Taliban-Patrouille im afghanischen Kabul.
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Schwer bewaffnete Taliban-Kämpfer patrouillieren mit wehender Flagge durch Kabul. Die radikalen Islamisten haben das Land unter ihre Kontrolle genommen.

Unter dem Schlagwort „Emirat 2.0“

Brisanter Bericht: BND warnte Bundesregierung offenbar schon im Dezember vor Taliban-Eroberung

  • Andreas Schmid
    VonAndreas Schmid
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Der BND prognostizierte offenbar schon vor acht Monaten die Machtübernahme der Taliban - und forderte Hilfe für die Ortskräfte. Ohne Erfolg.

Berlin/Kabul - Binnen weniger Tage haben die militant-islamistischen Taliban Afghanistan zurückerobert. Nach dem Truppenabzug aus dem Land gipfelte die Situation in den letzten Tagen in einem regelrechten Desaster. Während Menschen vor Ort um ihr Leben fürchten, beginnen im rund 5000 Kilometer entfernten Deutschland Aufarbeitung und Schuldzuweisung. Die Kritik an der Bundesregierung wird immer lauter. Ein brisanter Bericht gießt zusätzlich Öl ins Feuer.

Afghanistan: BND warnte vor Zusammenbruch des Landes - und Übernahme der Taliban

Der Bundesnachrichtendienst (BND) hat die Bundesregierung offenbar seit vielen Jahren vor dem Zusammenbruch des afghanischen Staates* gewarnt. Der Auslandsgeheimdienst habe immer wieder Analysen vorgelegt, wonach weder das Militär Afghanistans noch die Politik so aufgestellt seien, dass sie dauerhaft funktionieren könnten, berichtete der Spiegel am Donnerstag. Allerdings seien die Beamten in den zuständigen Ministerien kaum auf Gehör gestoßen, hieß es unter Berufung auf Angaben aus Sicherheitskreisen.

Mehrere mit den Vorgängen vertraute Mitarbeiter berichteten dem Magazin von „teilweise frustrierenden Momenten“. Ihre bis dahin negativste Einschätzung gaben die Beamten des Dienstes demnach im Dezember 2020 ab, also bereits acht Monate vor der Eroberung Kabuls. Unter dem Schlagwort „Emirat 2.0“ prognostizierte der BND demnach die Machtübernahme der radikalen Islamisten. Einen konkreten Zeitpunkt konnten die Beamten in dem Bericht allerdings nicht nennen. Es sei auch die Rede davon gewesen, die Taliban würden auf eine militärische Auseinandersetzung verzichten. Allerdings könnte ein Abzug internationaler Soldaten den Eroberungsfeldzug der Taliban beschleunigen.

Afghanistan: BND forderte offenbar Hilfe für Ortskräfte

Die Gefahr sei insgesamt real. Daher habe der BND auch eindringlich darum gebeten, möglichst alle afghanischen Mitarbeitern des deutschen Auslandsgeheimdienstes in das Schutzprogramm für Ortskräfte mitaufzunehmen, damit sie das Land in Richtung Deutschland verlassen könnten. Passiert ist allerdings wenig. Die Grünen hatten einen Antrag auf ein Gruppenverfahren zur „großzügigen Aufnahme afghanischer Ortskräfte“ gestellt. Der Antrag wurde im Juni abgelehnt – „aus Prinzip“, wie der CDU-Abgeordnete Roderich Kiesewetter durchblicken ließ.

Die Bundesregierung ist in den Abendstunden des Donnerstags (19. August) weiterhin mit der Rettung von Menschen aus Afghanistan beschäftigt. Am Flughafen in Kabul ist die Situation weiterhin angespannt. Die Kritik am Umgang mit den Ortskräften wird derweil immer lauter*. Heike Hänsel, stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestages, findet es „beschämend, wie die Bundesregierung die afghanischen Ortskräfte regelrecht im Stich gelassen hat.“ Die Große Koalition trage die „Verantwortung für die dadurch gefährdeten oder verlorenen Menschenleben“, sagt Hänsel gegenüber Merkur.de.

Afghanistan: Auch US-Geheimdienste warnten - Innenausschuss im Bundestag

Kritiker nehmen derweil nicht nur Deutschland, sondern generell den Westen in die Pflicht. Auch in den USA läuft eine Debatte um Schuldzuweisungen. Hat Präsident Joe Biden die Lage falsch eingeschätzt*? In der US-Geheimdienstanalyse heißt es in einem Bericht der New York Times zufolge, dass die Taliban aus ihrer Übernahme des Landes in den 1990er Jahren gelernt hätten. Diesmal würden die Islamisten zunächst die Grenzübergänge sichern, Provinzhauptstädte in ihre Gewalt nehmen und weite Teile im Norden des Landes einnehmen, bevor sie auf Kabul vorrücken würden. Je mehr Städte in die Hände der Islamisten fielen, desto schneller könne es zu einem Zusammenbruch kommen. Die Prognose war korrekt.

Der BND und die Bundesregierung waren wegen der schlechten Vorbereitung auf die Machtübernahme der Taliban parteiübergreifend in der Kritik geraten. Zwischenzeitlich kamen auch Fragen auf, wie gut der BND informiert war. Es gab Berichte, wonach der Bundesnachrichtendienst eine Taliban-Übernahme als „eher unwahrscheinlich“ betrachtete*. Am Donnerstag kamen im Deutschen Bundestag der Innenausschuss und das Parlamentarische Kontrollgremium zu Sondersitzungen zusammen. Es wird auch über einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss diskutiert. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur wird Kanzlerin Angela Merkel (CDU)* am 25. August im Bundestag eine Regierungserklärung zu Afghanistan abgeben. (as) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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