens Kabul in Afghanistan ist ein weiterer Deutscher verletzt worden. Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur am Freitag aus dem Auswärtigen Amt. Es soll eine leichte Verletzung sein. Ob es sich um eine Schussverletzung handelt, blieb zunächst unklar. Bereits zuvor war bekannt geworden, dass ein anderer Deutscher auf dem Weg zum Flughafen angeschossen wurde. Einer der beiden Verletzten wurde bereits ins usbekische Taschkent ausgeflogen. Der andere ist transportfähig, hält sich aber weiterhin in Kabul auf.

Um den Flughafen herrschen seit der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban chaotische Zustände. Die Lage ist extrem gefährlich. Die Verzweiflung der Menschen, die auf Evakuierungsflüge gelangen wollen, wird von Stunde zu Stunde größer. Das berichtete ein Augenzeuge am Freitag der Deutschen Presse-Agentur. Demnach halten sich am Eingang zum zivilen Teil, der an einem großen Kreisverkehr liegt, weiterhin Hunderte Menschen auf, die versuchen, auf das Gelände und dann mit Hilfe von westlichen Flugzeugen außer Landes zu kommen. Kämpfer der Taliban feuerten dort in die Luft und schlugen mit Peitschen, um die Leute zu vertreiben.

In einem Schreiben der deutschen Botschaft an Menschen, die auf einen Flug hoffen, hieß es am Freitag: „Die Lage am Flughafen Kabul ist äußerst unübersichtlich. Es kommt an den Gates immer wieder zu gefährlichen Situationen und bewaffneten Auseinandersetzungen.“

Afghanistan: Weitere Rettungsflieger sicher in Deutschland gelandet

Update vom 20. August, 19.09 Uhr: Am Frankfurter Flughafen sind am Freitag zwei weitere Lufthansa-Maschinen mit insgesamt 379 Evakuierten aus Kabul angekommen. Nach Angaben einer Unternehmenssprecherin landete am Freitagabend eine Maschine mit 177 Menschen an Bord, die aus Afghanistan in Sicherheit gebracht worden sind. Am Morgen waren bereits 202 Evakuierte in Frankfurt angekommen. Die Flugzeuge waren jeweils wenige Stunden zuvor in der usbekischen Hauptstadt Taschkent gestartet.

In Frankfurt sind nach Angaben der Lufthansa-Sprecherin bislang insgesamt 908 Evakuierte in fünf Sonder-Maschinen gelandet. Eine weitere Maschine wird den Angaben zufolge für Samstagmorgen erwartet. Bei den weiteren Evakuierungsflügen spielt auch die Ramstein Air Base eine entscheidende Rolle (siehe vorheriges Updates).

Afghanistan: Maas-Deal mit USA: Ramstein wird Drehkreuz für Afghanistan-Rettungen

Update vom 20. August, 16.52 Uhr: Die Evakuierung von Menschen aus Kabul dauert an. Aus der afghanischen Hauptstadt ausgeflogene Botschaftsangestellte und Ortskräfte sollen über die Ramstein Air Base in Rheinland-Pfalz in die Bundesrepublik kommen. Darüber verhandelte Außenminister Heiko Maas mit den USA und US-Außenminister Antony Blinken.

Der SPD-Politiker erklärte am Freitag, der Fokus liege darauf, „so viele Menschen aus Kabul zu evakuieren, wie das unter den gegebenen, sehr schwierigen Umständen möglich ist.“ Damit das gelingt, holt sich Deutschland Unterstützung von den USA. „Wir haben vereinbart, dass insbesondere die Ramstein Air Base temporär für den Transit von schutzsuchenden Personen aus Afghanistan in die USA genutzt werden kann.“ Die Luftbrücke nach Taschkent solle dadurch entlastet werden. Die Bundeswehr brachte die Menschen aus Kabul zuvor erst in die usbekische Hauptstadt und dann nach Deutschland.

Darüber hinaus kündigte Maas ein Hochfahren der Kapazitäten an: „Wir sind uns mit allen Partnern vor Ort einig, dass kein Platz auf unseren Flugzeugen leer bleiben soll. In Zukunft werden daher neben den Fliegern der Bundeswehr auch auf US-Flügen nach Ramstein Deutsche oder von uns benannte Personen evakuiert werden. Genauso fliegen wir auf unseren eigenen Evakuierungsflügen Staatsangehörige verschiedenster Nationen aus Kabul aus.“

Maas und Blinken
Bundesaußenminister Heiko Maas (l) mit seinem us-amerikanischen Amtskollegen Antony Blinken spricht beim Ministertreffen in Rom. (Archivfoto) © Andrew Harnik/AP Pool/dpa

Afghanistan: trotz Generalamnestie - mehrere Regierungspolitiker vermisst

Update vom 20. August, 14.55 Uhr: Mehrere Vertreter der bisherigen afghanischen Regierung werden einem lokalen Medienbericht zufolge vermisst. Verwandte mehrerer Regierungsbeamten sagten dem TV-Sender ToloNews, ihre Familienmitglieder seien verschwunden oder würden seit der Machtübernahme der Taliban vermutlich von den Islamisten festgehalten.

Der bisherige Gouverneur sowie der bisherige Polizeichef der Provinz Laghman im Osten des Landes hätten sich den Taliban ergeben, befänden sich aber weiter in Gefangenschaft der Islamisten, hätten die Verwandten gesagt. Auch der Polizeichef von Gasni im Südosten des Landes sei unauffindbar.

Die Taliban haben eine Generalamnestie erlassen, die ihren eigenen Angaben zufolge alle Menschen umfassen soll - auch Regierungsvertreter oder Angehörige der Sicherheitskräfte. Seit Donnerstag kursierten in sozialen Medien allerdings Videos, die die Exekution des Polizeichefs der Provinz Badghis zeigen soll. In einem der Videos nennt Hadschi Mohammed Achaksai seinen eigenen Namen; in einem zweiten ist er in gleicher Kleidung am Boden auf Knien zu sehen, seine Augen und Hände verbunden. Wenige Sekunden später wird er mit vielen Kugeln erschossen. Ein Kommentar der Taliban zu den Vorfällen war zunächst nicht verfügbar.

Update vom 20. August, 14.50 Uhr: Der politische Druck auf mehrere Minister in Angela Merkels Kabinett steigt weiter: Einem Bericht des Spiegel zufolge zeigen interne Protokolle, dass bereits seit April zwischen den Ministerien über eine Rettung von Ortskräften debattiert wurde*. Auch Merkel selbst soll sich für Charterflüge zur Rettung der Menschen ausgesprochen haben.

Die Bundeswehr intensiviert unterdessen ihre Bemühungen in Kabul: Für die Evakuierungsoperation am Flughafen sollen bereits ab Samstag auch zwei leichte Hubschrauber des Typs H145M eingesetzt werden können. Generalinspekteur Eberhard Zorn betonte, die Hubschrauber seien für Operationen in Einzelfällen vorgesehen, nicht als eine Art „Taxi-Service“ zum Kabuler Flughafen. Sie würden gegebenenfalls von US-Kampfhubschraubern begleitet. In aller Regel müssten Fluchtwillige, die ausgeflogen werden wollen, aber weiterhin selbst zum Flughafen kommen. Viele sitzen weiterhin fest - darunter auch Menschen aus München*.

Evakuierung aus Kabul: Gerettete aus Afghanistan in Deutschland angekommen

Update vom 20. August, 13.12 Uhr: Ein Evakuierungsflug der Luftwaffe mit Geretteten aus Afghanistan ist in Hannover gelandet. An Bord waren nach Angaben des niedersächsischen Innenministeriums 158 afghanische Ortskräfte und Familienangehörige. Dazu zählten etwa 30 bis 40 Kinder und Jugendliche, von denen 20 unbegleitet seien. Die unbegleiteten Kinder und Jugendlichen sollten vom Landesjugendamt betreut werden. Die übrigen Menschen aus Afghanistan würden in das Grenzdurchgangslager Friedland gebracht. 

Außerdem kamen 32 EU-Bürger mit der Militärmaschine vom Typ Airbus A310-MRTT in Hannover an. Ein weiteres Flugzeug mit bis zu 250 Personen werde noch am Freitagabend in Hannover erwartet, sagte eine Ministeriumssprecherin. Der Airbus A310-MRTT war in der usbekischen Hauptstadt Taschkent gestartet. Damit flog die Bundeswehr erstmals selbst „Schutzpersonen“ aus Afghanistan nach Deutschland.

Abseits der mittlerweile offenbar stabil laufenden Evakuierungsflüge gibt es jedoch auch neue Vorwürfe gegen deutsche Organisationen: So sollen teils Familien auseinandergerissen werden*.

Afghanistan: Amnesty berichtet von Taliban-„Massaker“ - „wahrscheinlich nur ein Bruchteil der Todesopfer“

Update vom 20. August, 12.33 Uhr: Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International macht die Taliban für ein Massaker an der Hazara-Minderheit in Afghanistan Anfang Juni verantwortlich. Nach der Machtübernahme in der Provinz Ghazni hätten die militanten Islamisten neun Männer auf grausame Weise getötet, hieß es in einem am Freitag veröffentlichten Bericht. „Diese gezielten Tötungen sind ein Beweis dafür, dass ethnische und religiöse Minderheiten auch unter der neuen Herrschaft der Taliban in Afghanistan besonders gefährdet sind“, sagte Amnesty-Generalsekretärin Agnès Callamard.

Für den Amnesty-Bericht sprach ein Recherche-Team vor Ort mit Augenzeuginnen und Augenzeugen. Die Morde geschahen demnach zwischen dem 4. und 6. Juli in dem Dorf Mundarakht im Bezirk Malistan. Sechs Männer seien erschossen worden, drei zu Tode gefoltert. Diese Tötungen seien wahrscheinlich nur ein Bruchteil der Todesopfer, die die Taliban bislang zu verantworten hätten, schrieb Amnesty.

Afghanistan: Deutscher auf dem Weg zum Flughafen angeschossen

Update vom 20. August, 12.00 Uhr: Ein Deutscher hat auf dem Weg zum Flughafen Kabul in Afghanistan eine Schussverletzung erlitten. Das sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer am Freitag in Berlin. „Er wird medizinisch versorgt, es besteht aber keine Lebensgefahr“, sagte Demmer. „Und er wird bald ausgeflogen werden.“ Es handele sich um einen Zivilisten.

US-Marines schützen Menschen auf dem Weg zur Evakuierung am Flughafen in Kabul.
US-Marines schützen Menschen auf dem Weg zur Evakuierung am Flughafen in Kabul - ein Foto vom 18. August 2021. © Isaiah Campbell/AFP

Die Lage um den Flughafen ist laut dpa weiterhin extrem gefährlich. Die Verzweiflung der Menschen, die auf Evakuierungsflüge gelangen wollen, wird von Stunde zu Stunde größer. Das berichtete demnach ein Augenzeuge. Seinen Angaben zufolge halten sich am Eingang zum zivilen Teil weiterhin Hunderte Menschen auf, die versuchen, auf das Gelände und dann mit Hilfe von westlichen Flugzeugen außer Landes zu kommen. Kämpfer der Taliban feuerten dort in die Luft und schlugen mit Peitschen, um die Leute zu vertreiben.

Afghanistan: Zwei Hubschrauber für die Evakuierung nach Kabul verlegen

Update vom 20. August, 10.58 Uhr: Die Bundeswehr will für die Evakuierung von Deutschen und Ortskräften aus Afghanistan einem Spiegel-Bericht zufolge zwei Hubschrauber in die Hauptstadt Kabul verlegen. Die beiden Helikopter des Kommandos Spezialkräfte (KSK) sollten zur Rettung von Schutzsuchenden aus der Luft eingesetzt werden, schreibt das Magazin. Die Hubschrauber seien eigentlich auf die Befreiung von Geiseln ausgerichtet, sehr beweglich und könnten selbst in eng bebauten Städten landen.

Mit den Helikoptern könnten KSK-Soldaten in den nächsten Tagen kleine Gruppen aus Kabul oder anderen von den Taliban kontrollierten Zonen an den schwer zugänglichen Flughafen bringen, berichtet der Spiegel unter Berufung auf Bundeswehrkreise. Bisher ist die Bundeswehr nur innerhalb des Flughafens Kabul im Einsatz, der von US-Truppen abgesichert wird. Andere Länder wie die USA und Frankreich haben in Kabul bereits Hubschrauber im Einsatz, um Schutzbedürftige zum Flughafen zu bringen.

Afghanistan: Taliban töten Familienangehörigen von Journalisten aus Deutschland

Update vom 20. August, 9.40 Uhr: Viele in Afghanistan haben Angst vor den Taliban. Das zeigt sich unter anderem an den zahlreichen Menschen, die versuchen am Flughafen von Kabul evakuiert zu werden (siehe Erstmeldung). Journalisten, Frauenrechtlerinnen, Ortskräfte, Menschenrechtsaktivisten und viele mehr: Sie bangen um ihr Leben.

Wie real die Gefahr ist, zeigt der Fall eines Journalisten. Die Deutsche Welle berichtet, dass Taliban-Kämpfer bei der Verfolgung eines ihrer Mitarbeiter einen Familienangehörigen des Journalisten erschossen und einen weiteren schwer verletzt haben. Die Taliban hätten in mehreren Häusern nach ihm gesucht, doch der Journalist arbeite mittlerweile in Deutschland. Andere Angehörige konnten gerade noch entkommen und seien auf der Flucht. DW-Intendant Peter Limbourg sagte: „Die Tötung eines nahen Verwandten eines unserer Redakteure durch die Taliban ist unfassbar tragisch und belegt die akute Gefahr, in der sich alle unsere Mitarbeitenden und ihre Familien in Afghanistan befinden.“ Und weiter: „Die Zeit läuft uns davon!“

Schwer bewaffnete Taliban-Kämpfer patrouillierten am Donnerstag nach ihrer Machtübernahme durch Kabul.
Schwer bewaffnete Taliban-Kämpfer patrouillierten am Donnerstag nach ihrer Machtübernahme durch Kabul. © Rahmat Gul/dpa

Afghanistan: Bundeswehr zieht erste Bilanz - Tausende Menschen warten weiter am Flughafen auf Rettung

Erstmeldung vom 20. August: Kabul - Mehr als 9.000 Menschen konnten der Hölle in Afghanistan mittlerweile entfliehen, westliche Länder haben sie alle seit der Machtübernahme der radikalislamischen Taliban aus dem Land gebracht. Doch noch immer warten Tausende verzweifelt auf ihre Rettung. Noch in der Nacht hatte die Bundeswehr mit einem weiteren Flug mehr als 100 Menschen in Sicherheit gebracht, die USA verzeichnen bislang über 7.000 gerettete Personen.

Zuletzt landete eine Transportmaschine der Bundeswehr vom Typ A400M mit 181 Menschen an Bord in der Nacht in der usbekischen Hauptstadt Taschkent. Zuvor war ein A400M mit 184 Menschen an Bord aus der afghanischen Hauptstadt eingetroffen. „Bisher wurden in elf Umläufen über 1640 Menschen aus Afghanistan evakuiert“, teilte die Bundeswehr via Twitter mit. Die USA meldeten am Donnerstag, sie hätten in den vergangenen fünf Tagen rund 7000 Menschen aus Kabul ausgeflogen. Auch andere westliche Länder haben bereits hunderte Landsleute ausgeflogen, darunter Frankreich, die Türkei oder Großbritannien.

Afghanistan: Tausende warten am Flughafen Kabul auf Rettung - Offenbar mehrere Todesopfer

Doch noch immer warten tausende Afghanen am Flughafen auf eine Rettung aus Kabul*. Wie die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf unbestätigte Berichte erklärt, soll es zudem mehrere Todesopfer am Flughafen gegeben haben. Dramatische Szenen hatten sich schon kurz nach der Machtübernahme der Taliban am Flughafen abgespielt, Menschen klammerten sich an startende US-Flugzeuge und stürzten dann ab. Dabei kam nach Angaben eines Sportverbandes auch ein Fußballspieler der afghanischen Jugend-Nationalmannschaft ums Leben.

Die Gruppe sieben wichtiger Industrieländer G7 forderten ebenso wie die UNO die Taliban am Donnerstag auf, den Afghanen, die das Land verlassen wollen, einen sicheren Zugang zum Flughafen zu gewähren. Die UNO warnte vor der systematischen Verfolgung von afghanischen Nato-Ortskräften, die Taliban führten „Prioritätenlisten“ für Festnahmen. Die USA versicherten aber am Donnerstag, dass sich der Zugang zum Flughafen verbessert habe. Pentagon-Sprecher John Kirby sagte, „der Prozess funktioniert“. Auch das US-Außenministerium verwies auf „produktive Gespräche“ mit den Taliban.

Afghanistan: Bundesaußenminister Heiko Maas noch immer in der Kritik

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) stand derweil weiter wegen der von ihm selbst eingestandenen Fehleinschätzungen zur Lage in Afghanistan unter Druck, die mit zu der höchst riskanten Evakuierungsaktion der Bundeswehr in Kabul führte. Vize-Kanzler und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz nahm ihn in Schutz, Maas sei „die falsche Adresse“. Auch gehe es jetzt vor allem um die Evakuierungsmission, sagte er der Rheinischen Post.

Auch Unionskanzlerkandidat Armin Laschet wandte sich gegen kurzfristige personelle Konsequenzen. „Die Fehler müssen wir aufklären, aber nicht inmitten eines gefährlichen Einsatzes der Bundeswehr, um Menschenleben zu retten“, hob er in der Neuen Osnabrücker Zeitung hervor. Laschet plädierte zudem für einen direkten Dialog mit den Taliban, um den Menschen zu helfen, die aus Afghanistan hinaus wollten. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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