Konflikt in Afghanistan - Ortskräfte in Brandenburg agekommen
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Eine Frau, die zusammen mit weiteren Ortskräften aus Afghanistan angekommen ist, sitzt in einem Zelt.

Evakuierung könnte für viele zu spät kommen

Afghanistan: Was sind eigentlich „Ortskräfte“ - und warum brauchen sie Schutz?

  • Kathrin Reikowski
    VonKathrin Reikowski
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Afghanistan versinkt wenige Wochen nach Beginn des Truppenabzugs im Chaos. Warum sollen nun so dringend „Ortskräfte“ evakuiert werden?

München - Die Bundeswehr fliegt deutsche Staatsbürger und Ortskräfte aus dem von den Taliban eroberten Afghanistan aus. Auch wenn es durch chaotische Szenen am Flughafen Kabul fast unmöglich scheint - das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BaMF) will den Ortskräften eine Ausreise aus Afghanistan ermöglichen.

„Ich bedauere sehr, dass ich für die Bundeswehr gearbeitet habe. Wenn die Taliban an meine Tür klopfen, hoffe ich, dass sie mich gleich erschießen“, hatte Anfang Juli der Übersetzer Ahmad Jawid Sultani in einem Gastbeitrag der Süddeutschen Zeitung geschrieben. Doch warum sind Ortskräfte und ihre Familien in Afghanistan besonders gefährdet?

Ortskräfte in Afghanistan: Arbeit für die deutsche Bundeswehr oder deutsche Firmen

Wer bei einem Auslandseinsatz der Bundeswehr in seinem Heimatland für die deutsche Armee tätig ist, wird „Ortskraft“ genannt. Dazu zählen Menschen, die als Übersetzerinnen und Übersetzer tätig sind, die Fahrdienste ausüben oder etwa als Sicherheitskraft oder Koch arbeiten. Außerdem zählen auch Mitarbeitende von deutschen Hilfs- und Entwicklungsorganisationen dazu, die Staatsbürger des Einsatzlandes sind - und die Definition kann auch auf Angestellte deutscher Firmen erweitert werden.

„Wir gehen überall zusammen hin, was uns passiert, passiert auch dir. Wir bekämpfen zusammen den Terrorismus, wir gehen überall hin, wo die Aufständischen sein könnten, und du bist ganz vorne dabei“, hatte die Bundeswehr dem Übersetzer laut dessen Schilderung bei seinem Bewerbungsgespräch gesagt. Nach 24 Stunden Bedenkzeit habe er zugestimmt - gegen die Warnungen seiner Familie. Weil er zum Frieden in seinem Land beitragen wollte.

Ortskräfte in Afghanistan: Darum ist ihr Leben besonders gefährdet

Nachdem die Taliban den Präsidentenpalast in Kabul eingenommen hatte, hatten sie den Mitarbeitenden ausländischer Militärorganisationen eine Amnestie versprochen. Doch Expertinnen und Experten zweifeln stark am Wahrheitsgehalt dieser Aussage. „In den Augen der Taliban habe ich mit dem Feind gearbeitet“, schreibt auch Sultani. „Und auch in der Nachbarschaft gibt es Gerüchte über mich, dass ich ein Spion gewesen sein könnte oder mit den Deutschen Schweinefleisch gegessen hätte, dass ich kein guter Muslim sei.“ Mit Hilfe der Niederländer sei ihm im Juli die Ausreise in die Niederlande gelungen, ein längeres Warten hätte ihn und seinen Nachbarn das Leben kosten können, davon ist er überzeugt.

Deutschland will nun, nach dem Durchmarsch der Taliban, - neben eigenen Staatsangehörigen - Ortskräfte ausfliegen lassen und ihnen und ihren Familien in Deutschland Asyl gewähren. Sie sollen in Deutschland zunächst in einer Erstaufnahmeeinrichtung, dann in einer Unterkunft in einer Gemeinde untergebracht werden und eine auf drei Jahre befristete Aufenthaltserlaubnis erhalten. Allerdings gibt es Streit darüber, wie weit der Kreis der zu evakuierenden Ortskräfte gefasst wird. Und inwieweit deren Familienangehörige ebenfalls ausgeflogen werden können. (kat)

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