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Afghanistan: „Hunderte Kämpfer“ gegen 9000 - Taliban wollen Widerstandshochburg angreifen

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Viele Menschen wollen verzweifelt raus aus Afghanistan. Im Gedränge sind Menschen ums Leben gekommen. Die Taliban wollen derweil eine Widerstandshochburg angreifen.

Update vom 22. August, 20.29 Uhr: Nach ihrer Machtübernahme in Afghanistan wollen die radikalislamischen Taliban nun auch das als Widerstandshochburg bekannte Pandschirtal in ihre Gewalt bringen. „Hunderte Kämpfer“ seien auf dem Weg in die Provinz Pandschir, „um sie unter Kontrolle zu bringen, nachdem örtliche Regierungsvertreter sich geweigert haben, sie friedlich zu übergeben“, schrieben die Taliban am Sonntag auf Twitter.

Das Pandschirtal ist eine der wenigen Regionen in Afghanistan, die sich nach dem Eroberungsfeldzug der Taliban noch der Kontrolle der Islamisten entziehen. Das Tal gilt als Hochburg des Widerstandes, weil es weder von sowjetischen Soldaten noch von den Taliban eingenommen worden war.

Ahmed Massud, der Sohn eines berühmten Taliban-Gegners und Kriegsherrn, versucht derzeit, dort eine Widerstandsgruppe aufzubauen. Ihr sollen auch ehemalige Angehörige der afghanischen Streitkräfte angehören, die wegen des Vormarschs der Taliban nach Pandschir geflohen waren.

Es solle eine Truppe von 9000 Kämpfern entstehen, sagte der Sprecher der Anti-Taliban-Einheiten, Ali Maisam Nasari, der Nachrichtenagentur AFP. Bei einem Militärtraining der Gruppe waren am Samstag dutzende Rekruten und mehrere gepanzerte Geländewagen zu sehen. Massud warnte die Taliban am Sonntag vor einer Offensive im Pandschirtal. „Die Taliban werden nicht lange überleben, wenn sie diesen Weg weiter beschreiten“, sagte er im Fernsehsender Al-Arabija. „Wir sind bereit, Afghanistan zu verteidigen, und wir warnen vor einem Blutvergießen.“

Afghanistan: nun droht ein IS-Anschlag - „Die Bedrohung ist real, sie ist akut, sie ist anhaltend“

Update vom 22. August, 15.52 Uhr: Die US-Regierung hat Medienberichte über die Gefahr eines Anschlags der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) am Flughafen Kabul oder in der Umgebung bestätigt. „Die Bedrohung ist real, sie ist akut, sie ist anhaltend“, sagte der Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Jake Sullivan, am Sonntag im Sender CNN. „Wir arbeiten intensiv mit unseren Geheimdiensten zusammen, um herauszufinden, woher ein Angriff kommen könnte.“ Man nehme die Warnungen „absolut todernst“. Die Taliban und der regional aktive Zweig des IS sind verfeindet und haben in der Vergangenheit gegeneinander gekämpft.

Johnson lädt zu G7-Treffen wegen Afghanistan am Dienstag

Update vom 22. August, 15 Uhr: Der britische Premier Boris Johnson lädt zu einem virtuellen G7-Treffen wegen der Lage in Afghanistan: „Ich werde die Staats- und Regierungschefs der G7 am Dienstag zu dringenden Gesprächen über die Lage in Afghanistan einberufen“, schrieb er auf Twitter. „Es ist von entscheidender Bedeutung, dass die internationale Gemeinschaft zusammenarbeitet, um sichere Evakuierungen zu gewährleisten, eine humanitäre Krise zu verhindern und das afghanische Volk dabei zu unterstützen, die Errungenschaften der letzten 20 Jahre zu sichern.“

Afghanistan: In den vergangenen sieben Tagen starben mindestens 20 Menschen im Gedränge rund um den Flughafen

Update vom 22. August, 14.50 Uhr: In Kabul sind im Gedränge rund um den Flughafen in den vergangenen sieben Tagen insgesamt mindestens 20 Menschen ums Leben gekommen. Diese Zahl nannte ein Nato-Vertreter der Nachrichtenagentur Reuters. „Unser Fokus ist die Evakuierung aller Ausländer so schnell wie möglich“, sagte er.

Neben all den traurigen Schicksalen ging es für ein Neugeborenes und seine Mutter am Ende aber gut aus: Eine afghanische Frau hat an Bord eines US-Evakuierungsflugzeugs ein Baby zur Welt gebracht. Ihre Wehen und zusätzliche gesundheitliche Beschwerden setzten auf dem Weg zum US-Stützpunkt Ramstein in Deutschland ein, wie das Transportkommando der US-Luftwaffe am Sonntag mitteilte. Ihr Zustand habe sich verbessert, nachdem die C-17-Transportmaschine niedriger flog und der Luftdruck im Flugzeug sich dadurch erhöhte. Das Manöver habe geholfen, ihr Leben zu retten. Nach der Landung im pfälzischen Ramstein habe die Frau im Laderaum der Maschine mit Hilfe von Soldaten ein Mädchen zur Welt gebracht. Mutter und Kind gehe es gut.

Bundeswehr fliegt weitere 196 Menschen aus Afghanistan aus

Update vom 22. August, 13.50 Uhr: Die Bundeswehr hat weitere 196 Menschen aus Afghanistan ausgeflogen. Eine Transportmaschine A400M sei am Sonntag um 11.19 Uhr (MESZ) vom Flughafen der Hauptstadt Kabul in Richtung Usbekistan gestartet, teilte das Einsatzführungskommando über Twitter mit. „Die Lage dort ist nach wie vor sehr schwierig. Es wird alles getan, so viele Schutzbedürftige wie möglich pro Flug nach Taschkent auszufliegen.“

Afghanistan: GIZ zahlt bleibewilligen Ortskräften ein Jahresgehalt - Grüne findet Vorgehen „bitter“

Die deutsche Entwicklungshilfeagentur GIZ zahlt derweil afghanischen Ortskräften, die das Land nicht verlassen wollen, ein Jahresgehalt im Voraus. Einen entsprechenden Spiegel-Bericht bestätigte das Entwicklungsministerium am Sonntag. Es machte aber auch deutlich, dass die afghanischen Mitarbeiter damit nicht zum bleiben gedrängt werden sollen. Aus rechtlichen Gründen müssten sie zwar im Gegenzug versichern, sich nicht in das Programm für die Rückführung von Ortskräften aufnehmen zu lassen. „Sollten die Ortskräfte aber ihre Meinung ändern, insbesondere wenn sich die Gefährdungslage ändert, dann können sie sich immer noch auf die Ausreiseliste setzen lassen“, sagte ein Ministeriumssprecher der Deutschen Presse-Agentur.

Für die Gesellschaft für Entwicklung und Zusammenarbeit (GIZ) waren bis zur Machtübernahme der Taliban noch rund 1100 afghanische Mitarbeiter tätig. Kurz nach dem Umsturz vor einer Woche setzte die Bundesregierung die Entwicklungshilfe komplett aus. Die afghanischen Mitarbeiter können sich nun entscheiden, ob sie auf einen der Evakuierungsflüge vom Flughafen Kabul wollen oder nicht. Diejenigen, die bleiben, bekommen das Jahresgehalt, obwohl sie faktisch keine Beschäftigung mehr haben. Alle afghanischen Ortskräfte würden „unbürokratisch unterstützt - finanziell und nicht-finanziell“, erklärte das Ministerium.

Es gab jedoch scharfe Kritik an diesem Verfahren. Die FDP-Verteidigungspolitikern Marie-Agnes Strack-Zimmermann nannte es auf Twitter „abstoßend“ und fragte die GIZ: „Was läuft bei euch falsch?“ Die Grünen-Fraktionsgeschäftsführung Britta Haßelmann nannte das Vorgehen „bitter“. „Ein weiterer Tiefpunkt im Handeln der Bundesregierung“, schrieb sie auf Twitter.

Ein Taliban-Kämpfer steht am Sonntag an einem Kontrollpunkt im Viertel Wazir Akbar Khan in afghanischen Hauptstadt Kabul.
Ein Taliban-Kämpfer steht am Sonntag an einem Kontrollpunkt im Viertel Wazir Akbar Khan in afghanischen Hauptstadt Kabul. © Rahmat Gul/dp

Taliban machen USA für chaotische Szenen in Kabul verantwortlich

Update vom 22. August, 11.55 Uhr: Die militant-islamistischen Taliban haben die US-Streitkräfte für die chaotischen Szenen am Kabuler Flughafen verantwortlich gemacht. „Amerika, mit all seiner Macht und seinen Möglichkeiten“, habe es nicht geschafft, „Ordnung auf dem Flughafen zu schaffen“, sagte der hochrangige Taliban-Beamte Amir Chan Mutaki am Sonntag. „Im ganzen Land herrscht Frieden und Ruhe, nur am Flughafen von Kabul herrscht Chaos“, fügte er hinzu. Im Gedränge vor dem Flughafen in der afghanischen Hauptstadt kamen nach Angaben des britischen Verteidigungsministeriums vom Sonntag sieben Afghanen ums Leben (siehe Erstmeldung).

„Alle in der Stadt beschweren sich mittlerweile“: In Afghanistan geht das Bargeld aus

In Afghanistan geht den Menschen nach der Machtübernahme der Taliban jedoch zunehmend das Bargeld aus. Einwohner Kabuls berichteten der Deutschen Presse-Agentur, die Geldautomaten in der Stadt seien praktisch leer. Banken und auch der Geldwechselmarkt seien seit einer Woche geschlossen. „Alle in der Stadt beschweren sich mittlerweile, dass sie kein Geld abheben können“, sagte ein Bewohner. Ein Mann sagte dem lokalen TV-Sender ToloNews, seine Bank habe zudem eine Obergrenze für Abhebungen eingeführt. Wenn denn ein Geldautomat doch noch befüllt sei, könne man nur 10.000 Afghani (rund 100 Euro) abheben. Viele drücke die Sorge, dass sie angesichts der aktuellen Krise überhaupt nicht mehr an ihr Geld kommen.

Auf der Facebook-Seite des Finanzministeriums hieß es in der Nacht zu Sonntag, die Zentralbank, private Banken und andere Finanzinstitutionen nähmen bald wieder ihren Betrieb auf. Gleichzeitig wurde das „technische Personal“ des Ministeriums aufgerufen, zur Arbeit zurückzukehren. Andere Ministeriumsmitarbeiter sollten eine Entscheidung der Finanzkommission der Taliban abwarten. Es hieß zudem, alle zivilen Staatsangestellten würden ab dem Beginn der „neuen islamischen Regierung“ wieder wie früher bezahlt werden.

Mehrere Kinder am Flughafen Kabul vermisst - Familie kümmert sich um Jungen, den sie im Stacheldraht festhängend fanden

Update vom 22. August, 10.27 Uhr: Im Gedränge der Tausenden Menschen am Flughafen Kabul in Afghanistan sind nach Berichten örtlicher Medien mehrere Kinder verloren gegangen. So kümmert sich einer Reportage des Fernsehsenders Ariana News zufolge eine Familie aus der Hauptstadt seit einer Woche um ein Kind im Grundschulalter, das es am Flughafen im Stacheldraht festhängend gefunden hatte. Bis heute seien die Eltern trotz vieler Bemühungen nicht auffindbar, sagte die Familie.

Der etwa sechs Jahre alte Junge habe gesagt, er sei mit den Eltern zum Flughafen gefahren, um das Land zu verlassen. Sein Vater sei vorgegangen, dann sei er selbst aber hingefallen. Kurz darauf habe er beide Elternteile nicht mehr sehen können. Auch lokale Journalisten berichteten in sozialen Medien, dass Menschen Fotos von vermissten Kindern am Flughafen anbringen.

Afghanische Menschen versammelten sich am Freitag entlang einer Straße, während sie darauf warten, ein US-Militärflugzeug zu besteigen.
Afghanische Menschen versammelten sich am Freitag entlang einer Straße, während sie darauf warten, ein US-Militärflugzeug zu besteigen. © Wakil Kohsar/AFP

Kabul: Menschen kommen im Gedränge ums Leben

Erstmeldung vom 22. August: Kabul - In Kabul sind im Gedränge rund um den Flughafen nach Angaben der britischen Regierung sieben Menschen ums Leben gekommen. „Unsere Gedanken sind bei den Familien von sieben afghanischen Zivilisten, die tragischerweise in der Menge in Kabul gestorben sind“, hieß es am Sonntag in einem Statement des Verteidigungsministeriums.

Zuvor hatte bereits ein Korrespondent des britischen Senders Sky News von chaotischen Szenen vor den Toren des Flughafens berichtet, bei denen Menschen am Samstag „gequetscht“ worden seien. Viele seien dehydriert und verzweifelt gewesen. Seinem Bericht zufolge konnten Sanitäter bei mehreren Menschen keine Lebenszeichen mehr feststellen, woraufhin diese in weiße Tücher gehüllt wurden.

Afghanistan: Chaotische Zustände am Flughafen in Kabul

Seit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan versuchen täglich zahlreiche Afghanen und ausländische Staatsbürger*, sich Zutritt zum Flughafen der Hauptstadt zu verschaffen, um mit einem der Evakuierungsflüge dem Land zu entkommen. Die deutsche und die amerikanische Botschaft in Kabul rieten ihren Staatsbürgern am Samstag von Versuchen ab, den Flughafen zu erreichen.

Die Bundeswehr teilte am späten Samstagabend mit, sie habe inzwischen mehr als 2130 Menschen aus Kabul ausgeflogen. Die US Streitkräfte brachten nach Angaben des Pentagons seit Beginn ihrer Mission am Samstag vergangener Woche 17.000 Menschen über die Luftbrücke in Sicherheit.

„Die Situation ist schwierig“: Kramp-Karrenbauer will Evakuierung unter Hochdruck fortsetzen

Verteidigungsministerin* Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU*) sicherte zu, dass die Bundeswehr die Evakuierung unter Hochdruck fortsetzen werde. „Die Situation ist schwierig, aber wir werden mit den Möglichkeiten und allem, was sich vor Ort ergibt, weiter dranbleiben, so viele wie möglich herauszuholen“, sagte sie am Samstag in Berlin. Pentagon-Sprecher John Kirby sagte in Washington: „Wir wissen, dass wir sowohl gegen die Zeit als auch gegen den Raum kämpfen. Das ist das Rennen, in dem wir uns gerade befinden.“

Das Zeitfenster für weitere Evakuierungen aus Kabul wird immer kleiner. Die USA wollen eigentlich zum 31. August den Abzug ihrer Truppen abschließen. Eine Fortführung des Evakuierungseinsatzes ohne die USA gilt als ausgeschlossen. Die Bundeswehr verlegte zwei Hubschrauber nach Kabul, um mehr Möglichkeiten bei den Evakuierungen zu haben. Die wendigen Helikopter kamen am Samstag in Kabul an und sind nach Angaben des Verteidigungsministeriums einsatzbereit.

Demonstrationen in Deutschland wegen der Lage in Afghanistan

Mit einer Demonstration im Berliner Regierungsviertel wollen Aktivisten an diesem Sonntag ihrer Forderung nach einer schnellen und unbürokratischen Evakuierung bedrohter Menschen aus Afghanistan Nachdruck verleihen. Nach Angaben der Polizei wurden 1000 Teilnehmer zu einer Kundgebung um 13 Uhr am Kanzleramt angemeldet. Die Organisatoren rechnen mit mehreren Tausend Menschen, sagte ein Sprecher der Initiative „Seebrücke“. In mehreren deutschen Städten demonstrierten bereits am Samstag Menschen für sichere Fluchtwege aus Afghanistan - so gingen in Hannover, Göttingen und Frankfurt am Main laut Polizei jeweils mehrere Hundert Menschen auf die Straße. (dpa) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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