Joe Biden
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US-Präsident Joe Biden trägt die Hauptverantwortung für den Truppenabzug aus Afghanistan. Offenbar hätte ihm und der US-Regierung klar sein müssen, was das bedeutet.

Kritik an US-Regierung wächst

Joe Biden im Fokus: US-Geheimdienste warnten offenbar vor Taliban-Übernahme - „Wusste jeder“

  • Andreas Schmid
    VonAndreas Schmid
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Der Westen wirkte äußerst unvorbereitet auf die Machtübernahme der Taliban. Während sich der BND wohl verschätzte, warnten US-Geheimdienste offenbar vor dem Afghanistan-Kollaps.

Washington/Kabul - Wenige Tage nach dem Truppenabzug aus Afghanistan haben sich die Taliban das Land zurückerobert. Während viele Menschen vor Ort um ihr Leben fürchten, muss sich die Frage gestellt werden, wie es zur Eskalation der Lage kommen konnte. Bei dieser Aufarbeitung gibt der Westen und damit auch Deutschland ein immer schlechteres Bild ab.

Afghanistan: Maas und Biden im Fokus - falsche Einschätzungen über Taliban-Feldzug

Die Vorwürfe werden immer lauter. Wie viel hat die Politik gewusst? Vor wenigen Wochen, am 9. Juni, wies Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) im Deutschen Bundestag den Eindruck zurück, „dass in wenigen Wochen die Taliban das Zepter in Afghanistan* in der Hand haben werden“. Dieses Szenario sei „nicht die Grundlage meiner Annahmen.“ Eine Fehleinschätzung, die der SPD-Politiker mittlerweile auch eingeräumt hat.

Ähnlich äußerte sich auch US-Präsident Joe Biden*, der maßgeblich für den Abzug der Truppen verantwortlich war. Am 8. Juli war sich der Demokrat sicher: Es sei sehr unwahrscheinlich, „dass die Taliban ganz Afghanistan überrennen und das Land übernehmen.“ Auch das eine eklatante Fehleinschätzung.

Afghanistan-Bericht: Regierung war offenbar nicht auf Angriff der Taliban vorbereitet

Im Nachhinein wirkt der Westen ziemlich überrascht ob des Blitzfeldzugs der Taliban. Die Statements der vergangenen Tage sind ein Mix aus Entschuldigungen und der Suche nach Erklärungen. US-Außenminister Antony Blinken gab die Schuld den Afghanen: „Fakt ist, dass die afghanischen Streitkräfte das Land nicht verteidigen konnten. Und das ging tatsächlich schneller als erwartet.“

Das aktuelle Chaos ein afghanisches Selbstverschulden? Berichte aus den USA lassen Zweifel an der Ahnungslosigkeit des Westens aufkommen. Den schon vor Wochen sollen die US-Geheimdienste vor dem Zusammenbruch der afghanischen Regierung und der raschen Übernahme der Taliban gewarnt haben. Wie die New York Times unter Berufung auf informierte Kreise berichtet, hätten Geheimdienste der US-Regierung klargemacht, dass die afghanische Regierung schlicht nicht auf einen Angriff der Taliban vorbereitet sei. Präsident Aschraf Ghani flüchtete am Sonntag vorzeitig und die radikalen Islamisten nahmen Kabul nahezu widerstandslos ein.

Taliban: US-Geheimdienste warnten offenbar vor Kollaps der afghanischen Armee

In der Geheimdienstanalyse heißt es dem Bericht zufolge außerdem, dass die Taliban aus ihrer Übernahme des Landes in den 1990er Jahren gelernt hätten. Diesmal würden die Islamisten zunächst die Grenzübergänge sichern, Provinzhauptstädte in ihre Gewalt nehmen und weite Teile im Norden des Landes einnehmen, bevor sie auf Kabul vorrücken würden. Je mehr Städte in die Hände der Islamisten fielen, desto schneller könne es zu einem Zusammenbruch kommen – eine Vorhersage, die sich als richtig erwies.

In vorherigen Geheimdienstberichten war von weitaus mehr Zeit ausgegangen worden. Die afghanische Regierung würde nach dem Truppenabzug noch bis zu zwei Jahre bestehen, hieß es, Kabul erst nach eineinhalb Jahren fallen. Im Juni 2021 war von einem halben Jahr die Rede. Die Zeitspanne wurde immer weniger und die Prognosen düsterer. Einen endgültigen Sieg der Taliban haben die US-Geheimdienste auch schon vor Bidens Präsidentschaft vorausgesagt.

Die Taliban-Kämpfer haben die Macht in Afghanistan übernommen.

Afghanistan: „Jeder wusste, dass sich die Afghanen ohne uns nicht verteidigen konnten“

Das Problem: Die US-Regierung war offenbar nicht flexibel genug. Darüber hinaus räumen die Geheimdienste ein, nicht mit der besten Kommunikation überzeugt zu haben. Der Situation in Afghanistan sei aber auch generell zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden.

Eine klare Vorhersage über eine unmittelbar bevorstehende Machtübernahme der Taliban habe es vonseiten der Nachrichtendienste jedoch auch im Juli nicht gegeben, sagte ein namentlich nicht genannter hochrangiger Regierungsbeamter der Zeitung. Bis eine Woche vor dem Fall Kabuls habe es noch in Geheimdienstkreisen geheißen, eine Übernahme der Taliban sei nicht unausweichlich. Ob andere Berichte über den Sommer eine optimistischere Einschätzung der Lage in Afghanistan gaben, sei unklar, schrieb die Zeitung.

Kritik an der US-Regierung gab es dennoch: „Die Aufgabe der Geheimdienste besteht nicht darin, zu sagen, dass man weiß, dass die afghanische Regierung am 15. August stürzen wird“, meinte Timothy S. Bergreen, ein ehemaliger Direktor des Geheimdienstausschusses des Repräsentantenhauses, gegenüber der New York Times. „Aber was jeder wusste, war, dass die Afghanen ohne die Verstärkung der internationalen Streitkräfte und insbesondere unserer Streitkräfte nicht in der Lage waren, sich selbst zu verteidigen oder zu regieren.“

Afghanistan: Internes Protokoll durchgesickert: Hat sich der BND verkalkuliert?

Und wie sieht die Situation in Deutschland aus? Laut geleakten, internen Papieren des Bundesnachrichtendienstes* sei eine Übernahme Kabuls vor dem 11. September „eher unwahrscheinlich“. Begründet wird diese Einschätzung damit, dass die Taliban „kein Interesse“ an einer militärischen Einnahme Kabuls habe. Zwar würde eine Ausreise der afghanischen Eliten den „Prozess beschleunigen“, doch eine so schnelle Machtübernahme sei scheinbar nicht geplant gewesen. Der BND scheint sich drastisch verschätzt zu haben.

Die Lage in Afghanistan wird die Politik wohl noch eine Weile beschäftigen. Die Forderungen nach persönlichen Konsequenzen werden lauter*. Omid Nouripour, Sprecher für Außenpolitik in der Bundestagsfraktion der Grünen* nimmt die Bundesregierung in die Pflicht und fragt sich im Gespräch mit Merkur.de*, warum nicht auf entsprechende Berichte aus Afghanistan, wonach die Taliban immer weiter vorrücken, eingegangen wurde. „Der Job der Bundesregierung ist, auf Eventualitäten vorbereitet zu sein. Aber diese Regierung kann nur gutes Wetter – das reicht einfach nicht in dieser Welt.“ (as) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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