Wartende Flüchtlinge an einem Stacheldraht am Rande des Flughafens von Kabul. US-Soldaten haben nun Warnschüsse abgegeben.
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Wartende Flüchtlinge an einem Stacheldraht am Rande des Flughafens von Kabul. US-Soldaten haben nun Warnschüsse abgegeben.

„Das müssen wir aufklären“

Sieben Passagiere im ersten Kabul-Rettungsflug: Ministerium erklärt Entscheidung - doch es bleiben Fragen

  • Florian Naumann
    VonFlorian Naumann
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Im ersten Bundeswehr-Rettungsflug aus Kabul saßen nur sieben Passagiere - wie konnte es dazu kommen? Die Regierung erklärt die Lage. Doch die Opposition erhebt Vorwürfe.

Kabul - Auch angesichts erschütternder Bilder aus Kabul und großer Sorge um die afghanischen Ortskräfte der Bundeswehr stieß diese Nachricht am Dienstagmorgen auf Verwunderung: Der erste Evakuierungsflug der Bundeswehr hatte ganze sieben Passagiere an Bord - fünf Deutsche, eine Person aus einem anderen europäischen Land und eine afghanische Ortskraft. (Alle aktuellen Nachrichten rund um die Entwicklungen in Afghanistan gibt es in unserem brandneuen, täglichen Afghanistan-Newsletter.)

Wie konnte es dazu kommen? Das Auswärtige Amt und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) lieferten am Dienstag einige Erklärungen. Die Kritik in Gänze ausräumen konnten sie aber nicht - denn es gab auch grundsätzliche Zweifel am Vorgehen.

Afghanistan: Rettungsflug mit sieben Passagieren - so lautet die offizielle Begründung

Drei Begründungen führten die Ministerin und das Auswärtige Amt (AA) für die scheinbar widersinnig niedrige Auslastung des Flugs ins Feld: Zeitnot, Probleme beim Einlass in den militärischen Teil des Flughafens - und Schwierigkeiten, die Hauptzielgruppen der Flüge überhaupt aus Kabul zum Airport zu bringen.

  • Mangel an Zeit: Die Vorgeschichte der ersten Fluges war wohl turbulent - Berichten zufolge musste die Bundeswehr-Maschine wegen chaotischer Verhältnisse auf dem Rollfeld stundenlang über Kabul kreisen. Kramp-Karrenbauer sprach auch von einer „halsbrecherischen Landung“. Nach Informationen des ZDF blieb in der Folge nur eine halbe Stunde vor dem erneuten Abflug. Ziel des Fluges war es laut der Ministerin auch, Bundeswehrkräfte nach Kabul zu bringen.
  • Logistische Probleme am Flughafen: Die deutsche Maschine war am militärischen Teil des Flughafens von Kabul gelandet. Offenbar ein Problem bei den Evakuierungsplänen: „Eine Aufnahme von Personen, die sich am zivilen Teil des Flughafens aufhielten, wurde von den Partnern, die die Sicherheitsverantwortung am Flughafen ausüben, nicht ermöglicht“, erklärte das Auswärtige Amt.
  • Auszufliegende konnten nicht rechtzeitig benachrichtigt werden: Aufgrund der äußerst gefährlichen Lage auf den Zufahrtswegen zum Flughafen wäre es nach Angaben des AA zu riskant gewesen, „die zu Evakuierenden vor Erteilung der Landeerlaubnis und vor Sicherung des Zugangs durch Bundeswehrkräfte aufzurufen, sich zum Flughafen zu begeben“.

Afghanistan: Sieben Passagiere im A400M - Heftige Kritik von der Opposition

Allerdings ließen die offiziellen Auskünfte eine Frage offen: Wäre es nicht möglich gewesen, Menschen an Bord zu nehmen, die zwar nicht auf den Ausfliegelisten der Bundeswehr standen, aber am militärischen Teil des Flughafens auf einen rettenden Flug warteten?

Der Grünen-Verteidigungspolitiker Tobias Lindner erhob Vorwürfe: „Die A400M ist unter großen Risiken in Kabul gelandet. Da passt es überhaupt nicht, nur 7 Personen mitzunehmen. Auf solchen Flügen darf kein einziger Platz frei bleiben“, erklärte er auf Twitter. „Wer einen A400M mit 7 Personen von Kabul starten lässt, während tausende Verzweifelter vor dem Flugplatz ausharren, hat jeden moralischen Kompass verloren“, klagte auch die Linke-Abgeordnete Kathrin Vogler.

Tatsächlich gibt es in dieser Hinsicht womöglich mindestens einiges zu klären. Zwar könnte die Sperre zwischen zivilem und militärischem Teil des Flughafens als stichhaltige Erklärung dienen. Allerdings gab es auch Stimmen, die die Situation anders schilderten. Es gebe Berichten von „Menschen, die für die Deutschen gearbeitet haben und am Flughafen waren“ und die aufgrund noch nicht abgeschlossener Verfahren „nicht ‚auf der Liste‘ standen und deswegen nicht mitkamen“, twitterte die Grünen-Europaabgeordnete Hannah Neumann: „Auch das müssen wir aufklären.“

Bundeswehr-Luftbrücke nach Kabul: Merkel äußert sich - „Deutschland möchte noch sehr vielen Menschen helfen“

Im zweiten Bundeswehr-Evakuierungsflug am Dienstag befanden sich nach offiziellen Angaben dann aber sowohl deutsche wie auch afghanische Staatsbürgerinnen und -bürger, außerdem Menschen aus anderen Ländern - von insgesamt 125 Passagieren war die Rede. Die Bundesregierung, aber auch die Union bemühten sich, den Eindruck einer zu selektiven Passagierauswahl zu zerstreuen.

„Wir nehmen alles mit, was vom Platz her in unsere Flugzeuge passt“, sagte Kramp-Karrenbauer am Dienstag. „In enger internationaler Zusammenarbeit müssen nun diejenigen Personen, die evakuiert werden sollen, für den Ausflug aus Kabul vorbereitet werden“, erklärte der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jürgen Hardt. „Dies betrifft deutsche Staatsbürger sowie gefährdete afghanische Mitarbeiter der Bundeswehr und von zivilen Hilfsorganisationen. Außerdem wird Deutschland nach Möglichkeit auch gefährdete Personen anderer Nationen ausfliegen.“

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) äußerte sich: „Deutschland möchte noch sehr vielen Menschen helfen, die uns geholfen haben“, sagte sie am Dienstag nach einem Treffen mit der estnischen Ministerpräsidentin Kaja Kallas in Berlin. „Für uns ist es ganz wichtig, alles zu tun, um noch möglichst viele Menschen außer Landes zu bringen.“ Es befänden sich auch bereits Ortskräfte am Flughafen, erklärte Außenminister Heiko Maas (SPD) - er räumte aber auch ein, dass es für diese Menschengruppe generell schwierig sei, noch zum rettenden Airport zu gelangen: Es gebe keine Zusage der Taliban, Afghanen an Checkpoints durchreisen zu lassen. Man arbeite an einer Lösung, sagte Maas.

Bundeswehr auf gefährlicher Mission in Kabul: Grüne sieht es als Konsequenz eines Regierungs-„Versagens“

Dass kommende Flüge besser ausgelastet werden, dafür sollen offenbar auch Kräfte der Bundeswehr in einer gefährlichen Mission sorgen: „Heute sollen die rund 80 in Kabul abgesetzten Fallschirmjäger versuchen, mehr Deutsche an Sammelpunkte in der Stadt und von dort zum militärischen Teil des Flughafens zu dirigieren“, twitterte der am Dienstag weiter in Kabul ausharrende Spiegel-Reporter Matthias Gebauer. „Ob es gelingt, mag niemand garantieren. Lage kann sich jederzeit ändern, heißt es“, fügte er hinzu.

Auch dieser Umstand stieß auf Kritik im politischen Berlin. Das „Versagen der Bundesregierung“ gefährde „auch die jetzt dort eingesetzten Soldaten, die in die Stadt Kabul rein müssen“, merkte die frühere Grünen-Chefin Renate Künast in einem Tweet an. (fn mit Material von AFP)

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