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Vergessene afghanische Fluglotsen: Sie gaben ihr „Bestes für Deutschland“ - nun fürchten sie um ihr Leben

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Von: Kathrin Braun

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Ein Foto aus Dienstzeiten hat Deniz Ahmadi per Handy aus Afghanistan geschickt. Zehn Jahre, sagt er, habe er für die Bundeswehr gearbeitet.
Ein Foto aus Dienstzeiten hat Deniz Ahmadi per Handy aus Afghanistan geschickt. Zehn Jahre, sagt er, habe er für die Bundeswehr gearbeitet. © Privat

Viele Jahre haben Deniz Ahmadi und Amin Sadat als Fluglotsen für die Bundeswehr gearbeitet. Aus Angst vor der Rache der Taliban sind sie in Kabul untergetaucht.

München - Ständig hört man Schüsse. Deniz Ahmadi, 30, (Name geändert) weiß nicht, was draußen passiert. Wenn er aus dem Fenster blickt, sind die Straßen Kabuls leer. „Die meisten Menschen bleiben in ihren Häusern“, erzählt er, „aus Angst vor den Taliban.“ Auch er bleibt in seinem Versteck bei Bekannten. Zusammen mit seiner Frau und seinen Kindern. Seine Söhne sind zwei und vier Jahre alt. In ihre Heimatstadt, Masar-i-Scharif, kann die Familie nicht zurück.

Ahmadi ist sicher: Die Taliban würden ihn sofort finden. „Ich habe zehn Jahre lang mit den Soldaten der deutschen Bundeswehr im Camp Marmal gearbeitet“, erzählt der Afghane im Telefonat mit dem Münchner Merkur. Ahmadi spricht fließend Englisch und das Gespräch gibt ihm neue Hoffnung. „Ich bin einer der zehn Fluglotsen aus dem Kontrollturm des Flughafens Mazar-i-Sharif.“ Jetzt wartet er in Kabul darauf, evakuiert zu werden. Wartet auf den Anruf, dass er und seine Familie einen Flieger nach Deutschland bekommen. Aber der Anruf kommt nicht. Seit zwölf Tagen ist Ahmadi auf der Flucht. So wie ihm gehe es auch den neun anderen afghanischen Fluglotsen, berichtet er. Sie alle würden in verschiedenen Verstecken warten – quer verteilt in der Hauptstadt Afghanistans. Und um ihr Leben fürchten.

Von deutschen Fluglotsen ausgebildet: „Wir waren alle um die 18, 19 Jahre alt“

Bis vor wenigen Wochen noch war Camp Marmal das größte Feldlager der Bundeswehr im Ausland. Dort wurden Ahmadi und seine Kollegen im Jahr 2011 von deutschen Fluglotsen ausgebildet, wie er erzählt. „Als wir angefangen haben, mit den Deutschen zu arbeiten, haben wir gerade unsere Schulabschlüsse gemacht. Wir waren alle um die 18, 19 Jahre alt.“ Drei Jahre später haben sie selbst als Fluglotsen für die deutsche Luftwaffe gearbeitet. „Meine Aufgabe war die Verwaltung und Kontrolle des militärischen und zivilen Luftverkehrs“, sagt Ahmadi.

Dem Münchner Merkur liegt ein Arbeitsvertrag zwischen Ahmadi und der Bundesrepublik Deutschland vor. „Obwohl wir jahrelang mit den Deutschen gearbeitet haben und von ihnen bezahlt wurden, hat man uns nicht aus Afghanistan* rausgeholt.“ Ihnen fehle eine sogenannte „Contract ID“, eine Identifikationsnummer, die sie als Ortskräfte kennzeichne. „Ich habe das Gefühl, dass Deutschland mich und meine Familie im Stich lässt“, sagt Ahmadi. „Aber das kann ich nicht glauben, denn die Deutschen, für die ich gearbeitet habe, sind freundliche und fürsorgliche Menschen.“

Deutsche Kollegen waren wie ein Teil der Familie: „Ich habe mein Bestes für Deutschland getan“

In den zehn Jahren habe Ahmadi seine deutschen Kollegen als Teil seiner Familie betrachtet. „Ich habe mein Bestes für Deutschland getan. Wegen der deutschen Menschen, die uns schon seit Jahren zur Seite stehen“, sagt er. Bis zum letzten Tag des Bundeswehreinsatzes, dem 29. Juni, habe er beim Abzug der deutschen Truppen aus Afghanistan geholfen. „In dieser Zeit arbeitete ich zwölf Stunden am Tag, mit nur drei anderen Fluglotsen, um den Flughafen offen zu halten. Wir wollten die Mission nicht stoppen.“ Viele seiner Kollegen seien in Quarantäne gewesen – Corona-positiv.

Am Samstag, 14. August, haben die Taliban Ahmadis Heimat Mazar-i-Scharif eingenommen. Zwei Tage vorher, am Donnerstag, haben Ahmadi und seine Familie einen der letzten Flüge nach Kabul bekommen. Die Taliban hatten die Stadt da schon umzingelt. „Wir haben nur einen kleinen Rucksack packen können und sind so schnell wie möglich geflohen. Wir haben alles dagelassen. Auch meinen Vater, meine Mutter und meine Schwester.“ Zuhause werde er von den Taliban bedroht. Für die sei er ein Verräter. Vor einigen Tagen hätten die Terroristen das Nachbarhaus ihres Verstecks in Kabul durchsucht. „Ich weiß nicht, wie lange wir noch hier bleiben können.“ Die neun anderen Fluglotsen seien mit dem Auto nach Kabul geflohen, erzählt Ahmadi.

Versteckt im Hotel in Afghanistan: „Wir waren auf uns alleine gestellt“

Einer von ihnen ist Amin Sadat, 29 (Name geändert). Seit fast zwei Wochen versteckt er sich in einem Hotel in Kabul. „Seit uns die deutschen Truppen im Juni verlassen haben, wurde unsere Situation von Tag zu Tag schlechter“, erzählt auch er dem Münchner Merkur via Handy. „Wir waren auf uns alleine gestellt.“ Die Bundeswehr habe viele afghanische Ortskräfte abgeholt. „Wir haben von Reinigungskräften gehört, die jetzt in Deutschland in Sicherheit sind. Von einem Shop Mitarbeiter, der Kleidung und Schuhe verkauft hat. Wir hingegen wurden zurückgelassen, obwohl wir an gefährlichen, militärischen Missionen beteiligt waren“, sagt Sadat. „Wir hören aus den Medien, dass tausende Menschen evakuiert wurden. Wer sind all diese Leute?“

Sadat versteckt sich alleine. Er sei der einzige Fluglotse ohne Frau und Kinder. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie schlimm es für meine Kollegen sein muss, die um das Leben ihrer Kinder fürchten.“ Sadat kann nur noch wenige Tage für sich sorgen. „Das Hotel ist teuer, ich esse jeden Tag im Restaurant. Das Geld geht mir aus.“ Für ihn gibt es kein Zurück in die Heimat. Dort würden die Taliban seinen Namen kennen. „Leute aus unserer Nachbarschaft gehören den Taliban an.“

Auch er hofft weiter auf einen Anruf. Ein Anruf, in dem man ihm mitteilt, dass er und seine Kollegen auf der Evakuierungsliste stehen und zum Flughafen dürfen. „Ich weiß, dass es dort gefährlich ist. Dass dort geschossen wird. Aber wir werden das Risiko auf uns nehmen, irgendwie zum Gate kommen. Wir schaffen das schon.“ *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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