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Afghanistan: Ex-Bundeswehr-Hauptmann rechnet mit Regierung ab - „Versagen politischer Führung“

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Von: Andreas Schmid

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„Die politische Führung hat verlernt zu handeln“, sagt ein früherer Bundeswehr-Hauptmann in Richtung Bundesregierung. Die Kritik wird lauter.

München/Kabul - Seit Tagen versuchen Deutschland und andere Staaten, Menschen aus Afghanistan auszufliegen, doch am Flughafen der Hauptstadt Kabul ist die Lage unübersichtlich. Das liegt auch an Fehlern der Bundesregierung, sagt ein früherer Soldat.

Afghanistan: Ex-Bundeswehr-Soldat kritisiert Regierung - „Evakierung verläuft ad hoc und chaotisch“

In den vergangenen Tagen wurden immer mehr Vorwürfe laut, die Bundesregierung sowie der Westen generell, haben die Situation in Afghanistan falsch eingeschätzt. Dass die radikalen Islamisten der Taliban das südasiatische Land binnen weniger Tage zurückerobern sollten, hätte man nicht geahnt, hieß es. Nach dem Truppenabzug aus Afghanistan haben die militant-islamistischen Taliban die Macht im Land an sich gerissen.

Laut Oliver Schneider, einem früheren Hauptmann der Bundeswehr-Spezialeinheit Kommando Spezialkräfte (KSK) gebe die Bundesregierung in diesen Tagen ein äußerst schlechtes Bild ab. Es gipfele in den derzeitigen Versuchen, Menschen aus Kabul auszufliegen. Die Evakuierung verlaufe „ad hoc und chaotisch“, schreibt Schneider in einem Gastbeitrag für Focus Online. „Ohne Vorkommando, ohne Fahrzeuge, ohne Hubschrauber, ohne schwere Waffen.“

Afghanistan: „Mir fehlen die Worte ob des Versagens der politischen Führung“

Die Politik habe viel zu spät reagiert und hätte Warnungen nicht ernst genommen. „Wenn ich hoffe, dass es schon irgendwie anders gut gehen möge, dann mache ich mich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig. Wenn ich dann noch behaupte, die Lage kam überraschend und man hat das nicht ahnen können, dann lüge ich. Denn die Lage war klar“, meint Schneider.

Die Bundeswehr hätte weitaus früher eingesetzt werden müssen, um die Ortskräfte rechtzeitig zu retten. „Jetzt lag der Ball bei der politischen Führung und die hat sich mal wieder weggeduckt und ist lieber dem ‚Dogma des Zivilen‘ erlegen, bevor man die bösen Fallschirmjäger und Kommandosoldaten aktiviert.“ Dem früheren Offizier „fehlen die Worte ob des Versagens der politischen Führung.“ Schneiders Fazit: „Es zeigt sich wieder einmal, die politische Führung hat verlernt nach vorne zu denken und zu handeln.“ Eine Nicht-Entscheidung sei auch eine Entscheidung. „Nur kostet sie dieses Mal Menschenleben, gefährdet unnötig eigenes Personal und lässt das Vertrauen in den Staat weiter erodieren.“

Kommando Spezialkräfte KSK
Bundeswehrsoldaten der Eliteeinheit Kommando Spezialkräfte (KSK) bei einem Übungseinsatz. Oliver Schneider war einst Hauptmann der KSK. Nun erhebt er schwere Vorwürfe in Richtung Bundesregierung. (Symbolbild) © Kay Nietfeld/dpa

Afghanistan: Menschen werden nach Deutschland geflogen - Aufarbeitung beginnt

Um die Evakuierung voranzutreiben, ist die Bundesregierung über den Botschafter Markus Potzel mit den Taliban im Gespräch. Am frühen Donnerstagmorgen landeten in Frankfurt weitere Flugzeuge mit insgesamt etwa 500 Menschen, die zuvor aus Afghanistan in Sicherheit gebracht worden waren. Weitere 200 Menschen wurden von der Bundeswehr aus Kabul ins Nachbarland Usbekistan ausgeflogen.

Am Donnerstag kamen im Deutschen Bundestag der Innenausschuss und das Parlamentarische Kontrollgremium zu Sondersitzungen zusammen. Im Raum steht der Vorwurf, dass die Bundesregierung den Vormarsch der Taliban unterschätzt hat. Deshalb wird auch über einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss diskutiert. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur wird Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am 25. August im Bundestag eine Regierungserklärung zu Afghanistan abgeben. (as)

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